Der Wert des Geldes

von Victoria Grader Im Gasthaus gegenüber von unserem Haus gibt es vier verschiedene Spielzeugautomaten. Meine Schwester Eva mag den am liebsten, der Plastikschmuck ausspuckt und ich kann mich oft nicht zwischen dem Kaugummi- und dem Flummiautomaten entscheiden. Nur mit dem Vierten können wir nicht so wirklich etwas anfangen: Darin befinden sich quadratisch verpackte, glitschige Plastikfolien, die…

Piano e larghetto

von Victoria Grader „Grande! Großartig! Venedig ist traumhaft! Mach‘ Fotos von der Rialtobrücke!“, sagten sie, als ich die Zusage erhielt und die Anstellung bekam. Beschwingt packte ich meine Geige ein und zog auf die Insel. Im ersten Jahr genoss ich’s noch: Die Opernluft, der Meeresduft, die bewundernden Blicke wenn ich erzählte, ich sei nun Venezianer….

Der Schlüsselmacher

von Victoria Grader Jeden Tag gehe ich nach der Arbeit an einem kleinen Laden vorbei. Er befindet sich an der Ecke einer Straße, die in eine Sackgasse führt. Die Schaufenster sind überladen, aber über der Tür hängt ein wirklich schönes Messingschild. Dass ich an diesem Tag den Laden betrat, konnte nur daran liegen, dass mir…

Endstation

von Victoria Grader Surren überall, ein bisschen so, als wäre ich im Elektrofachhandel. Tatsächlich aber stehe ich auf einer Brücke kurz vor der Endstation – genauer gesagt, auf den S-Bahngleisen – und breite meine Arme aus. Warte und friere. Ein weihrauchartiger Verbrennungsgeruch liegt in der Luft. Doch das ist vielleicht nur Einbildung, wie wahrscheinlich auch das…

見ず知らずの [mizushirazu no]

von Victoria Grader What are you doing? Working?“, frage ich, als wir uns das erste Mal im Flur begegnen. Ich bewohne mein Zimmer schon seit einer Woche und habe dich erst jetzt zu Gesicht bekommen, als du gerade an der Küche vorbei huschen wolltest. Mit der Hand vorm Mund, die Wangen leicht gerötet, peinlich berührt….

Das Metamännchen

von Victoria Grader Ich bin mir sicher: Seit dem ersten geschriebenen Wort meines Schriftstellerdaseins teile ich das Zimmer mit einem Plagegeist. Er macht sich ungefragt an meinem Eigentum zu schaffen. Nimmt, frisst, verdaut und spuckt es wieder aus. Die Reste seiner nächtlichen Exzesse finde ich am Morgen unkommentiert vor. Das dramatische an unserer stillen Beiwohnerschaft…

Wiedergeburt

von Victoria Grader Nathanael saß vor einer Schoko-Mandeltorte mit 22 brennenden Kerzen und grinste zufrieden in sich hinein. Die Freude dämpfte das Geräusch von Mutters Stimme, die ihm gerade aufzählte, wofür er alles dankbar zu sein hätte. Er nickte, lächelte. Achtete darauf, interessiert zu wirken und spielte ihr den guten Sohn, den er sonst nicht…

Orangenmarmelade

von Victoria Grader Das Putzen meines Kühlschranks ist mir zum Verhängnis geworden: Hinter Bergen von Gemüse, fettfreien Magermilchprodukten und dem Räuchertofu habe ich tatsächlich ein Glas Marmelade gefunden. Woher es kommt und was es dort zu suchen hat, kann ich mir schlichtweg nicht erklären. Ich wohne alleine und habe schon lange keinen Besuch mehr gehabt,…

Crystle-klar

von Victoria Grader „Heute ist ein guter Tag.“ Ich inhaliere von der Pfeife und beobachte, wie die Nacht die Schatten aller Bewohner verschlingt. Eine gierige, dürre Hyäne ohne Skrupel. Von ihren Klauen zerfetzt, werden sie den stinkenden Schlund hinunter gewürgt und anschließend mit genügend Säure verdaut. Dann verlieren einige ihren menschlichen Teil. In der U-Bahn…