Der Erdgeist und der Fuchs – Teil 3

von Miyazawa Kenji: 土神と狐 (Tsuchigami to kitsune)

frei übersetzt von Arina Molchan

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Es war recht dunkel. Trotzdem konnte der Erdgeist die Fuchsstimme deutlich im Nebel ausmachen, der schwach im blassen Mondschein leuchtete.

„Aber natürlich“, sagte der Fuchs gerade, „nur weil etwas den Gesetzen der Symmetrie folgt, kann man es nicht automatisch als ’schön‘ bezeichnen. Das kann nur eine tote, stumpfe Schönheit sein.“

„Wie Recht du doch hast“, kam die sanfte Stimme der Birke.

„Wahre Schönheit ist nicht steif und starr. Viele Künstler versuchen, die Gesetze der Symmetrie zu beachten, aber es reicht schon aus, wenn die Idee der Symmetrie vorhanden ist.“

„Da bin ich mir sicher“, kam die sanfte Stimme der Birke erneut.

Dem Erdgeist war, als würden rote Flammen seinen ganzen Körper verzehren. Sein Atem kam in kurzen Stößen und er dachte, dass er es keinen Moment länger aushalten könne. „Warum fühlst du dich so elendig?“, fragte er sich selbst verärgert. „Das ist doch bloß eine Plauderei zwischen einer Birke und einem Fuchs. Du nennst dich Naturgeist und lässt dich von solchen Nichtigkeiten aufregen?“

Doch der Fuchs redete weiter: „Alle Bücher über Kunst berühren diesen Aspekt.“

„Besitzt du also viele Bücher über Kunst?“, fragte die Birke.

„Nein, nicht übermäßig viele. Die meisten, die ich besitze, sind auf Englisch, Deutsch und Japanisch. Ich habe ein Buch auf Italienisch gekauft, aber es wurde noch nicht geliefert.“

„Deine Bibliothek daheim muss toll sein!“

„Nein, nein, ganz und gar nicht. Es sind wirklich nur ein paar zerknickte Bände. Außerdem nutze ich das Zimmer auch für mein Studium, also ist es dort recht unordentlich, mit dem Mikroskop in der einer Ecke und der Londoner Times in der anderen und der Marmorbüste des Caesar in der nächsten …“

„Oh, aber es klingt wundervoll! Wirklich wundervoll!“

Es kam ein kleines Naserümpfen vom Fuchs, das entweder Bescheidenheit oder Stolz hätte sein können und dann war es eine Weile still.

Mittlerweile war der Erdgeist außer sich vor Wut. Wenn man den Worten des Fuchses Glauben schenken wollte, dann war er wohl eine recht beeindruckende Person. Viel beeindruckender als der Erdgeist selbst. Er konnte sich nicht mehr länger mit dem Gedanken trösten, dass er immerhin ein Naturgeist war und so dem Fuch etwas Voraus hatte.

Es war schrecklich. Er wollte am liebsten zum Fuchs eilen und ihn in zwei Teile reißen. Er ermahnte sich selbst, so etwas nicht zu denken. Aber was sollte er stattdessen tun? Die Birke zog den Fuchs sicherlich ihm vor. Der Erdgeist krallte sich voller Verzweiflung die Finger in die Brust.

„Ist das Teleskop, das du erwähntest, bereits angekommen?“, fing die Birke wieder an.

„Das Teleskop, das ich erwähnte? Oh. Nein, leider noch nicht. Ich warte und warte darauf, aber die Post scheint unglaublich überlastet zu sein. Sobald es zugestellt wird, bringe ich es mit, damit du hineinschauen kannst. Ich muss dir wirklich die Ringe um die Venus zeigen! Sie sind wunderschön!“

An dieser Stelle schlug der Erdgeist die Hände über seinen Ohren zusammen und floh in Richtung Norden. Er hatte plötzlich Angst bekommen vor dem, was er tun würde, wenn er noch länger dabliebe. Er rannte und rannte, immerzu geradeaus. Als er endlich ganz außer Atem zusammenbrach, fand er sich am Fuße des Berges Mitsumori wieder. Er wälzte sich im Gras, zog an seinen Haaren. Dann begann er, laut zu weinen. Das Geräusch stieg in den Himmel, wo es als Donner widerhallte, der sich in die falsche Jahreszeit verirrt hatte. Er war über der ganzen Grasebene zu hören.

Der Erdgeist weinte bis zum Morgengrauen, um sich dann, völlig erschöpft und leer,  zurück zu seinem Schrein zu schleppen.

*

Zeit verging und endlich kam der Herbst. Die Birke war immer noch grün, doch auf dem Gras um sie herum hatten sich bereits goldene Spitzen gebildet, die in der leichten Brise glitzerten. Hier und da blitzten die Beeren der Maiglöckchen hervor, reif und saftig rot.

An einem durchsichtigen, goldenen Herbsttag befand sich der Erdgeist in einer recht ausgelassenen Stimmung. All die unangenehmen Gefühle, die ihn seit dem Sommer plagten, hatten sich in einer Art Dunstwolke aufgelöst, die in schwach erkennbaren Ringen über seinem Kopf hing. Seine seltsame Widerborstigkeit hatte sich ebenfalls gelegt. Er hatte beschlossen, dass wenn die Birke mit dem Fuchs sprechen wollte, sie es eben tun sollte, und wenn beide es so sehr genossen, miteinander zu plaudern, dann sei es doch eine gute Sache für sie. Er würde heute seine Gefühle der Birke gestehen.

Mit einem leichten Herzen und dem Kopf voller solcher Gedanken ging der Erdgeist los, um sie zu besuchen. Die Birke sah ihn schon aus einiger Entfernung kommen. Wie immer begann sie nervös zu beben, als sie auf seine Ankunft wartete. Der Erdgeist trat an sie heran und grüßte sie fröhlich. „Guten Morgen, Birke. Was für ein lieblicher Tag heute!“

„Guten Morgen, Erdgeist. Ja, wirklich lieblich ist er.“

„Welch ein Segen die Sonne doch ist! Da hängt sie, in der Höhe, rot im Frühjahr, weiß im Sommer und gelb im Herbst. Und wenn sie im Herbst gelb wird, werden die Trauben dunkelrot. Ach, welch ein Segen!“

„In der Tat.“

„Weißt du, heute fühle ich mich viel besser. Ich stand im Sommer vor allerhand Herausforderungen, aber heute Morgen wurde mir plötzlich ganz leicht ums Gemüt, als ob mir ein schwerer Stein vom Herzen gefallen war, und mein Kopf wurde frei.“

Die Birke wollte darauf antworten, aber aus irgendeinem Grund schien eine große Last auf ihr zu liegen. Also blieb sie stumm.

„So wie ich mich jetzt fühle, würde ich bereitwillig mein Leben für jemanden hingeben. Ich würde sogar den Platz eines Wurms einnehmen, wenn er heute sterben müsste, aber es noch nicht wollte.“ Der Erdgeist schaute ganz weit in den blauen Himmel, als er sprach, und seine Augen glänzten herrlich dunkel.

Wieder wollte die Birke etwas darauf erwidern, aber erneut schien etwas Schweres sie niederzudrücken. Sie schaffte es kaum, einen Seufzer auszustoßen.

Das war der Moment, in dem der Fuchs auftauchte.

Als er den Erdgeist erblickte, zuckte er zusammen und wurde bleich. Nun konnte er wohl kaum sich umdrehen und so tun, als wäre er nie dagewesen, also stieg er, ganz angespannt, den Hügel hinauf.

„Einen schönen guten Morgen, wünsche ich dir, liebe Birke“, sagte der Fuchs. „Liege ich richtig in der Annahme, dass dies der Erdgeist ist, den ich da sehe?“ Der Fuchs trug seine hellbraunen Lederschuhe und einen braunen Regenmantel und immer noch seinen Sommerhut.

„Jawohl, ich bin der Erdgeist. Schönes Wetter heute, nicht wahr?“, sprach der Erdgeist ohne eines einzigen düsteren Gedanken im Kopf.

„Ich muss mich entschuldigen, ich kam her, obwohl du bereits Besuch hast “, sagte der Fuchs zur Birke, sein Gesicht bleich vor Eifersucht. „Hier ist das Buch, das ich dir letztens versprochen habe. Oh, und ich zeige dir bald das Teleskop. Wenn abends der Himmel klar und wolkenlos ist. Auf Wiedersehen.“

„Oh, vielen Dank …“, begann die Birke, aber der Fuchs hatte sich schon umgedreht, ohne dem anderen Besucher auch nur zuzunicken, und ging heimwärts davon. Die Birke wurde weiß und begann wieder zu zittern.

Eine Weile lang schaute der Erdgeist ausdruckslos dem sich entfernenden Rücken des Fuchses hinterer. Dann erhaschte er ein plötzliches Aufblitzen mitten im Gras, als das Sonnenlicht an den braunen Schuhen des Fuchses abprallte. Mit einem Ruck kam der Erdgeist wieder zu sich. Etwas rastete in seinem Kopf wieder ein. Der Fuchs marschierte stetig in die Ferne. Man könnte fast schon sagen, dass er trotzig davon stolzierte.

Im Erdgeist brodelte die Wut hoch. Sein Gesicht nahm eine schrecklich düstere Farbe an. Er würde diesem Fuchs zeigen, was sich gehörte! Diesem Fuchs mit seinen Büchern über Kunst und diesem Teleskop!

Der Erdgeist sprang auf und stürzte dem Fuchs hinterher. Die Zweige der Birke zitterten angstvoll. Der Fuchs spürte, dass etwas nicht stimmte. Er schaute sich wie beiläufig um und erblickte den Erdgeist, der, schwarz am ganzen Körper, ihm hinterher raste wie ein Wirbelsturm. Der Fuchs begann zu rennen, das Gesicht weiß, sein Mund angstverzerrt.

Dem Erdgeist schien es, als würde das Gras um ihn herum wie weißes Feuer lodern. Sogar der blaue Himmel verwandelte sich plötzlich in einen gähnenden, schwarzen Abgrund, in dessen Tiefe purpurne Flammen brannten und brausten.

Der Erdgeist und der Fuchs rannten schnaufend und schnaubend wie zwei Eisenbahnzüge. Dem Fuchs erschien alles wie in einem Traum. Die ganze Zeit drehte sich ein Gedanke in seinem Kopf: „Das ist das Ende, das war’s, Teleskop, Teleskop, Teleskop.“

Ein kleiner Hügel nackter Erde lag vor ihm. Der Fuchs flitzte um ihn herum, um in das Loch auf der anderen Seite zu gelangen. Er zog seinen Kopf ein und wollte schon in seinen Bau hinabtauchen, seine Hinterläufer schnellten beim Sprung in die Höhe, als der Erdgeist sich mit einem Satz von hinten auf ihn stürzte. Von einem Augenblick zum nächsten lag der Fuchs ganz verdreht da, sein Kopf rollte schlaff über dem Griff des Erdgeistes hin und her, seine Lippen waren verzogen, als würde er lächeln.

Der Erdgeist schmetterte den Fuchs auf den Boden und trampelte über seinen weichen, nachgiebigen Körper vier oder fünf Mal. Dann stieg er in den Fuchsbau hinab. Drinnen war es völlig leer und dunkel, obwohl der rote Lehm am Boden fein säuberlich festgetreten war.

Der Erdgeist ging wieder hinaus und fühlte sich recht seltsam. Die Mundwinkel hingen ihm ganz kraftlos und schief hinab. Er schob die Hand in die Regenmanteltasche des Fuchses, während dieser schlaff und leblos dalag. In der Tasche befanden sich zwei braune Holzkämme, von der Sorte, mit der sich die Füchse das Fell pflegten.

Aus dem Mund des Erdgeistes kam ein ungläubiges Geräusch und er brach in Tränen aus. Sie fielen wie Regentropfen auf den Fuchs, der tot dalag, mit einem Kopf, der immer schlaffer und schlaffer wurde und mit dem leichtesten aller Lächeln auf den Lippen.

 

„Poetry is what gets lost in translation“ behauptete einst Robert Frost. Übersetzen ist, als würde man eine Klaviersonate auf einer Posaune spielen. Ein paar Noten kommen an, aber nichts stimmt mehr. Nur das Skelett einer Melodie bleibt übrig. So ist es auch mit diesem Text. Etwas konnte man ins Deutsche retten, anderes ging klanglos unter. Ich hoffe aber, dass selbst dieses Skelett einer Geschichte etwas in einem bewegen konnte. 
Der Übersetzung lag zugrunde:
Miyazawa Kenji: „Tsuchigami to kitsune“.
Miyazawa Kenji, übersetzt von John Bester: „Once and forever – the tales of Kenji Miyazawa“. New York: nyrb, 1993.
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