Kapitel 9 – Ein Hauch von Champagnerglanz

7–11 Minuten
Avatar von inamaschner

Ein Gemeinschaftsroman von Alexander WachterAnnika KemmeterArina MolchanIna MaschnerLydia WünschNina LischkeVerena Ullmann und Victoria Grader.

Ist dies dein erstes Kapitel von Auffällig Unauffällig? Dann starte am besten am Anfang: Auffällig Unauffällig – Prolog

Das helle Klingeln eines Windspiels begleitete Victoria beim Betreten des Ladens. Das ist neu, dachte Victoria. Aniko dekorierte ihren gesamten Laden immer passend zur aktuellen Kollektion. Das alleine rechtfertigte für Victoria schon einen Besuch. Das kleine Geschäft wirkte durch seine großen Schaufenster geräumig und licht, und seine gesamte Einrichtung machte einen Besuch immer zu einem besonderen Erlebnis. Sorgfältig wurden die einzelnen Hutmodelle drapiert und zwischen Bambus und Strelizien in hohen schlanken Vasen dekoriert. Und zwar so, dass jedes Modell für sich perfekt ausgeleuchtet war, aber sie dennoch ein stimmiges Gesamtbild ergaben. Und es waren nicht einfach nur Hüte. Es waren Hüte von Aniko Senchi, der Koryphäe des Hutdesigns! 

Victoria hatte Aniko schon vor Jahren kennengelernt, als sie sich für einen Auftritt in der Bayrischen Staatsoper neu einkleiden ließ. Anikos Hüte der Spanischen Kollektion, die sie dem Opernhaus für die Aufführung von Carmen zur Verfügung gestellt hatte, hatten Victoria sehr beeindruckt. Zuerst wirkten die Filzhüte im Vaquero Stil mit breiter Krempe und niedriger Krone schlicht und traditionell, aber jeder für sich hatte ein besonderes Extra. Die Details steckten im Hutband und in der Schlaufe. Exotische Stoffe und Bronze hatte Aniko dafür verwendet. Und das Futter war unendlich weich! 

Bald darauf hatte sie Aniko im New National Theatre in Tokio wiedergetroffen. Aniko hatte ihre Hüte im ägyptischen Stil bei der Oper Aida vorgestellt. Sie hatte sich dafür an den Kopfbedeckungen und Kronen der alten Pharaonen orientiert, z. B. an dem Chepresch, der ‘Blauen Krone’, und dem Nemes-Kopftuch, das auf beiden Seiten sowie hinten herunterhing. Bei Aniko hatte das Tuch schwarze und goldene Streifen und auf der Stirn prangte eine Schlangenfigur. Ihre Hüte hatten genau das richtige Flair. Da konnten Gucci und Gabbana einpacken!

„Victoria, es freut mich dich zu sehen!“ Anikos Stimme wurde vom Klappern ihrer Holzschuhe begleitet. Aniko kam mit schnellen Schritten und ausgebreiteten Armen auf sie zu. Sie deutete eine Umarmung nur an – schließlich hielt Victoria ja ihren Kater im Arm – und Victoria und sie hauchten je einen Kuss auf jede Wange. 

„Wie geht es dir, meine Liebe?“, fragte Aniko sogleich und kraulte Fiorello unter dem Kinn, was ihm ein leises Schnurren entlockte. 

Victoria seufzte. Hier konnte sie ehrlich sein. „Schlecht, sehr schlecht! Seit Tagen schlafe ich nicht mehr.“

„Ach herrje, du Ärmste! Das muss am Mond liegen. Ist ja Vollmond zurzeit. Ich spüre den auch immer.“ Aniko nickte mitfühlend, während sie diverse Pakete vor sich stapelte. „Schau mal, vielleicht heitert dich das etwas auf. Hier habe ich dir eine Kostprobe meiner neuen Kollektion vorbereitet. Also, für dich und deinen Kater! Und das Beste: Diese Kollektion wird erst nächsten Monat verkauft. Doch du kannst sie ganz exklusiv schon jetzt haben!“ 

Aniko schob Victoria einen Sessel zu, daneben platzierte sie einen Beistelltisch, auf dem sie zwei Swarovski-Sektkelche mit klaren, funkelnden Kristallen im Stiel, gefüllt mit Champagner, ein Schälchen mit Sahne für Fiorello und ein Tablett mit extravaganten Windbeuteln und anderem kleinen Gebäck stellte. Alles war so perfekt arrangiert, dass es Victoria ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Aniko betüdelte sie immer auf diese aufmerksame Art und Weise. Ein reiner Verkaufstrick, das wusste Victoria, aber es gab keinen Grund, das nicht zu genießen. Eigentlich hatte Victoria kaum noch das Geld, sich diese extravaganten Hüte zu leisten – die ja wahrlich Kunstwerke waren –, aber lieber hungerte sie einen Monat lang, bevor sie auf diese charmante Behandlung von Aniko und ihre Kunstwerke verzichtete. 

„Schau mal“, begann Aniko ihre Vorführung und packte einen weißen Glockenhut mit goldenen Ornamenten aus. Er strahlte den glamourösen, französischen Stil der zwanziger Jahre aus und bei genauer Betrachtung der Ornamente erkannte Victoria diverse Motive Klimts. Er fühlte sich so herrlich weich in ihrer Hand an. Sie setzte ihn auf und Aniko hielt ihr einen großen Spiegel vor, in dem sie sich bestaunen konnte. 

„Und hier ist die Version für Fiorello“, erklärte Aniko begeistert und hielt Victoria die kleinere Variante des Hutes mit Ohrenaussschnitt hin. 

„Carissimo!“, rief Victoria aus. „Zeig mir mehr!“ 

Als nächstes holte Aniko einen Florentiner hervor, einen flachen, breitkrempigen Strohhut mit Schleier. In diesem Schleier spiegelten sich die Werke Picassos wider. Das Stroh des Hutes war fein durchwebt mit verschieden farbigen Garnen.  

Plötzlich schien Aniko etwas einzufallen. Sie eilte aus ihrem Nähzimmer ein Tellerchen mit aufgespießten runden, bunten Kugeln. „Dango!”, rief sie freudestrahlend. “Erinnerst du dich noch an dieses wunderbare Gebäck? Die haben wir doch in Tokio immer hinter der Bühne gegessen! Ich habe sie gleich bestellt, als ich sie neulich im Internet gefunden habe. Die sind fast so gut wie damals!“, sagte Aniko und bot Vicotria einen Spieß an. Fast hätte Victoria laut aufgestöhnt. Es war nicht nur ihr erstes Essen für diesen Tag, sondern auch so verführerisch süß. 

Während Vicotria den klebrigen Reisteig kaute, präsentierte Aniko noch ein Fedora aus Filz, ein Zweispitz – wie ihn Napoleon trug – und ein paar Hutexemplare, die nur noch wenig mit dem eigentlichen Hut zu tun hatten. 

„Was führt dich denn wieder einmal nach München? Ein großer Auftritt?“, fragte Aniko, während Victoria den leeren Spieß mit spitzen Fingern auf ein Tellerchen legte.. 

„Man hat mir eine Festanstellung angeboten. Und da dachte ich: Ansehen kann ich es mir ja mal.“ Schnell half Victoria Aniko, Fiorello einen kleinen Stofffetzen aufzusetzen, doch dieser weigerte sich weiterhin beharrlich. Auch gut. So war Aniko zu abgelenkt, als dass ihr Victorias kleine Lüge hätte auffallen können. Es gab gar kein Angebot. Sie hatte tatsächlich betteln müssen um den Job, aber das würde sie niemals zugeben. Und wenn sie verhungerte!

Es war schon schlimm genug gewesen, dass sie keine Anstellungen mehr in Opernhäusern bekam. Dann hatte sie auch noch ein paar Mitarbeiter der Semperoper hatte tuscheln hören, wie sie über Victorias Abstieg und ihr Versagen auf der Bühne tratschten. Dieser grässliche, chauvinistische Regisseur in Dresden hatte sie reingelegt. Er hatte einige Änderungen vorgenommen, die ihr nicht mitgeteilt worden waren. Und er behauptete allen Ernstes, sie hätte ja nur zur Probe erscheinen müssen. Was dachte der sich denn? Aber ihr Patzer hatte sich herumgesprochen und daraufhin waren die Angebote ausgeblieben. So eine Erniedrigung!  

Victoria hatte sich in ihr Hotelzimmer eingesperrt und drei Tage nur geweint. Ihren Kummer hatte sie mit Schlaftabletten und Sekt hinuntergespült. Sogar Noah hatte sie fortgejagt. Sie hätte es nicht ertragen, hätte er sie in diesem Zustand gesehen. Natürlich war er eine Woche später wieder bei ihr aufgetaucht. Aber sie hielt ihn noch auf Abstand. Traf ihn nur noch auswärts.

Denn sie hatte auch umziehen müssen. Raus aus den teuren Hotelsuiten und rein in eine kleine fünfundzwanzig Quadratmeter große Wohnung in Neuperlach. Die Wohnung war trist und grau, der Herd nicht zu gebrauchen. So sehr man es auch versuchte, aus diesem einen Zimmer war nichts zu machen. Nicht mal Feng Shui hätte daran etwas ändern können. Niemanden hätte sie hierher einladen können, da hätte sie sich zu sehr geschämt. Das wäre die Blamage des Jahrhunderts. Sie musste sogar mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Noch nie hatte sie sich so erniedrigt gefühlt. Die bescheidenen Verhältnisse, in denen sie als Kind leben musste und aus der sie sich mühsam herausgearbeitet hatte, die wollte sie nie wieder erleben. Und nun war sie gescheitert. Nicht nur das, sie hatte auch nicht mehr die Kraft, um aufzustehen. Aber man musste die Fassade aufrechterhalten, durfte sich keine Blöße geben. Fake it, till you make it! Again! Und deshalb mussten neue Hüte her!  

„Und wo ist die Festanstellung?“ 

„Im Tempel. Bei einer Verena Irgendwas.“ Victoria nippte an ihrem Champagner. Sie genoss das Prickeln auf ihrer Zunge.  

Anikos Blick verfinsterte sich. „Verena Pfuhlmann?“ 

Victoria nickte, während sie sich einen schwanförmigen Windbeutel in den Mund schob. „Bei der musst du gut aufpassen!“, warnte Aniko in einem verschwörerischen Flüsterton. „Die ist ein wenig … naja, ich will ja nichts sagen. Das wäre unprofessionell. Aber bitte, pass auf dich auf.“ 

„Ja, ich passe auf mich auf“, antwortete Victoria im gleichen Ton. „Aber ich weiß mich schon zu behaupten, keine Sorge.“ Sie schlürfte noch einmal am Glas Schampus. „Sie wollte, dass ich Jazz singe. Kannst du dir das vorstellen? Ich und Jazz? Ridicolo! Aber ich werde es der dürren Capra schon zeigen!“ Beide lachten. 

Victoria probierte weitere Hüte an und auch Fiorello wurde nicht verschont. Ob er wollte oder nicht, er musste sich der Modenschau fügen. Und bis auf den Florentiner passten ihm alle Hütchen hervorragend. Es hatte jedoch allerhand Mühe gekostet und weder Aniko noch Victoria kamen ohne Kratzer davon.

„Bellissimo!“, rief Victoria aus, als sie Fiorello ein weiteres Mützchen aufsetzte. „Ecco! Sag mal, Aniko, was ist denn eigentlich aus Ina geworden? Ich war so entsetzt, als ich hörte, dass ihr der Tempel nicht mehr gehört. Wo ist sie denn jetzt?“ 

Aniko überlegte. „Ich weiß es gar nicht so genau. Habe nur am Rande mitbekommen, dass es dort einen Besitzerwechsel gab. Dass Verena den Laden übernommen hat, weiß ich jetzt von dir…“ 

Victoria verzog das Gesicht. Und als Aniko es bemerkte, beeilte sie sich sofort zu sagen: „Vielleicht hat Ina ja kein Schutzgeld bezahlt? Das ist ja wichtig, wie man so hört.“ 

„Schutzgeld?“  

„Ja, Mafia-Methoden gibt es ja überall. Was Ina angeht … ich habe gehört, sie wohnt jetzt in einem Wohnwagen. Irgendwo hier in der Gegend. Wo genau weiß aber keiner. Noch mehr Gebäck?“ 

Victoria nickte, war allerdings mit ihren Gedanken weit weg vom Gebäck. Keiner wusste wo Ina war. Wie sollte sie sie jemals finden? Dabei hatte sie so viel Hoffnung in Ina gesteckt!  

Zum Glück traf diese Erkenntnis sie nicht allzu hart, da sie ja noch in diesem im Champagnerglanz strahlenden Laden mit Aniko saß. Und die exquisiten Windbeutel dämpften den Schock nur zu gut. Mit genügend neuen Hüten in der Tasche, fühlte sie sich bestimmt gleich wieder getröstet.  Hoffentlich … 

Wie geht die Geschichte weiter?

Lies gleich das nächste Kapitel und finde es heraus: Kapitel 10 – Black, black, black … Burana

Was ist Auffällig Unauffällig?

Neun gescheiterte Persönlichkeiten und ein Mord. Das ist die Ausgangsituation in diesem skurrilen Kriminalroman.

Alle neun Personen treffen an verschiedenen Punkten ihres Lebens zusammen. Alle werden vom Leben ausgepeitscht und scheitern auf so liebenswerte Weise, dass es fast schon auffällig ist. Die Szene-Bar Der Tempel ist ihr Treffpunkt und jeder verdächtig, den Mord an Tempelbesitzerin Verena Pfuhlmann begangen zu haben. Oder war es doch nur ein Unfall?

Auffällig Unauffällig ist ein Gemeinschaftsprojekt der Prosathek. Jede(r) Autor:in hat einen Charakter geschrieben. Victoria wurde von Ina Maschner verfasst.

(Bild von hollywut (Kathrin) auf Pixabay)


Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..