Der verzauberte Prinz

3–5 Minuten
Avatar von lydiawuensch

Ich hätte es wissen müssen. Von dem Moment, in dem ich sie zum ersten Mal sah. Alles an ihr funkelte, wie die Sonne, die sich im Wasser spiegelte. Sie war nicht einfach nur schön. Sie war ein Brilliant, zart … so zart, so Frau, so weich, gleich einem atemlosen Reh.

Kennenglernt habe ich sie auf einem Maskenball. Ihre goldenen Augen funkelten mich durch die schwarzen Schlitze ihrer Maske an. Sing hing am Arm eines anderen Mannes, dem ich sie am liebsten sofort entrissen hätte.

Nach einer langen Phase der ermüdenden Suche hatte ich sie endlich gefunden. Mit ihr sollte die Suche ein Ende haben. Durch wie viele Dates hatte ich mich gegraben? Wie viele Frauen unter mir erlebt, die sich stöhnend wandten und räkelten. Ihre süßen Lippen um meine schlossen, aufschrien, wenn ich meine Zähne in ihr saftiges Fleisch grub, nur um dort genüsslich zu verweilen. Die Fesseln um ihre Handgelenke, die rote Striemen hinterließen, ihre Unterwürfigkeit, die man einem Königssohn so selbstverständlich entgegenbrachte, wie einem hungrigen Säugling die Mutterbrust …

Und der fade Beigeschmack, wenn es vorbei war. Das Wissen, dass auch diese verlorene Seele den Weg in mein Innerstes nicht finden konnte.

Bis sie kam. Ihr wollte ich den Diamanten über den Finger streifen. Noch bevor ich wusste, wie süß der Saft ihrer weichen Lippen schmecken würde, die sich auffächerten wie eine Amaryllis. Ihr wollte ich den Thronfolger schenken, der sich durch ihre Blume durch das Leben hindurchstoßen würde.

Bei unserem ersten Treffen zitterte ihre Unterlippe, als ich sie so unverhohlen zu mir heranzog. Alles an ihrem Körper war lebendig und zeigte mir den Weg. Ich wählte meine Worte sorgfältig, denn jedes einzelne schien tief in sie einzudringen und konnte einen Tornado auslösen. Ich sah es an den zusammengezogenen Augenbrauen, dem flachen Atem, dem nach Luft ringenden Mund, bis hin zu den heißen Tränen, die sich auf meiner Brust ergossen. So weich, so zart, so Frau, so beschützenswert.

Wenn der Tornado abklang, spürte ich ihren tiefen Atem, bin in den Bauch hinein. Ich hörte ihr flirrendes Lachen. Spürte einen kalten Rücken, der sich an meinen Bauch schmiegte und kleine Hände, die entschlossen nach meinen griffen, um sie an ihre Brust zu legen. Diese Brust, die sich in meine Hand schmiegte, als wäre sie dort hineingegossen worden.

Sie tanzte nicht einfach nur, sie war der Tanz.

Sie war nicht einfach nur mutig, sie war der Mut selbst.

Sie war nicht traurig, sie war die Trauer.

Außen so zart und innen …?

Sie war meine Prinzessin. Und ich?

… war ich der perfekte Prinz?

Habe ich sie so geliebt, wie sie es brauchte?

Nun, ich habe mein Bestes gegeben. Aber ich bin nicht nur ein Prinz. Ich bin eben auch ein Mann. Und das Handy klingelte weiter. Unaufhörlich flammten die Nachrichten herein. So unverhohlen, roh und einfach. „Ich habe Lust auf dich!“ Und es war ja nur körperlich. Keine Seelenverwandtschaft. Nur die nackte Freude an der brennenden Lust der Unterwerfung.

Nein. Betrogen habe ich sie nie. Nicht im eigentlichen Sinne. Aber das wollte sie nicht verstehen.

Und so bekam ich ihre Härte zu spüren.

Denn Frauen sind eben nur von außen zart.

Das hätte ich früher wissen müssen.

Sie war nicht wütend, als sie es erfuhr.

Sie war die Wut.

Die Wut, die mich hierhergebracht hat. Tief ins Innere eines Brunnens, unter das glitzernde Wasser, hinter dem sich die Sonne spiegelt wie eine goldene Kugel.

Doch Moment mal: Da ist noch etwas anderes. Eine Stimme. Süß und zart singt sie mir ein Lied. Ich schwimme näher heran, um diese sanfte Stimme zu hören, näher und näher stoße ich mich mit meinen dürren Beinen in Richtung Wasseroberfläche. Als die Stimme plötzlich versiegt und die Sonne mit einem kräftigen Platschen auf der Wasseroberfläche aufprallt, sich hindurchstößt und knapp an mir vorbei in die Tiefen des Brunnens hinabsiegt. Erschrocken halte ich für einen Moment inne. Was zum Teufel war das?

Doch dann höre ich die Stimme erneut, diesmal von tiefen Schluchzern durchzogen. Entschlossen schwimme ich weiter nach oben, nach Luft ringend durchstoße ich endlich die Wasseroberfläche, japse und springe mit einem Satz auf den Brunnenrand.

Und da sehe ich sie.

Sehe wie sie die Hände vor das Gesicht schlägt und das blonde Haar ihre bebenden Schultern bedeckt. 

„Was weinst du denn so bitterlich?“, frage ich sie.

Da sieht sie mich an, mit rotunterlaufenen Augen, und antwortet mir. „Meine Kugel, meine geliebte goldene Kugel. Sie ist in den Brunnen gefallen.“  

Der Rest ist Geschichte.

Willst du mehr von Lydia Wünsch lesen? Hier geht es zu ihrem Roman Rosies Wunderkind.

Bild von Anja auf Pixabay.


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