Auffällig Unaufällig – ein Gemeinschaftsroman von Alexander Wachter, Annika Kemmeter, Arina Molchan, Ina Maschner, Lydia Wünsch, Nina Lischke, Verena Ullmann und Victoria Grader.
Ist dies dein erstes Kapitel von Auffällig Unauffällig? Dann starte am besten am Anfang: Auffällig Unauffällig – Prolog
Marina
Marina saß auf der Terrasse vor dem Café Alter-Nativ und nippte an ihrem Cappuccino. Sie aß generell nicht viel und hatte heute besonders wenig Hunger. Ihr gegenüber saß Aeneas Von Wahle , der sich eine üppige Süßspeise gönnte: warmer Schokoladenkuchen mit Vanilleeis. Marina machte sich nicht viel aus Süßem, doch der zuckersüße Schokoladengeruch, der von Aeneas‘ Tisch zu ihr herüberwaberte, war genug, um auch sie einen Blick auf die Nachspeisenkarte werfen zu lassen. Marina wollte sich noch einmal für Martys Verspätung entschuldigen, doch Aeneas schien nicht ungeduldig zu sein. Marina zupfte sich ihr Kleid zurecht. Das saß wie immer hervorragend und betonte ihre Rundungen, die nach wie vor noch jedem Mann den Kopf verdrehen konnten – wenn Marina das wollte. Zu diesem Zweck war das Kleid gerade so weit ausgeschnitten, dass es zwar erotisch, aber nicht obszön wirkte. Ihre Fingernägel waren passend zur Farbe des Kleides rot lackiert. Und in diesem Moment musste Marina alle ihre Energie darauf verwenden, nicht an ihnen zu kauen.
„Guten Tag, Herr Von Wahle , tut mir leid wegen der Verspätung. Ein anderer Fall hat mich auf Trab gehalten“, entschuldigte sich Marty, als er endlich kam.
„Guten Tag, Herr Trapington“, schmatzte Von Wahle , der den letzten Bissen noch nicht ganz hinuntergeschluckt hatte. „Und kein Problem, Sie sind bestimmt so schnell gekommen, wie sie konnten.”
Marty nahm seine Notizzettel aus der Tasche und bestellte eine Cola bei der Bedienung. „Nun“, setzte Marty an, „Sie wollen, dass ich jemanden für Sie finde, Herr Von Wahle?
„Ganz richtig“, sagte Aeneas, „Lydia Von Wahle .“
„Ihre Ex-Frau?“, fragte Marty und ging ein paar handschriftliche Notizen durch, bevor er mit einem Stirnrunzeln aufsah.
„Noch ist die Scheidung nicht durch“, betonte Aeneas.
„Eine vermisste Person aufzuspüren ist eine meiner leichtesten Übungen. Doch wenn Herren Damen suchen, muss man vorsichtig sein. Nicht immer haben die Herren dabei gute Absichten.“
„Natürlich, ich verstehe das vollkommen”, meinte Von Wahle . Er fuhr fort: „Ich bitte Sie, Lydia zu finden, nicht sie mir auszuliefern. Ich möchte, dass Sie sie beschatten, erfahren, wo sie ihre Zeit verbringt und mit wem. Ich will mich ihr nicht aufdrängen, aber ich möchte mit ihr wieder Kontakt aufnehmen.“
„Wäre da ein Anruf nicht leichter?“, fragte Marty.
„Nein“, erläuterte Aeneas, „dafür ist zu viel passiert.”
Marty blickte Marina an. Sie konnte in seinem Gesicht lesen, dass er den gleichen Eindruck von Aeneas hatte wie sie selbst: Er war kein verrückter Stalker, obwohl seine wahren Absichten noch nicht ersichtlich waren.
“Sie können alles über Lydia in den sozialen Medien erfahren. Heute morgen aß sie ein Toast mit Rührei, eine halbe Grapefruit und trank dazu ein Glas Champagner, bevor sie mit ihrer Freundin in die Sauna ging. Das habe ich gerade innerhalb von zwei Minuten herausgefunden, ich weiß darüber Bescheid, genau wie ihre 50 Tausend Follower.” Marina sah Aeneas direkt in die Augen. “Was wollen Sie von uns?”
“Sagen Sie mir, was in ihr vorgeht.”
Marina atmete tief ein und blickte zu Marty. Da musste sie ran. Sie entschied, ob sie den Fall annahmen. Unmerklich nickte sie.
„In Ordnung“, sagte Marty, „ich glaube, dass es Ihnen wirklich nur darum geht, wieder Kontakt mit Frau Punsch aufzunehmen. Ich nehme Ihren Auftrag an, aber ich brauche die Bezahlung im Voraus.“
„Kein Problem”, sagte Aeneas, “solange sie Lydia finden und mir Informationen zu ihrem Alltag geben können, soll mir alles recht sein.”
„Klingt ein festes Tages-Honorar von 500 Euro für Sie in Ordnung“, fragte Marty.
„Von wie vielen Tagen sprechen wir hier denn?”
„Überschaubar”, antwortete Marty. “Ein Vorschlag: Sie zahlen mir jetzt 1500 Euro. Wenn ich Ihnen in drei Tagen keine handfesten Ergebnisse liefern kann, werde ich den Rest der Ermittlungen ohne zusätzliche Bezahlung abschließen. Falls ich Ihnen doch Ergebnisse liefern kann, zahlen sie das normale Tageshonorar, aber erst, wenn ich Ihren Auftrag zu Ihrer Zufriedenheit abgeschlossen habe
„Abgemacht.“ Aeneas nahm drei 500-Euro-Scheine und legte sie in einen Briefumschlag, den er Marty überreichte. Dann holte er eine kleine Schachtel hervor, die er Marty ebenfalls gab. „Das ist alles, was ich noch von Lydia habe“, erläuterte Aeneas. „Briefe, die sie mir mal geschrieben hat und ein paar Gegenstände. Ich hoffe, sie werden Ihnen weiterhelfen, Herr Trapington.“
„Da bin ich mir sicher, Herr Von Wahle “, sagte Marty.
„Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag, Herr Trapington, Frau Molch“, sagte Aeneas im Aufstehen. Er legte das Geld für sein Essen auf den Tisch und verließ das Café.
„Was sagen Sie zu unserm Herrn Von Wahle , Frau Molch?“, fragte Marty.
„Sympathischer Mann“, sagte Marina trocken und versuchte sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen. Jetzt wo sie mit Marty allein war, fiel ihr das allerding deutlich schwerer.
„Ja, nicht wahr? Kein Wunder, dass so viele Leute von seinen Reden schwärmen.”
„Ich hätte es ihm auf den ersten Blick nicht zugetraut“, sagte Marina. „Wissen Sie schon, wo sie mit der Suche nach Frau Von Wahle anfangen sollen? Darf ich Ihnen einen Blick in die Boulevard-Zeitungen nahelegen? Ich nehme mir derweil ihre Social-Media-Accounts vor. Als Startpunkt der Suche eignen sie sich bestimmt.“ Sie beobachtete Marty genau, während sie so tat, als würde sie sich ganz und gar für den Von Wahle -Fall interessieren, aber er schien wirklich in seine Überlegungen vertieft. Keine Spur von der Nervosität, die verraten würde, dass er etwas vor ihr verbarg.
„Ein guter Vorschlag. Ich lese diese Zeitungen sonst nicht, aber auch mir ist Frau Von Wahle ein Begriff.“ Marty nahm einen der Briefe aus der Schachtel und roch daran. Auch Marina konnte den Geruch von teurem Parfüm wahrnehmen. „Die Beauty- und Frisörläden Münchens wären sicher auch ein guter Anlaufpunkt. Im Zweifelsfall kennt René jede Dame, die solche Läden frequentiert.“
„Auf Ihr Gespür ist Verlass, Marty.“
„Sie schmeicheln mir, Frau Molch. Aber Sie wissen ja, in Fällen, bei denen es um Frauen geht, werde ich vermutlich früher oder später auf Ihre Hilfe angewiesen sein.“
„Natürlich, Marty. Ich bin immer für Sie da“
Bei den letzten Worten, schluckte sie schwer, verzog ihr Gesicht aber zu einem bitteren Lächeln. Sie glaubte mittlerweile zu wissen, mit wem Frank sich eingelassen hatte. Und hatte den Verdacht, dass Marty es bereits vor ihr gewusst hatte.
Wie geht die Geschichte weiter?
Lies gleich weiter und finde es heraus: Kapitel 27 – Martys Rausschmiss
Was ist Auffällig Unauffällig“?
Neun gescheiterte Persönlichkeiten und ein Mord. Das ist die Ausgangsituation in diesem skurrilen Kriminalroman.
Alle neun Personen treffen an verschiedenen Punkten ihres Lebens zusammen. Alle werden vom Leben ausgepeitscht und scheitern auf so liebenswerte Weise, dass es fast schon auffällig ist. Die Szene-Bar Der Tempel ist ihr Treffpunkt und jeder verdächtig, den Mord an Tempelbesitzerin Verena Pfuhlmann begangen zu haben. Oder war es doch nur ein Unfall?
Auffällig Unauffällig ist ein Gemeinschaftsprojekt der Prosathek. Jede(r) Autor:in hat einen Charakter geschrieben. Marina wurde von Frank*a Stein verfasst.


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