Auffällig Unaufällig – ein Gemeinschaftsroman von Alexander Wachter, Annika Kemmeter, Arina Molchan, Ina Maschner, Lydia Wünsch, Nina Lischke, Verena Ullmann und Victoria Grader.
Ist dies dein erstes Kapitel von Auffällig Unauffällig? Dann starte am besten am Anfang: Auffällig Unauffällig – Prolog
Aniko
Es war Glück gewesen, dass sie auf den jungen Mann traf, der erst vor Kurzem in ihrem Laden war. Es war auch Glück gewesen, dass eben dieser junge Mann ein Pfleger in diesem Münchener Krankenhaus war. Sie versprach ihm fünf Hüte seiner Wahl aus all ihren Kreationen. Dafür müsste er sie nur zu Verenas Leichnam bringen und ihr zwanzig Minuten unbeaufsichtigt und ungestört garantieren. Mit Handschlag besiegelte sie ihren Pakt und nun stand sie im rechtsmedizinischen Operationssaal. Sie hatte nicht darauf geachtet, was er dem älteren Herrn am Empfang erzählte, warum er sie mit in die Rechtsmedizin nahm. Sie hatte nur ihr Blut in den Ohren rauschen hören. Jetzt erinnerte sie sich nicht einmal mehr, wie der Kerl ausgesehen hatte, aber sie wusste noch jedes Szenario, das sie sich ausgemalt hatte, würde man sie erwischen.
Dennoch: Der Pfleger hatte sie hineingebracht. Vor ihr lag auf dem OP-Tisch ein Körper, der mit einem weißen Tuch bedeckt war. Und als ob der Pfleger – wie war doch gleich sein Name? Paul? Philipp? Egal … – gewusst hätte, was sie vorhatte, lagen sogar verschiedene sterile Bestecke und Instrumente neben dem Tisch. Die kühlen Neonlichter an der Decke flackerten kurz, ehe sie stabil weiterleuchteten.
Der klinische Duft von Desinfektionsmittel hüllte Aniko ein. Genau, jetzt war sie nicht mehr Annika, die ehemalige Freundin von Verena, sondern sie war Aniko, die Künstlerin. Und sie musste jetzt professionell handeln, um ihre neuste Idee zum Leben erwecken zu können. Sie warf einen prüfenden Blick auf ihre goldene Armbanduhr. 17:09 Uhr.
Sie ging näher zum OP-Tisch. Jeder ihrer Schritte quietschte auf dem grauen Linoleumboden. Sie riss das weiße Laken zurück. Da also lag Verena Pfuhlmann, komplett entblößt und tot. Ihre Adern schimmerten grünlich durch die fahle, gelbliche Haut. Ihr Körper wurde bereits sorgsam gereinigt, so dass man ihren vom Scheinwerfer zertrümmerten Schädel besonders gut sehen konnte. Splitter ihres Schädels steckten in der breiigen Masse, das einst mal ein Gehirn gewesen war. Annika musste würgen, doch Aniko gemahnte sich wieder zu Professionalität. Sie hatte eine Mission!
Sie wollte Annikas Freundin ehren mit einer Hut-Kreation, wie die Welt sie noch nie gesehen hatte! Verena war stets ihre härteste Kritikerin gewesen. Ohne Gnade hatte sie gesagt, was sie dachte. Für Verenas Ehrung musste etwas Besonderes her. Sie nahm ein Skalpell und schnitt einige Strähnen von Verenas dunklen Locken hab. Sturm-Vreni hatte Annika sie früher genannt. Sie erinnerte sich an die Nachmittage am Starnberger See. Wie sie zusammen am Steg saßen, jede mit einem Bum Bum Eis in der Hand, die rote Zuckercremeglasur leckend, das Vanilleeis danach wegwarfen, um an den übersüßen Kaugummistiel zu gelangen.
„Halt die Klappe, halt die Klappe“, schalte Aniko den anderen Teil in sich für diese nostalgische Erinnerung. Sie stopfte die Locken in eine mitgebrachte Plastiktüte und war schon daran zu gehen. Aber sie drehte sich nochmal um. Sollte sie sich von der Leiche verabschieden? Sollte sie sich bedanken?
Als sie wieder auf dem Absatz kehrt machte, blitzte etwas auf und ihr Blick fiel auf eine Zange, die unschuldig zwischen den anderen Instrumenten lag und im Neonlicht funkelte. Dann traf es sie wie ein Blitz: Sie brauchte noch Verenas Zähne! Sie wären die Krönung auf Anikos Kreation. Sie kehrte zum Tisch zurück und nahm das Paar Latexhandschuhe, die auf dem Tisch bereitlagen und zog sie über ihre schmalen Hände. Das Paar war zu groß, aber für jetzt würde es reichen. Sie nahm die Zange zur Hand und öffnete Verenas Mund. Mit der Zange griff sie nach einem Zahn.
Aniko hatte es sich leichter vorgestellt, aber nach einigem Hin- und Herrütteln war der Zahn gezogen. Sie hatte erwartet, dass es bluten würde, aber kein roter Saft floss aus Verenas Wunde. Stattdessen erinnerte sie sich an Sturm, den dicken Labrador, den Verena über alles geliebt hatte. Sie und ihre Familie meinte es zu gut mit dem Tier. Bei jedem Essen wurde dem Hund etwas zugeschoben. Nudeln, Käse, Schweinebraten, Wammerl. Wenn Verena nicht in der Nähe war, nannte Annika den Hund liebevoll Klopsi. Denn das war er. Mit der Gemütlichkeit von Balu dem Bären trottete er von einem seiner Schlafplätze zum nächsten. Außer er hörte jemanden mit etwas Essbaren rascheln, dann saß er in Sekunden vor einem und glubschte aus traurigen schwarzen Hundeaugen, als ob er seit über einer Woche Hunger leiden musste.
Um die Erinnerung zu verscheuchen, zog sie Verena einen zweiten Zahn. Bilder von ihrem Abi-Ball zogen vor Annika auf. Verena hatte den ganzen Abend kein Wort mit ihr gewechselt. Trotz der nächtelangen Arbeit, um ein Andenken an Sturm zu fertigen, trotz des liebevollen Geschenks, trotz der fürsorglichen Gedanken, die Annika gehegt hatte, redete Verena nicht mit ihr. Stattdessen zog sie ein Gesicht, als ob Annika Klopsi umgebracht hätte. Aber sie konnte doch auch nichts dafür, dass sich das Vieh zu Tode gefressen hatte. Krebs, dass sie nicht lachte. Wenn Verena also den Ballabend schmollend in der Ecke verbringen wollte, na dann bitte! Annika hatte nicht umsonst ihr Outfit selbst entworfen und geschneidert und sich die Finger blutig genäht, um nicht zu tanzen.
Sie wollte eben noch einen dritten Zahn ziehen, als es dreimal kurz und leise an der Tür pochte. Ah, das musste Philipp … Peter … egal!, sein. Sie sah auf ihre Uhr. 17:25 Uhr. Sie legte die Zange zurück zu den anderen Instrumenten und der metallische Klang der Werkzeuge hallte leise in dem hallenartigen Raum wider.
Sie zog die Handschuhe aus und warf sie in den Müll. Dann setzte Aniko ein mildes Lächeln auf und öffnete die Tür.
„Ich hab alles, was ich brauche“, sagte sie.“
ENDE
Wie geht die Geschichte weiter?
Du bist beim letzten Kapitel angekommen. Leider ist die Reise hier zu Ende.
Was ist Auffällig Unauffällig“?
Neun gescheiterte Persönlichkeiten und ein Mord. Das ist die Ausgangsituation in diesem skurrilen Kriminalroman.
Alle neun Personen treffen an verschiedenen Punkten ihres Lebens zusammen. Alle werden vom Leben ausgepeitscht und scheitern auf so liebenswerte Weise, dass es fast schon auffällig ist. Die Szene-Bar Der Tempel ist ihr Treffpunkt und jeder verdächtig, den Mord an Tempelbesitzerin Verena Pfuhlmann begangen zu haben. Oder war es doch nur ein Unfall?
Auffällig Unauffällig ist ein Gemeinschaftsprojekt der Prosathek. Jede(r) Autor:in hat einen Charakter geschrieben. Dieses Kapitel wurde von Ina Maschner verfasst.


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