„Gold ist die Farbe“ – Märchen

15–23 Minuten
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von Lydia Wünsch

Prolog:

Das Mädchen steht im Morgengrauen auf, um Kräuter zu sammeln. Barfuß wandert sie über das taufrische Gras. Die Halme kitzeln an ihren Fußsohlen. Die ersten Sonnenstrahlen wärmen ihre Haut und ein leichter Windhauch sorgt für ein angenehmes Kribbeln auf ihren Wangen. Unter ihrem Arm trägt das Mädchen einen Korb, in den sie ihre Ausbeute legt, dabei summt sie vor sich hin. Nichts bestimmtes, nur ein beruhigender Brummton. Auf dem Rückweg kommt sie an einem kleinen Teich vorbei und beschließt, sich dort auszuruhen. Sie setzt sich an den Rand des Teichs und sieht ihr Spiegelbild im Wasser. Tief atmet sie aus und fasst den Mut, es sich anzusehen, doch sie hält dem Bild nicht lange stand. Unzufrieden verzieht sie ihr Gesicht und tippt mit ihrem Fuß ins Wasser, sodass das Bild verschwimmt. Sie schüttelt sich kurz und will gerade wieder aufstehen, als die Worte im Wasser erscheinen, nur flüchtig, aber lange genug, sodass das Mädchen sie erkennen kann.

nebeil uz tsbles hcid, tsgna eniek bah!

Der Fieberschub

Es war einmal ein Mädchen, das mit ihrem Geliebten in einem einsamen Häuschen im Wald lebte. Das Mädchen bewunderte ihren Geliebten sehr, denn er war ein strahlend schöner Zauberer. Einfach alles, was er anfasste, wurde zu Gold. Das Mädchen versuchte sich hin und wieder selbst an kleineren Zaubersprüchen, aber so recht wollte ihr das nicht gelingen. Nur ein einziges Mal hatte es funktioniert. Als das Mädchen dem Zauberer half, einen Pfad aus Goldstaub zu ziehen, berührte sie versehentlich den Staub, er glimmte kurz auf. Für einen Moment spürte das Mädchen eine unbändige Freude in sich aufkommen, ihr Herz schlug schneller und ihre Wangen fingen an zu kribbeln. Dann war es vorbei. Und das Mädchen tat dies als einmaliges Ereignis ab, das bald vergessen war.

Es bekümmerte sie allerdings nur wenig, dass sie selbst keinerlei Fähigkeiten besaß, denn sie hatte ja ihren Zauberer. Sie besann sich darauf, ihm ein gemütliches Heim zu bereiten, in dem es immer nach wundervollem Essen duftete. Sie bepflanzte den Garten mit den schönsten Blumen und war zufrieden mit ihrem gemeinsamen Leben.  

Nur eine einzige Sache trübte das Glück der beiden. Eine winzige Kleinigkeit, die anfangs nur selten auftrat, sich mit der Zeit allerdings häufte, und regelmäßig wiederkehrte. Es war wie eine Krankheit, von der der Zauberer immer wieder heimgesucht wurde. Dann veränderte sich sein Wesen plötzlich. Sein ganzer Körper begann zu glühen und zu beben, wie im Fieberrausch. Er wurde wütend und herrschsüchtig, beschimpfte und schlug das Mädchen. „Liebst du mich?“, schrie er dann. Doch egal wie oft das Mädchen ihm seine Liebe bestätigte, der Zauberer glaubte es ihr nicht. Wenn das Fieber abgeklungen war, war der Zauberer zutiefst erschüttert über sein eigenes Verhalten. Dann weinte er in ihrem Schoß. Sie tröstete ihn. Tat er ihr doch schrecklich leid. Sie wollte ihm so gerne helfen und wusste einfach nicht wie.

An seinem Hals trug der Zauberer einen magischen Kristall. Dieser verfärbte sich lila, sobald er einen seiner Schübe bekam. Wenn dieser abgeklungen war, war der Kristall wieder glasklar. Jedes Mal hoffte das Mädchen, dass es diesmal der letzte Anfall gewesen sei und auch der Zauberer gelobte stetig Besserung. Doch der nächste Vorfall kam – und es war jedes Mal schlimmer als zuvor.

Das Mädchen verstand, dass nur sie ihm helfen konnte. Dass sie mit ihrer Liebe, wenn sie nur stark genug war, ihren Zauberer von seinem Leid befreien musste. Besaß sie auch sonst keine Fähigkeiten, so doch zumindest ihr übergroßes Herz.

Die Heilung

Regelmäßig sammelte das Mädchen Kräuter im Wald und mischte daraus Heiltränke, in der Hoffnung, die Fieberschübe ihres Geliebten zu lindern. Doch alles war vergebens. Daher entschloss sich das Mädchen eines Tages, die Hexe des Waldes um Rat zu bitten. Frühmorgens, während der Zauberer noch schlief, machte sie sich auf den Weg ins tiefste Innere des Waldes. So weit war sie bisher noch nie vorgedrungen. Doch ihr unerschütterlicher Wille zeigte ihr den Weg, selbst in der größten Dunkelheit. 

Sie lief und lief bis ihr die Beine schmerzten. Ihre nackten Fußsohlen brannten, Hunger und Durst plagten sie und fast bereute sie ihren Entschluss schon und fragte sich, ob sie lieber umkehren sollte, als sie plötzlich einen eigenartigen Gesang wahrnahm. Sie ging weiter, bis vor ihr ein kleines, verwittertes Häuschen auftauchte, das durch die Dunkelheit des Waldes nur schemenhaft zu erkennen war. Ein kleines Licht schimmerte durch ein verschmutztes Fenster hindurch, und der Duft von Kräutern mischte sich mit einem krächzenden Singsang, dessen Worte das Mädchen nicht verstand.

Als das Mädchen vor der Tür stand, hatte sie weiche Knie. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Wusste sie doch nicht, was sie im Inneren des Hauses erwarten würde. Sie streckte ihre Hand nach dem Türknauf aus, doch ihre Hand zitterte so sehr, dass sie plötzlich zögerte. Noch bevor sie den Türknauf berührte, sprang die Tür mit einem lauten Knarzen von selbst auf. Das Mädchen presste die Lippen aufeinander. Sie wollte schon flüchten, da erblickte sie die Dämonin. Sie stand in gebückter Haltung an einem großen Topf und rührte in einem Kräutersud. Der merkwürdige Gesang der Hexe verstummte, das Mädchen wagte kaum noch zu atmen.

„Was stehst du hier wie angewurzelt in der Tür?“, krächzte die Alte, ohne von ihrem Kräutersud aufzusehen. „Komm herein und wärm dich auf. Von deiner langen Reise musst du völlig erschöpft sein.“

Da erst wagte das Mädchen ein paar zaghafte Schritte ins Innere des Hauses. Der Boden knarzte, aber die Wärme tat gut. Die Hexe sah das Mädchen immer noch nicht an, goss aber einen großen Schluck von ihrem Sud in eine Tasse und hielt ihn dem Mädchen entgegen. Das zögerte noch.

„Trink ruhig“, sagte die Alte, und blickte dem Mädchen zum ersten Mal ins Gesicht. „Mach dir keine Sorgen. Ich will dich schon nicht vergiften.“ Die Hexe verzog ihr Gesicht zu einem Grinsen, sodass ihre Haut noch faltiger wurde.

Das Mädchen ergriff die Tasse, und auch wenn ein Teil von ihr noch immer große Angst hatte, so sehnte sie sich danach, etwas Warmes zu sich zu nehmen. Die ersten Schlucke des heißen Gebräus taten unglaublich gut. Für einen Moment schloss das Mädchen die Augen und genoss das wohlige Gefühl.

Die Alte hatte es sich derweil in einem alten Schaukelstuhl bequem gemacht und sah das Mädchen mit fragendem Blick an. „Was verschafft mir die Ehre deines Besuches? Immerhin machen sich nur selten Leute auf den Weg ins tiefste Innere des Waldes, nur um mich zu sehen. Und wenn, dann plagt sie meist großes Leid.“

Da brach das Mädchen sofort in Tränen aus und klagte von den Leiden des Zauberers.

Der runzelige Blick der Hexe verdüsterte sich. „Ich weiß nicht, ob ich dir helfen kann“, sagte sie, während sie bereits anfing, in ihrer Kräutersammlung zu stöbern und kleine Stoffbeutel damit zu befüllen.

„Aber du bist doch im ganzen Wald bekannt dafür, selbst das Unmögliche zu schaffen“, sagte das Mädchen mit flehendem Blick.

„Du willst von mir eine Garantie. Die kann ich dir nicht geben. Ich sehe ihn mir an. Aber ich kann ihm nur den Anstoß geben, der Heilungsprozess muss in ihm stattfinden.“

„Aber was ist das nur für eine schreckliche Krankheit?“, fragte das Mädchen und wischte sich die Tränen aus den Augen.

Die Hexe, die gerade eine reisähnliche Substanz in einen Beutel füllte, hielt mitten in der Bewegung inne und sah das Mädchen forsch an. „Frag dich nicht nur, was er für eine Krankheit hat. Frage dich, was dich plagt.“ Ihre Augen blickten plötzlich so bedrohlich auf das Mädchen, dass ihm ganz heiß wurde.

„Wieso denn ich? Ich bin doch nicht krank.“

„Das vielleicht nicht, aber du kennst deine Wünsche nicht“, sagte die Alte und band das letzte Säckchen mit Kräutern zusammen. Dann legte sie alles in einen Korb und zog ihre Kapuze tief in ihr Gesicht, bevor sie die Haustüre hinter sich schloss.

„Ich verstehe dich nicht, alte Hexe“, sagte das Mädchen, als sie gemeinsam den Weg zurück gingen. „Ich habe nur den einen Wunsch: dass mein Freund gesund wird.“

Die Alte blieb stehen und schaute das Mädchen an. Dem Mädchen war, als durchbohre sie der Blick. Sie bekam eine Gänsehaut. Die Alte legte ihr die Hand auf die Wange, zog sie aber schnell wieder zurück, als hätte sie sich verbrannt.

Die beiden gingen weiter ihren Weg. Immer wieder blickte das Mädchen unsicher zu der Frau, die ihr Gesicht nun dem Boden zuwandte und leise mit sich selbst redete. Es hörte sich an wie ein Gebet, aber die Worte verstand das Mädchen nicht. Das Mädchen wurde nervös. Ob es so eine gute Idee gewesen war, die Hexe um Hilfe zu bitten? Sie schien offensichtlich verwirrt. Je näher sie zu ihrem Haus kamen, desto unruhiger wurde das Mädchen. Auf ihrem Brustkorb lag eine bleierne Schwere, und die Wange, die die Hexe berührt hatte, glühte wie Feuer.

Die Alte ging neben ihr, mit geschlossenen Augen, als würde sie den Weg kennen und flüsterte weiter die unverständlichen Worte. Je näher sie kamen, desto lauter wurde sie. „Nebeil uz tsbles hcid, tsgna eniek bah.“

Das Mädchen erinnerte sich, die Worte schonmal irgendwo gehört oder gesehen zu haben, hatte aber keine Zeit mehr darüber nachzudenken, denn da war ihr Häuschen schon zu sehen. Das Herz des Mädchens klopfte immer schneller. Die Frau machte ihr mittlerweile Angst. „Können wir nochmal darüber reden? Ich will das vielleicht doch nicht“, hauchte sie.

In dem Moment blieb die Alte stehen. Mit düsterem Blick starrte sie die Haustüre an. Dann ging sie schnurstracks mit vornübergebeugter Haltung weiter, als stemme sie sich mit aller Kraft gegen den aufkeimenden Wind. Die Tür ließ sie keine Sekunde aus ihrem Blick. Als sie vor ihr ankam, öffnete sie sich von selbst.

Das Mädchen lief ihr nach. „Sie tun ihm doch nicht weh?“, keuchte sie. Da standen sie bereits im Schlafzimmer.

Dort lag er und sah so unschuldig und weich aus, dass es dem Mädchen die Tränen in die Augen trieb. „Bitte helfen Sie ihm“, flüsterte sie, als sie sah sie wie die Hexe um das Bett herumlief und ihre Kräutersäckchen über dem Schlafenden ausschüttete. Unerlässlich murmelte sie dieselben merkwürdigen Worte.

Da riss der Schlafende mit einem Ruck die Augen auf und schnappte nach Luft. Sein Oberkörper bäumte sich auf. „Was willst du von mir?“, schrie er, als er die Dämonin sah. Diese antwortete nicht, legte nur ihre Hände auf seine Brust und sah ihn besorgt an, während sie weiter ihre Zauberformel sprach. „Nebeil uz tsbles hcid, tsgna eniek bah.“

„Lass mich, du Mistvieh!“, schrie der Zauberer. Wuttränen überströmten sein Gesicht.

Das Mädchen drückte sich verzweifelt an die Wand und weinte, als sie ihren Geliebten so leiden sah.

„Ich tue dir doch gar nicht weh“, sagte die Hexe und schüttelte traurig den Kopf. Sie holte tief Luft und wiederholte die Worte.

„Nebeil uz tsbles hcid, tsgna eniek bah.“ „Nebeil uz tsbles hcid, tsgna eniek bah.“ „Nebeil uz tsbles hcid, tsgna eniek bah.“

Dann wurde es still.

Der Zauberer schien sich zu beruhigen und atmete nun friedlich in den Armen der alten Dämonin.

„So ist es gut, mein Junge.“ Sie strich ihm seine verschwitzen Haarsträhnen aus dem Gesicht.

Das Mädchen kam näher und warf einen Blick auf ihren Zauberer. Er sah müde aus, aber er lächelte.

„Ist es vorbei?“, fragte sie, als sie wenig später die Alte zur Tür begleitete.

Diese runzelte die Stirn und gab dem Mädchen eines von ihren Kräutersäcken. „Das wissen wir nicht. Im Moment ist es gut, aber erst die Zeit wird zeigen, ob die Wirkung anhält.“

„Soll ich ihm das geben, wenn es wieder anfängt?“, fragte das Mädchen mit Blick auf das Säckchen.

Die Alte schüttelte den Kopf. „Das ist für dich, mein Kind.“

„Aber mir geht es gut“, protestierte das Mädchen.

Die Alte lächelte und streichelte dem Mädchen den Kopf, wie sie es zuvor beim Zauberer getan hatte. „Ihr armen Kinder“, sagte sie. „Ich denke, ihr seht beide nicht klar. Was eigentlich hinten ist, ist bei euch vorne.“

Sie gab dem Mädchen die Hand und drückte sie für einen Moment. Das Mädchen betrachtete die runzlige Haut. An ihrem Ringfinger trug die Alten einen wunderschönen Ring mit einem großen, smaragdgrünen Stein. Für einen Moment war das Mädchen von der Schönheit des Steins überwältigt. „Ich danke dir für alles“, flüsterte sie, während sie noch immer den Ring anstarrte. 

„Danke mir nicht“, sagte die Alte. „Ich bin mehr als du siehst. Und es wird vielleicht Zeiten geben, da wirst du mich verfluchen.“ Sie zog ihre Kapuze wieder über ihr Gesicht und verschwand.

Das Mädchen schüttelte den Kopf, während sie das Säckchen in ihrer Schürzentasche verschwinden ließ. Doch sie hatte weder Zeit noch Lust, sich über die Alte Gedanken zu machen. Scheinbar hatte sie ihrem Geliebten helfen können, und das war das Einzige, das zählte.

Bei Vollmond

Die nächste Zeit war die schönste im Leben des jungen Mädchens. Offenbar hatte die verrückte Hexe ihrem Geliebten wirklich helfen können. Ihr Zauberer wurde zu einem Märchenprinzen, der das Mädchen auf Händen trug. Er war schöner und strahlender als je zuvor, höflicher und zuvorkommender als es das Mädchen je erlebt hatte. Jeden Morgen weckte er sie mit einem sanften Kuss und duftenden Blumen, die er aus ihrem Garten geholt hatte. Was immer die Alte gemacht hatte, das Mädchen war unglaublich dankbar. Endlich konnte ihr Traum wahr werden, für immer mit ihrem Zauberer zusammen zu sein. Die Krankheit schien besiegt, und das Mädchen dachte gar nicht daran, dass sich irgendetwas daran jemals ändern könnte.

Bis zu dieser Vollmondnacht. Schon in der Nacht hatte das Mädchen nur schlecht in den Schlaf gefunden. Immer wieder hatte sie sich herumgewälzt, war schweißgebadet und mit klopfendem Herzen aufgewacht.

Am Morgen wurde sie schon mit den ersten Sonnenstrahlen wach und wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Da war kein Kuss, der sie sonst weckte und auch kein Blumenduft. Stattdessen stand ihr Geliebter am Fußende des Bettes und starrte sie an. Erschrocken fuhr sie zusammen und zog sich die Decke bis zum Hals. Da bemerkte sie, dass ihr Geliebter sie gar nicht ansah, sein Blick ging ins Leere auf einen Punkt hinter ihr. Sie sah sich um, doch niemand sonst war im Raum. Das Mädchen wagte nicht etwas zu sagen. So verängstigt war sie. Erst nach einer ganzen Weile fing der Zauberer an zu sprechen. „Ich frage mich, ob du mich wirklich liebst“, begann er. Seine Stimme klang bedrohlich leise.

„Aber das weißt du doch“, sagte das Mädchen mit dünner Stimme.

„Ja, aber als ich dich gestern umarmen wollte, da bist du ausgewichen.“

„Ich bin nicht ausgewichen, ich habe es nicht bemerkt. Ich wollte gerade zum Kochtopf eilen, weil die Suppe übergelaufen war.“

Der Zauberer schüttelte den Kopf. „Du hast immer Ausreden“, sagte er bitter. Sein Amulett mit dem Kristall, färbte sich lila.

Das Mädchen starrte den Kristall an und beobachtete wie die Farbe den gesamten Kristall umfasste. Plötzlich, ohne nachzudenken, griff sie danach und versuchte es ihm vom Hals zu reißen.

In dem Moment schlug er zu. Fest, hart und unnachgiebig. „Ich mache das alles hier, weil ich dich liebe“, schrie er. „Verstehst du das nicht? Je mehr ich dich liebe, desto wütender machst du mich. Weil du mir nicht egal bist!“

Das Mädchen sank zusammen. Ihre Tränen plätscherten auf den Boden. Bis sich dort ein Spiegel aus Wasser formte. Ihr eigenes Gesicht schwamm darin, verzerrt und fremd. Die Stimme ihres Geliebten war nur noch ein Rauschen im Hintergrund. Sie hörte nicht wie er sie beschimpfte oder wie er die Blumenvase gegen die Fensterscheibe schlug. Sie nahm nicht wahr, wie er in den Garten ging und alle ihre liebevoll gepflanzten Blumen zerstörte. Sie tauchte ab, in ihren See aus Traurigkeit. Dort am Grund versteckte sie sich, bist es vorbei war.

Als das Mädchen wieder auftauchte, war es still. Ihr Körper war steif gefroren. Sie wusste nicht, wie lange sie in der gleichen Haltung am Boden gesessen hatte. Langsam stand sie auf und durchstreifte das kleine Haus. Nichts stand mehr dort, wo es vorher war. Er hatte alles verwüstet. Als sie in den Garten trat, sah sie ihn im Blumenbeet, bedeckt mit all den Blüten, die er aus der Erde gerissen hatte. Er weinte leise. Das Mädchen hingegen hatte keine Tränen mehr. Barfuß ging sie durch das feuchte Gras auf das Blumenbeet zu. Sie kniete sich vor ihm hin. Wie klein sah er doch aus. Wie hilflos. Wie unendlich traurig. Sie beugte sich zu ihm herab und spürte, wie seine Schultern bebten. Er zitterte am ganzen Leib. Ihre Nase sog seinen Duft ein und ihr Mund suchte sein Ohr. Dann flüsterte sie leise.

„Du gehst jetzt.“

Da hörte das Beben auf.

Das Mädchen ging wieder in ihr Haus zurück und verschloss die Türe. Sie hatte ihn nie wieder gesehen.

Der Troll

Wochen vergingen. Das Mädchen war immer noch in tiefer Trauer über den Verlust ihres Geliebten. Jede Nacht betete sie um seine Seele und wünschte sich, er möge Frieden finden, und endlich der strahlende, kraftvolle Zauberer sein, den sie immer in ihm sehen wollte. Sie konnte weder essen, noch fand sie Schlaf. Kraftlos und dennoch unruhig lief sie den ganzen Tag im Wald umher, während sie mit sich selbst sprach. Ihren Gedanken schienen rückwärts zu laufen. Sodass sie an ihrem Verstand zweifelte. Und immer wieder hörte sie in ihrem inneren den Satz „Nebeil uz tsbles hcid, tsgna eniek bah.“

Fast drohte sie vor Schmerz verrückt zu werden, da hört sie bei einem ihrer einsamen Spaziergänge plötzlich ein leises Lachen. Sie sah sich um und sah einen widerwärtigen, kleinen Troll mit einer eitrigen Warze als Nase. Er saß unter einem Baum, rieb sich die schwieligen Hände und lachte immer lauter. Dem Mädchen schauderte es.

„Lachst du über mich?“, fragte das Mädchen.

Der Troll antwortete nicht, sondern stellte ihr eine Gegenfrage: „Liebst du wahrhaftig?“

„Ja, natürlich.“

Da lachte der Troll noch lauter und fieser. Es glich einem schrecklichen Brüllen, sodass es dem Mädchen die Nackenhaare aufstellt.

„Das stimmt nicht!“, brüllte der Troll, der plötzlich auf sie zukam. Das Mädchen bekam Angst. Beim Anblick der hässlichen Warzennase wurde ihr übel. Sie trat zurück. „Komm mir nicht zu nahe“, sagte sie mit zitternder Stimme.

„Was machts du denn, wenn ich komme?“, fragt der Troll, der immer und größer und bedrohlicher wurde. Gelber Eiter kam aus seiner Nase geflossen und das Mädchen bekam so einen Ekel, dass sie anfing zu kreischen. „Was willst du von mir?“, schrie sie den Troll an und stapfte wütend auf ihn zu. Sie packte ihn bei seiner widerlichen Nase, riss sie voller Wut aus seinem fiesen kleinen Trollgesicht und schleudert sie gegen den nächsten Baum.

Der Troll lachte schauderhaft und höhnisch. „Na, endlich wehrst du dich mal! Was ist mit deinem Säckchen, das du von mir bekommen hast? Du trägst es bei dir, aber verwendet hast du es nie.“ Er hob die Hand und zeigte mit dem Finger auf das Mädchen.

Da sah sie den wunderschönen Ring mit dem smaragdgrünen Stein, den sie von der Hexe kannte. Sie fuhr in ihre Schürzentasche und fühlte das Kräutersäckchen, das sie von der Alten bekommen hatte. „Du bist die alte Hexe? Warum machst du das mit mir? Sag mir, was du von mir verlangst!“

Da wandelte sich die Gestalt des Trolles. Zum Vorschein kam die Hexe. „Ich verlange gar nichts von dir“, sagte sie nun in einem freundlicheren Tonfall. „Niemand verlangt etwas von dir. Nur du denkst, dass die anderen das tun.“

„Warum tust du mir das an? Warum bist du so gemein zu mir?“ Das Mädchen sank zu Boden und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen. Sie weinte so bitterlich, dass ihr ganzer Körper zitterte.

Die Hexe kam zu ihr und legte ihre Hand auf ihre Schulter.

„Ich bin nur ein Spiegel dessen, was sich in deinem Inneren befindet“, sagte sie. „Das ist meine Aufgabe als Hexe des Waldes. Ich habe dir bereits einmal gesagt, dass dir nicht immer gefallen wird, was du in mir siehst. Und dass du mich vielleicht eines Tages verfluchen wirst. Aber denke immer daran, es sind nicht die anderen die dich verletzen. Es bist du selbst. Es ist alles in dir, es ist dein Schmerz, es ist dein Leben, es ist deine Liebe.“

„Aber er ist weg!“, schrie das Mädchen.

„Ich meine deine Liebe zu dir. Wo ist sie? Was hat er jemals Tolles für dich gezaubert? Du brauchst doch nicht ihn, um zu glänzen!“

Da brüllte das Mädchen so laut sie konnte. Sie brüllte so laut, dass die Grashalme unter ihr erzitterten. Sie brüllte bis sie keine Luft mehr bekam. Alles in ihr brannte als stünde ihr Körper in Flammen. Und sie dachte: Jetzt sterbe ich.

Sie schloss die Augen, und wartete auf ihren Tod.

Doch nichts geschah. Eine ganze Weile blieb sie so sitzen und wartete, bis das Brennen nachließ. Als die letzte Flamme versiegt war, öffnete sie die Augen. Die Hexe war weg, nur die Nase lag noch unter dem Baum, wo das Mädchen sie hingeschleudert hatte. Sie ging zu dem Baum und ließ sich dort nieder.

Ihre Hände fuhren in ihre Schürzentasche. Sie holte das Kräutersäckchen heraus und schüttete die reisähnlichen weißen Kräuter in ihre Hand. Ohne zu wissen, was sie tat, ließ sie diese in einem Rinnsal durch ihre Finger auf den Boden fließen und flüsterte dabei die Formel:

„Nebeil uz tsbles hcid, tsgna eniek bah.“

„Nebeil uz tsbles hcid, tsgna eniek bah.“

„Nebeil uz tsbles hcid, tsgna eniek bah.“

Das Mädchen nahm die eitrige Nase in die Hand und dann geschah es. In ihrer Hand fing sie an zu strahlen und zu leuchten und wurde zu purem Gold.

Das Mädchen berührte den Baumstamm und auch dieser fing an zu leuchten. Auch er wurde zu Gold. Immer wieder wiederholte sie die Worte, dessen Buchstaben sich endlich in die richtige Reihenfolge setzten und endlich Sinn ergaben.

Was vorher hinten war, war nun vorne. 

„Nebeil uz tsbles hcid, tsgna eniek bah.“

„Habe keine Angst, dich selbst zu lieben, habe keine Angst, dich selbst zu lieben, habe keine Angst, dich selbst zu lieben, …“

Ende

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Rosies Wunderkind

Systemfehler


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