Parasit

von Victoria Grader

Lena hatte seit Ewigkeiten kein Fleisch mehr gegessen. Aber als sie an diesem Morgen an der Wursttheke vorbei ging, passierte es. Fast konnte sie das Knacken ihrer Synapsen hören. Es ging alles so schnell. 

Als erstes war da der Duft, der ihr den Mund wässrig machte. Sie konnte nicht dagegen ankämpfen, fühlte sich plötzlich so schwach. Das Geräucherte sah plötzlich wieder gut aus, der Geschmack von Gepökeltem lag ihr auf der Zunge. Schon stand sie in der Schlange und sah sich die Wurst hinter der Theke näher an. Mit zusammengekniffenen Augen musterte sie jeden Zentimeter der Auslage, hatte schon eine Einkaufsliste im Kopf. Sie bestellte je 200 Gramm Salami und Rosmarinschinken, hörte sich aber auch gleich darauf sagen: „Bitte noch etwas von der Rinderschulter, zum Schmoren, und vielleicht auch noch vom Filetstück… Haben Sie geschnittenes Wildgulasch?“

Sie hätte sich am liebsten die Zunge abgebissen, ließ stattdessen aber die prall gefüllte Papiertüte in den Einkaufswagen plumpsen. Dann schob sie den Karren mit ruhiger Hand weiter. Wie ein Schlachter vor seinem letzten Bolzenschuss. Lächelnd bezahlte sie. Packte zu Hause aus, öffnete den Kühlschrank, schichtete das in kariertes Papier eingeschlagene Fleisch ins unterste Fach. Aber warum überhaupt? Kurz nachdem sie die Kühlschranktüre zugemacht hatte, riss sie diese auch schon wieder mit zitternden Händen auf. „Das Gemüse kann warten“, knurrte der Hypothalamus und Lena riss das erste karierte Päckchen auf. Mit schwachen Fingern zog sie eine Scheibe Schinken von der Lage und ließ sie sich gierig in den Rachen gleiten. Kraft! Endlich wieder hatte sie Kraft.  Der salzige Geschmack von Rauch und Eisen, das Saftige, das bisschen Rosmarin…  unvergleichlich. Dann war der Schinken weg. Das Herz pochte ihr bis zum Haaransatz, als sie die Salami aufriss, die geschichteten Wurstscheiben in einem herunterschlang, nicht einmal kaute. Dann zog sie das Päckchen mit dem Rindfleisch heraus und verspeiste es roh. „Was passiert mir mir?“, fragte sie sich, während ihre blutverschmierten Hände wabbelige Rinderschulter zu ihren Lippen hoben. „Was wohnt da in meinem Kopf?“ Die Fleischfasern blieben ihr zwischen den Zähnen hängen, das zähe Fett hatte sie früher immer zum Würgen gebracht. Aber heute? Heute war sie nichts mehr von dem, was sie gestern noch ausgemacht hatte.

Mit vorwurfsvollem Blick saß die Katze auf dem Küchentisch. Die Schwanzspitze zuckte mal nach rechts, mal nach links. Keine Sekunde ließ sie das Wesen aus den Augen, das ihr sonst die Ohren kraulte, summend übers Fell strich und die Metallschüsseln auf dem Boden füllte. Das Wesen hatte nicht vor zu teilen, holte immer mehr Verpacktes aus dem Ding, an das niemand sonst herankam. Für die Katze blieben nur die Verpackungen übrig. Vorsichtig begann sie, an den flüssigen Resten zu schnuppern. Dann mit schneller Zunge aufzuschlecken, was noch übrig war. Begleitet vom Grunzen des Wesens, das die letzten großen Brocken verschlang, verzog sich die Katze auf ihren Kratzbaum und thronte über dem weiteren Geschehen.

Nachdem es nichts mehr zu fressen gab, sank das Wesen erschöpft auf den Boden. Es rollte sich zu einer Kugel zusammen und begann fiepende Laute von sich zu geben. Das Wasser ran ihm aus den Augen. Kurz war die Katze geneigt, sich auf den Boden zu begeben und wenigstens die salzigen Reste aufzuschlecken. Die Näpfe waren zu lange nicht mehr aufgefüllt worden, sie musste nehmen, was sie kriegen konnte. Andererseits verhielt sich das Wesen nicht mehr wie früher, war vielleicht gefährlich geworden? Die Katze wartete. Lieber keine unnötigen Risiken eingehen. 

Das Wesen wimmerte noch eine Weile. Mit der Zeit wurde es ruhiger, verstummte schließlich. Irgendwann rappelte es sich auf und raufte sich die Haare. Kramte einen stinkenden Stängel aus einer Schublade und entflammte ihn mit einem Funken. Dann drückte es auf einem der Kästchen herum, die surrten und summten und lauschte dem Lärm, der die Katze so nervös machte. 

… mindestens 200 Tote beim Brand in einem griechischen Flüchtlingslager, mehrere hundert Verletzte. Der Bundestag verhandelt über eventuelle Notpakete für verwaiste Kinder, allerdings ist eher mit Hilfe von Seiten privater Organisationen zu rechnen. Indonesien. Am Mittag kam es zu mehreren Anschlägen vor einer Kirche am Ostersonntag, über 100 Tote, mindestens 60 Menschen verletzt. Die genaue Zahl der Opfer muss noch ermittelt werden. Deutschland. In Berlin Mitte sind mehrere Fälle von Toxoplasmose gemeldet worden. Wegen einer Reihe besonders auffälliger Verhaltensänderungen von Betroffenen wurden in den Kliniken über Nacht immer mehr Fälle eingewiesen. Nach Angaben des Universitätsklinikums ist eine neue Art des Parasiten wahrscheinlich, der von Katzen auf den Menschen übergeht…

Die letzten paar Fetzen hörte das Wesen gar nicht mehr. Es war grunzend und mit gebleckten Zähnen aus der Wohnung gestürmt. Wahrscheinlich, um sich noch mehr große Brocken zu holen und sie alleine zu vernichten. Die Katze blieb mit dem Lärm in der Wohnung zurück. 

Mit einem Satz war sie hinter den plappernden Kasten gesprungen und hatte die Pfote auf die Kante gelegt. Sie musste nur ein kleines bisschen Druck ausüben und das Ding zerschellte auf dem Steinboden. Zufrieden betrachtete sie ihr Werk. Dann kauerte sie sich wieder auf ihrem Kratzbaum zusammen und begann zu schnurren.

Endlich wieder Frieden. 

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