Auffällig Unauffällig – win Gemeinschaftsroman von Alexander Wachter, Annika Kemmeter, Arina Molchan, Ina Maschner, Lydia Wünsch, Nina Lischke, Verena Ullmann und Victoria Grader.
Ist dies dein erstes Kapitel von Auffällig Unauffällig? Dann starte am besten am Anfang: Auffällig Unauffällig – Prolog
Marina
Mit einem lauten Ächzen öffnete Marina die Tür zu ihrer Wohnung. Es war nichts Besonderes, aber es war ihr Zuhause: vier Zimmer, Küche, Bad. Eigentlich genug Raum für zwei Menschen, doch wenn einer der beiden ein pubertierender Jugendlicher ist, wird der Lebensraum auf einmal deutlich enger. Marina war sehr viel vorsichtiger geworden, seitdem sie ihren Sohn einmal in einem sehr unpassenden Moment überrascht hatte. Er hatte sich seitdem angewöhnt, alle Türen hinter sich abzuschließen, egal, was er vorhatte, und Marina klopfte jedes Mal mehrmals an und wartete eine Weile, bevor sie die Klinke seiner Zimmertür hinunterdrückte.
Marina stellte ihre Tasche auf einem Stuhl im Wohnzimmer ab und zog ihre Jacke aus. Es war kein leichter Tag in der Detektei gewesen. Die viele Arbeit war dabei nicht das Problem, die war Marina gewohnt, sie genoss sie für üblich sogar. Doch alles andere, was am Tag so vor sich gegangen war, hatte ihr den Spaß an der Arbeit verdorben. Sollte Marty tatsächlich etwas vor ihr verheimlichen? Sie konnte sich nicht vorstellen, was es sein konnte, doch die reine Vorstellung setzte Marina unter Stress. Sie hatte geglaubt, ihm absolut vertrauen zu können. Sie wusste nicht, ob sie es ertragen würde, wenn sie sich erneut in einem Mann so geirrt haben sollte.
Sie stellte die Nylon-Tüte mit dem chinesischen Essen auf den Küchentisch: gebratene Nudeln mit Hühnchen für Marina und Nasi Goreng für Frank. Er hatte das immer gern gegessen, auch wenn Marina nicht wusste, wie jemand Reis und Krabben in einem hinunterbekommen konnte. Sie überprüfte die anderen Zimmer, doch ihr Sohn war nicht da. Sie seufzte, setzte sich einsam an den Küchentisch und nahm sich eine Gabel – für Stäbchen hatte sie keine Nerven. Die Cola dazu war auch kaum typisch chinesisch, doch Marina war sich sicher, dass das, was in Deutschland als ‚Chinesisch’ verkauft wurde, nicht viel mit dem zu tun hatte, was man im fernen Osten tatsächlich aß.
Marina hatte ihr Abendessen halb aufgegessen, als sie die Wohnungstür hörte.
„Frank?“, fragte Marina in den Flur hinein.
„Ja, ich bin’s“, kam es murrend zurück.
„Komm, Schatz, ich habe dir dein Lieblingsessen mitgebracht.“
„Kein Hunger“, war alles, was Marina zu hören bekam. Sie sah ihren Sohn an der Küchentür vorbeihuschen und kurz darauf hörte sie, wie ein Schlüssel im Schloss von Franks Zimmertür umgedreht wurde. Frank knallte die Tür hinter sich zu und verschloss sie wieder. Marina seufzte zum wiederholten Male. Die Pubertät war schwierig, erinnerte sich Marina, aber war sie selbst auch so unausstehlich gewesen? Sie war traurig, dass sie ihre Mutter danach nicht mehr fragen konnte. Die Erfahrungen einer anderen Mutter wären sicher wertvoll, doch Regina Molch war nicht mehr da und Marina war nicht gut darin, Kontakte zu anderen Frauen ihres Alters zu pflegen. Sie wünschte nicht zum ersten Mal, ihr gutes Aussehen gegen eine Einsicht tauschen zu können: „Wie geht man mit einem pubertierenden Jungen um“, fragte sich Marina, während sie auf ihren Nudeln kaute. Sie hatte keinen besonders großen Hunger mehr. Die Vermutung lag nahe, dass es ein Mädchen war, das Franks Verhalten erklärte. Wenn Marina dieses ausfindig machen könnte, würde ihr das sicher einen Einblick verschaffen. Nur, wo sollte sie da anfangen zu suchen?
Das Klirren eines Schlüsselbundes riss Marina aus ihren Gedanken. Frank trat aus seinem Zimmer und verschloss die Tür erneut.
„Bin wieder weg“, sagte Frank im Vorbeigehen.
„Warte, Frank, du musst doch was essen“, rief Marina ihrem Sohn hinterher.
„Kein Hunger“, kam aus dem Flur zurück.
„Du kannst doch nicht einfach für fünf Minuten nach Hause kommen und wieder gehen“, sagte Marina, schon etwas lauter, und stand vom Küchentisch auf.
„Sicher kann ich“, knurrte Frank.
Als Marina aus der Küche ging und in den Flur sah, zog Frank gerade seine Schuhe an. Ihr fiel auf, dass ihr Sohn außerordentlich gut gekleidet war – eine Frau war ohne Zweifel im Spiel, doch wo um alles in der Welt hatte Frank das Geld für solche Kleidung her? Auch ohne die Label zu sehen, erkannte sie in der Hose den Schnitt von Armani, in der Jacke Hugo Boss und in den Schuhen Dolce & Gabbana. Marina hatte die Kontrolle über Franks Konto und sie hätte es bemerkt, wenn Frank sein Taschengeld überschritten hätte.
Frank war gerade dabei, zur Haustür zu gehen, als Marina sich ihm in den Weg stellte.
„Halt, junger Mann, so leicht kommst du mir nicht davon“, sagte Marina ruhig aber bestimmt.
„Was ist?“, wollte Frank genervt wissen.
„Du hast einiges zu erklären: Wohin verschwindest du abends immer? Warum isst du so wenig, ich sehe doch, dass du dünner geworden bist. Mit wem verbringst du deine Zeit, wenn du nicht in der Schule bist? Und wo zum Teufel hast du die teuren Klamotten her?“
„Nebenjob“, nuschelte Frank.
„Bullshit“, sagte Marina, „kein Jugendlicher kann sich mit einem Nebenjob Dolce & Gabbana leisten.” Marina nahm den Ärmel von Franks Jacke und sah sich das Label an: Sie hatte richtiggelegen.
„War ein Sonderangebot“, versuchte es Frank erneut.
„Das hat jemand für dich gekauft, Frank, sei ein Mann und gesteh es. Es sei denn, du willst mir sagen, dass du es gestohlen hast“, sagte Marina.
„Ich habe nicht geklaut!“, schrie Frank. Beide hatten sich in ihrer Lautstärke konstant gesteigert.
„Frank, wo auch immer du da reingeraten bist, mach, dass du da so schnell wie möglich wieder rauskommst. Auch wenn es dir scheint, als wäre da jemand sehr großzügig zu dir, kein Mensch auf dieser Welt hat etwas zu verschenken. Was auch immer dein Gönner von dir will, irgendwann musst du zahlen.“
„Ich bin nicht, blöd, okay? Ich bin kein kleines Kind!“
„Dann benimm dich nicht so!“
„Ich weiß was ich tue!“, brüllte Frank und stieß Marina beiseite. Er stürmte aus der Wohnung und knallte die Tür hinter sich zu.
Marina stand minutenlang wie paralysiert da. Die Nachbarn mussten sie gehört haben, doch darum scherte sie sich nicht. Frank hatte ihr nicht wirklich wehgetan, aber dass er so mit ihr umspringen würde, hätte sie niemals gedacht. Was war nur mit ihrem Frank passiert?
Als sie sich von dem Schock erholt hatte, fiel ihr am Boden etwas Schwarzes auf. Es musste aus Franks Jackentasche gefallen sein. Marina hob es auf. Es war ein Haarband aus schwarzer Spitze, an dessen Ende sich ein rotes aufgenähtes Quadrat mit den Initialen V.P. befand. Marina roch an dem Tuch. Sie konnte den Duft nicht genau einordnen aber er kam ihr kaum wie ein Parfum vor, das eine sechzehnjährige tragen würde.
Marina hatte keinen Zweifel mehr daran, dass sich Frank mit einer älteren Frau eingelassen hatte. Und langsam keimte ein Verdacht in ihr auf. Hatte sie dieses Haarband nicht schonmal irgendwo gesehen. Aber wo? Wo nur? Nachdenklich setzte sie sich zurück an den Küchentisch, stand aber sogleich wieder auf. Eine Befürchtung hat sich in ihre Gedanken eingenistet und wuchs, bis sie alles andere verdrängte. Marinas Hand glitt in ihre Hosentasche, sie zog ihr Handy hervor und öffnete die Bilder-App.
Wie geht die Geschichte weiter?
Lies gleich weiter und finde es heraus: Kapitel 21 – Versprechen im Dunkeln
Was ist Auffällig Unauffällig?
Neun gescheiterte Persönlichkeiten und ein Mord. Das ist die Ausgangsituation in diesem skurrilen Kriminalroman.
Alle neun Personen treffen an verschiedenen Punkten ihres Lebens zusammen. Alle werden vom Leben ausgepeitscht und scheitern auf so liebenswerte Weise, dass es fast schon auffällig ist. Die Szene-Bar Der Tempel ist ihr Treffpunkt und jeder verdächtig, den Mord an Tempelbesitzerin Verena Pfuhlmann begangen zu haben. Oder war es doch nur ein Unfall?
Auffällig Unauffällig ist ein Gemeinschaftsprojekt der Prosathek. Jede(r) Autor:in hat einen Charakter geschrieben. Marina wurde von Frank*a Stein verfasst.
Bild von Pixabay.


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