Systemfehler

5–7 Minuten
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von Lydia Wünsch

Kurz nachdem ich Daniel zur Welt gebracht hatte, hörte ich zum ersten Mal in meinem Leben von einem „Systemfehler“.

Die Hebamme schlug die Augen nieder, als sie das Wort verwendete. „So etwas kommt äußerst selten vor. Die Wahrscheinlichkeit geht gegen Null. Mir ist absolut schleierhaft, wie wir das so lange übersehen konnten.“

Ich verstand nicht. Ich hatte ihn doch gesehen, oder? Für einen kurzen Moment. Ihn gehalten, seine Wärme gespürt. Er war perfekt.

Dann nahmen sie ihn mir weg. Ich schrie einen Tag und eine Nacht lang. Niemanden interessierte es.

Wenige Wochen nach Daniels Geburt und seinem Verschwinden fängt Ben plötzlich davon an, dass wir es erneut versuchen sollten. Ich wische gerade Staub in Daniels Kinderzimmer. In der Luft liegt der Geruch von Babypuder. Es kratzt in meiner Kehle.

Ben lehnt sich gegen den Türrahmen. „Wir sollten nicht zurückschauen“, sagt er. „Systemfehler sind äußerst selten, das hat doch der Arzt gesagt. Und die Wahrscheinlichkeit, dass es ein zweites Mal passiert, ist sehr gering.“

„Aber wieso hat uns niemand davor gewarnt?“, frage ich, und streiche die hellblaue Tagesdecke in Daniels Wiege glatt. „Ich war darauf nicht vorbereitet.“

„Wir lassen uns ein Neues machen, das genau wie Daniel sein wird“, sagt Ben. „Nur eben ohne Systemfehler … Du wirst keinen Unterschied bemerken.“

Ich öffne Daniels Schrank, und sehe nach, ob ich die Regale ebenfalls auswischen sollte. Mit der Hand fahre ich einen Stapel Strampler entlang. Meine Finger umkrampfen einen Moment lang den Stoff. Seine Kleidung hatte ich nach Farben und Alter sortiert. Wir hatten sie bereits für die kommenden zwei Jahre besorgt. Wir waren perfekt vorbereitet. „Es ist nur so, dass er so normal aussah. Er hat geschrien und sich bewegt. Er sah nicht aus wie ein Fehler.“

Ben stößt sich vom Türrahmen ab und wendet sich um. Ich folge ihm in die Küche, wo er sich an den Tresen setzt. Mit einer eleganten Schwung-Bewegung seines Handgelenks aktiviert er seinen eingebauten Chip. Ein Hologramm mit verschiedenen Bildern öffnet sich. Fußballergebnisse, Musikvideos und Nachrichten. Er sieht mich nicht mehr an, sondern fängt an, auf dem Hologramm herum zu tippen. Ich stehe unschlüssig da. Die Nachbarn werden sich wundern, wenn ich keiner sinnvollen Tätigkeit nachgehe. Es ist allerdings noch etwas zu früh, um das Mittagessen vorzubereiten. Also nehme ich einen Lappen und wische über die Arbeitsfläche.

„Natürlich sehen wir den Fehler nicht“, sagt Ben nach einer Weile, ohne von seinem Hologramm aufzusehen. „Wir sind keine Ärzte. Die werden bei ihren Untersuchungen etwas gefunden haben. Mach dir keinen Kopf darüber. Die wissen schon, was sie tun. Ich gebe zu, es wirft unseren Plan durcheinander. Aber wir liegen doch immer noch gut in der Zeit. Wir sollten nur bald den Termin vereinbaren. Dann können wir die Sache erneut angehen. Der Arzt sagt doch, du bist topfit und dein Körper stark genug für eine erneute Schwangerschaft.“ Beim letzten Satz sieht er kurz auf und lächelt mich an.

„Ich wüsste nur gerne, was mit ihm passiert ist.“

Die Kaumuskeln von Bens Kiefer spannen sich an. Er wirkt irritiert. „Was meinst du?“

Ich wische mechanisch über den sauberen Tresen und denke an Daniels Matrosenanzug im Schrank. Daniel hätte ihn mit einem Jahr tragen sollen. Damit hätte er ausgesehen wie die Puppe, die ich als Achtjährige zu Weihnachten bekommen hatte. Hellbraune Locken, dunkelgrüne Augen und pfirsichfarbene Wangen. Das sollte mein Baby sein. Das hatte ich Ben bei unserem ersten Treffen im Café der Partnerbörse gesagt. Warum auch nicht? Wir sind kompatibel. Unsere Gene passen perfekt zueinander. Der Algorithmus hatte es errechnet.

Ben erhebt sich vom Barhocker und kommt auf mich zu. Mit beiden Händen umfasste er meine Schultern und drehte mich zu sich um.

„Ich finde, du solltest dir langsam eine andere Tätigkeit suchen“, sagt er. „Meinst du wirklich, die Nachbarn glauben, dass die Arbeitsfläche immer noch schmutzig ist?“ Er lächelt zwar, sieht aber plötzlich müde aus.

Ich sehe zu ihm hoch. „Fragst du dich denn nie, wo er jetzt ist?“

„Das ist nicht unser Job, Schatz.“

„Ich weiß, aber er war doch mein Baby.“

„Er war ein Systemfehler.“

Er fährt meine Schultern herab bis zu meinen Händen und hält sie noch einen Moment lang fest. Zu fest. Es tut weh.

„Autsch“, sage ich.

Ben lässt mich sofort los, als hätte er eine heiße Herdplatte berührt. Er hat mich noch nie zuvor grob angefasst. Für einen Moment ballt er seine Hände zu Fäusten. Dann holt er tief Luft. „Wir wollen nicht streiten, ja?“ Er blickt nervös zu den bodentiefen Küchenfenstern und setzt sich wieder auf den Barhocker. „Du bekommst alles, was du dir wünschst, wie ich es dir versprochen habe. Unser Vertrag gilt nach wie vor.“

Es ist das erste Mal, dass Ben unseren Ehe-Vertrag erwähnt. So unromantisch ist er sonst nicht. „Hast du etwa Angst, dass ich dich verklage? Das würde ich doch nie tun … Ich will … Ich will doch nur wissen, was mit ihm ist. Ich will wissen, was mit den Systemfehlern passiert. Ist das so verwerflich?“

Ben sieht wieder zum Fenster hinaus, das den Blick auf die Straße und vorbeigehende Passanten freigibt. „Ich denke, du kannst langsam mit dem Mittagessen beginnen“, sagt er.

Ich hole ein Schneidebrett und ein besonders scharfes Messer aus der obersten Schublade hervor. Anschließend wähle ich eine rot glänzende Paprika aus dem Gemüsefach und fange an, sie zu zerschneiden. Ben tippt wieder auf seinem Hologramm herum. Eine Weile ist es still.

„Verzeih, wenn ich dich mit meiner Frage beunruhigt habe. Aber ich hatte ihn neun Monate lang in meinem Bauch. Und … ich will doch nur Informationen.“

„Und was willst du mit den Informationen machen, wenn du sie hast?“

Für einen Moment lasse ich das Messer sinken. „Das weiß ich dann, wenn es so weit ist.“

„Du denkst schon länger darüber nach. Hab‘ ich recht? Wieso verheimlichst du mir das?“

„Ich musste das erstmal für mich selbst sortieren.“ Ich beiße mir auf die Unterlippe.

„Für dich selbst? Wir entscheiden doch alles gemeinsam.“

„Ich rede jetzt mit dir.“

„Nachdem du bereits eine Entscheidung getroffen hast. Du hast mich glauben lassen, meine Meinung würde zählen, aber du hast längst beschlossen, dir die Informationen zu beschaffen. Nicht wahr?“ Seine Stimme wird lauter.

„Ja. Und hilfst du mir?“, frage ich leise.

Ben strafft den Rücken. Sein Gesichtsausdruck ist jetzt sehr ernst. Zu ernst für meinen Geschmack. „Denk‘ an die Nachbarn, Schatz“, sage ich und lächele ihn an.

„Ich darf doch wohl noch über ein Problem nachdenken“, gibt er beleidigt zurück.

„Wir haben kein Problem. Nichts, das uns nachts schlecht schlafen lassen würde. Wir holen uns nur Informationen ein.“

Ben runzelt die Stirn. „Und weißt du schon, wo du mit der Suche beginnen willst?“ Er stützt seine Ellbogen am Tresen ab und knackt mit den Fingern. Verstohlen sieht er sich um.

Ich habe die Paprika mittlerweile in so kleine Stücke zerteilt, dass man sie mit einem Löffel hätte essen müssen. „Die Sonne ist heute besonders grell“, sage ich. „Ich denke, wir können die Rollläden guten Gewissens herunterlassen.“  

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Bild: Pixabay


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