Märzgedichte: Dahoam bleim

von Verena Ullmann   I. Dahoam bleim Ned außegeh Bloß außeschaugn Bloß schaugn, nix doa Alloa Woartn Schnaufa Unterdaucha Schloffa Dramma Ois umramma, butzn, woschn und sortiern S’Dahoam verliern Und auße woin Ebs anders woin Oisse woin (Liacht und Luft und Leid) Nix woin derfa Bloß schaugn, nix doa Alloa dahoam Ma seiba bleim  …

Sehr gut, danke

von Verena Ullmann „Und? Hat’s geschmeckt?“ „Ja, sehr gut, danke“, antwortet Marlene der Kellnerin, die jedoch zu sehr mit dem rutschigen Besteck beschäftigt ist, um ihr tatsächlich zuzuhören. Das Fleisch war etwas zäh und die Kartoffeln kalt, aber was solls, denkt Marlene und prüft mit der Zungenspitze ihre Zahnzwischenräume. Es ist immer so viel los…

Ein Tag von höchster Qualität

von Annika Kemmeter Ich erkenne in den Wolkenformationen einen Engel. Ein Augenschlag und er verfliegt, verwischt, verschwindet. Ich habe ihn dir nicht zeigen können. Ist er überhaupt da gewesen? Stille trotz Radio. Einmal sage ich zaghaft deinen Namen. Der Hall huscht in die Sofakissen, schmiegt sich in den Teppich, kriecht unter die Tapete. Ein Hall…

Waldmann

Irgendwo im Schwarzwald steht ein Baumstamm, der nicht so ist, wie alle anderen. Man erzählt sich, dass es einst ein Mensch war, der mit einem Fluch belegt wurde. Aber wer glaubt schon solche Ammenmärchen?

Aushalten

von Ina Nádasdy Alles zerrt und alles spannt. Ich sitze auf dem harten Boden, gefangen in meiner Ecke, die mich nicht loslässt. Du bist nicht da. Aber doch neben mir. Durch eine Tür getrennt. Dein Rufen lockt, ich darf nicht folgen. Ich seh dich, die Arme verschränkt. Dein Blick ging an mir vorbei. Ich will…

Wie es ist, zu sterben

von Martin Trappen Der Junge stand regungslos vor dem Grab seiner Mutter und spürte kaum den Regen, der auf seinen Kopf niederprasselte. Er konnte nicht mehr sagen, welche von den Tropfen, die seine Wangen hinunterliefen, Tränen waren. Warum? Warum sie? Der Junge scherte sich nicht darum, dass seine Kleidung klatschnass wurde. War ich nicht immer…

Die Anderen

von Verena Ullmann Caroline stand vor der verspiegelten Schiebetür ihres Kleiderschranks und überlegte, was sie anziehen sollte. Zuvor hatte sie tagelang darüber nachgedacht, was die Anderen anziehen könnten und sich dann ein bunt gestreiftes Kleid gekauft. Es saß gut. Der Stoff fühlte sich hochwertig an. Aber die Volants am Dekolletee riefen ihr aus dem Spiegel…

Single-Player

von Arina Molchan Ich komme von der Arbeit nach Hause, in mein Nest aus Kabeln und Schnittstellen. Rechts steht das ungemachte Bett, links an der Wand der Käfig. Die Neonröhre an der Decke surrt. Ich streife alles bis auf die Unterwäsche ab, schmeiße die Arbeitsuniform auf den Boden und beginne mein feierabendliches Ritual: Powercocktail schlucken,…

Für immer halten

von Arina Molchan Gestern haben wir sie herausgezogen – die junge Frau aus dem Moor. Ihr Arm war in die Torfstechmaschine gekommen – man hatte die Knochen nicht knacken gehört, aber ihre gegerbten Finger auf dem Förderband zucken gesehen, bevor sie im Schlund des Hexlers verschwunden waren. Im Dorf sagten sie, dass sie dem alten…