Ein Gemeinschaftsroman von Alexander Wachter, Annika Kemmeter, Arina Molchan, Ina Maschner, Lydia Wünsch, Nina Lischke, Verena Ullmann und Victoria Grader.
Ist dies dein erstes Kapitel von Auffällig Unauffällig? Dann starte am besten am Anfang: Auffällig Unauffällig – Prolog
Lydia
Lydia hatte schon länger nichts mehr von Herrn Heinemann gehört, aber sie war sich fast sicher, dass Aeneas die Scheidungspapiere nicht ohne weiteres unterschreiben würde. Ihr Kontostand sank stetig, obwohl sie kaum mehr Shoppen ging und sogar wieder angefangen hatte, selbst zu kochen. Sie würde sich wieder einen Job suchen müssen. So viel war sicher. Nur was für einen? Kellnern kam nicht in Frage. Was sollten denn die Leute von ihr denken! Hundesitten würde sie auch nie wieder, Kinder waren noch nie so ihr Ding gewesen und das Haussitting war auch schon einmal gründlich schiefgegangen. Sie musste auf jeden Fall noch mehr sparen. Wo floss das ganze Geld nur hin? Laut Kontoauszug gingen schon einmal 94,99 € im Monat für die Premium-Mitgliedschaft im Fitnessstudio drauf, in dem sie seit bestimmt einem Jahr nicht mehr trainiert hatte. Im Yoga war sie auch schon lange nicht mehr gewesen. Aber vielleicht würde ihr etwas Sport gut tun und sie auf andere Gedanken bringen. Sie vergewisserte sich online, ob ihre Sportkleidung diese Saison noch tragbar war und machte sich dann auf den Weg zur Fitness World.
Um vier Uhr nachmittags war dort noch wenig los. Die Gummimatten waren vor kurzem ausgetauscht worden und ihr helles Gelb passte perfekt zu Lydias Outfit. Sie startete mit einem Selfie – #fitgirl #yoga #energy #healthyliving #fitnessmotivation – und machte dann mit ein paar halbherzigen Yogaübungen weiter. Ihr fiel es schwer, sich auf ihren Atem zu konzentrieren, bei den vielen Gedanken und Erinnerungen, die sie mit aller Kraft zu verdrängen versuchte. Eine Viertelstunde lang trottete sie noch auf dem Crosstrainer herum, aber selbst auf Stufe Eins war ihre Motivation bald aufgebraucht. Sie fühlte sich schwach, ausgelaugt und wollte nur wieder zurück in ihr Bett – oder ins Spa, dachte sie. Da fiel ihr ein, dass der Wellnessbereich des Fitness World, den sie noch nie benutzt hatte, bei der Premiummitgliedschaft ja inklusive war.
Barfuß, in ihr neongelbes Handtuch gewickelt, tapste sie zum Dampfbad. Sie öffnete die Glastür, sah im Nebel eine Reihe kugelrunder, haariger Bäuche auftauchen und entschied sich dann doch für die Sauna. Dort machte sie es sich auf einer der unteren Bänke bequem, die vollkommen leer war. Gegenüber hatten zwei Frauen um die Fünfzig Platz genommen. Eine hatte wasserstoffblonde Haare und war so durchtrainiert, dass sich jeder einzelne Muskel abzeichnete. Der Körper ihrer dunkelhaarigen Freundin hingegen war so unförmig, dass er zu schmelzen schien. Lydia versuchte nicht allzu auffällig hinzustarren und war doch fasziniert von diesem Kontrast. Als wäre die eine aus Holz und die andere aus Vanillepudding. Ein junger Mann kam durch die Saunatür und setzte sich rechts neben die Muskelfrau. Er lächelte Lydia kurz zu, schloss seine Augen und lehnte sich entspannt zurück. Lydia war froh, dass er sie nicht angaffte, wie manch andere Männer, die sich in der Sauna einfach nicht beherrschen konnten. Gleichzeitig ertappte sie sich selbst dabei, wie ihre Blicke immer wieder von seinen Brustmuskeln in Richtung seiner Bauchmuskeln wanderten … und schloss ihre Augen vorsichtshalber auch. Gerade als sie sich einigermaßen entspannen konnte, knarzte die Holzbank gegenüber. Sie blickte auf und sah, dass sich der Abstand zwischen den beiden Frauen mehr als verdoppelt hatte und der junge Mann, der inzwischen gar nicht mehr entspannt aussah, mit seinem Handtuch weiter an den Rand gerutscht war. Rückte ihm die Blonde etwa auf die Pelle? Lydia musste schmunzeln und machte wieder ihre Augen zu. Kurz darauf wechselte er auf die obere Bank und die Blonde folgte ihm keine zwei Minuten später. Lydia fing seinen genervten Blick ein und versuchte ihr Lachen zu unterdrücken. Er sah aber auch wirklich gut aus. Schließlich ging die Dunkelhaarige schwer atmend nach draußen und ihre Freundin, die sich auf einen Zentimeter an ihr Objekt der Begierde herangepirscht hatte, folgte ihr widerwillig.
„Immer das gleiche“, sagte er zu Lydia und zuckte mit den Schultern.
„Verständlich“, rutschte es ihr heraus und sie ärgerte sich darüber, als sie sein selbstgefälliges Grinsen sah.
„Du hättest mir ja auch mal helfen können“, legte er nach.
Lydia verdrehte die Augen, stand auf und nahm ihr Handtuch.
„Gibst du mir deine Nummer?“, fragte er.
„Die kannst du dir doch jetzt eh nicht merken.“
„Oh, doch. Auf jeden Fall. Wetten?“
„Haha. Sehr witzig.“
Lydia ging raus zur Dusche und bereute sofort ihre Zickigkeit. Hätte sie ihre neue Nummer schon auswendig gewusst, hätte sie sie ihm vielleicht sogar gegeben. Allein schon wegen der Bauchmuskeln. Die blauen Augen waren auch toll. Aber war er nicht ein bisschen jung?
Als sie Richtung Drehkreuz ging, sah sie ihn schon am Ausgang auf sie warten. Vor der Glastür checkte er noch schnell seine Haare, trank seinen Proteinshake aus und strahlte sie an.
„Du musst mir deine Nummer nicht geben, wir können auch gleich was essen gehen oder so. Also nur, wenn du Lust hast.“
Lydia war total überrumpelt und versuchte ihre Freude zu verbergen.
„Na gut, von mir aus.“
„Ich bin Alex, übrigens.“
Wie geht die Geschichte weiter?
Lies gleich das nächste Kapitel und finde es heraus: Kapitel 18 – Sechzehn mit Wodka.
Was ist Auffällig Unauffällig?
Neun gescheiterte Persönlichkeiten und ein Mord. Das ist die Ausgangsituation in diesem skurrilen Kriminalroman.
Alle neun Personen treffen an verschiedenen Punkten ihres Lebens zusammen. Alle werden vom Leben ausgepeitscht und scheitern auf so liebenswerte Weise, dass es fast schon auffällig ist. Die Szene-Bar Der Tempel ist ihr Treffpunkt und jeder verdächtig, den Mord an Tempelbesitzerin Verena Pfuhlmann begangen zu haben. Oder war es doch nur ein Unfall?
Auffällig Unauffällig ist ein Gemeinschaftsprojekt der Prosathek. Jede(r) Autor:in hat einen Charakter geschrieben. Lydia wurde von Verena Ullmann verfasst.


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