Roter Sand

ein Gastbeitrag von Julia Königs

Sie hatte das Fläschchen aus einem Urlaub in Afrika mitgebracht, Kenia, 2005, eine Safari mit offenem Verdeck über rote Weiten. Am Fuß des Berges hatte sie den Sand des Kontinents, die Farben der Savanne in die Plastikflasche geschaufelt. Unter ihren Fingernägeln und in den Rillen auf den Handflächen klebte der Rest noch tagelang. In der Lodge beschriftete sie die Flasche und wickelte sie in ein paar Trekkingsocken, man sollte die Flasche im Koffer nicht gleich bemerken, sie war sicher, dass es illegal war, den Sand mitzunehmen. Wieder zuhause stellte sie die Flasche im Badezimmer auf die Fensterbank neben eine der Kaurimuscheln von ihrer Reise nach Hawaii, 2003. Daneben thronte der Vulkanstein vom Pico del Teide auf Teneriffa, die kambodschanische Straußenfeder hinter Fensterglas, der Reis aus einer Opferschale aus Indonesien — er hatte bloß so dagelegen, auf der Straße, was war schon dabei?

Wenn Besuch kam und sie nach der Flasche fragte, gab sie sich lässig: „Aus Afrika, ja, natürlich authentisch. Nein, das ist schon erlaubt, sowas. Den Sand vermisst doch keiner“, und dann gab sie einen mürrischen Ton von sich, der dem Zuhörer den Anschein gab, es sei selbstredend, Sand aus Afrika als lächerlich alltäglich abzutun.

Und während die Flasche langsam die Farbe des Sandes annahm und die Reise verblasste, tauchte in ihren Träumen doch immer wieder die Spitze des Berges auf, zu dessen Füßen sie gekniet hatte. Eine weiße Spitze, Schnee unter der glühenden kenianischen Sonne. Schnee am Kilimandscharo war nicht ihr Lieblingsfilm und schon gar nicht ihr Lieblingsbuch (warum bloß sollte ein Leopard in einer Höhle seinen Seelenfrieden suchen? Hatten Leoparden überhaupt Seelen?), doch in vielen Nächten saß sie vor dem Fernseher und konnte sich nicht sattsehen an dem Berg, den sie seiner Erde beraubt hatte.

Sie bekam Albträume: Schatten, die sich vor dem Berg in die Länge zogen, höher und höher, bis sie den Gipfel berührten und schrien, jemand habe sie beraubt. Fratzen flatterten unter ihren Augenliedern, aufgerissene Augen und Münder, aus denen roter Sand in Sturzbächen quoll, eine Lawine aus Rot, Rot, Rot.

Sie versteckte das Fläschchen hinter einem Küchenschrank. Das half nicht. Sie legte es in eine Kiste auf den Dachboden. Die Träume blieben. Auch die Schachtel im Keller, hinter den Skiern, Koffern und Schneehosen half nicht.

Als sie mitten in der Nacht hochfuhr, sich aus den um sich selbst geschlungenen Decken kämpfte, sich die schmerzende Stelle rieb, wo sie sich den Ellenbogen gestoßen hatte, und die gellenden Schreie voller roter Zähne, einem aufreißenden Himmel und einem Schattenwesen auch Minuten nach dem Aufwachen nicht mehr abschütteln konnte, wollte sie die Flasche wegwerfen. Sie zog sie hervor, rannte ins Bad, wollte den Sand gerade in den Toilettenabfluss kippen und die Flasche unter einem Handtuch mit einem Hammer zerschlagen, da hielt sie inne. Unter ihren nackten Fußen vibrierten die Fliesen. Irgendwo ein Grollen. Die Wände schienen sich im Tumult des Bodens aufeinander zu zu schieben, die Vibration stieg durch ihre Beine in ihre Arme, sie wollte um Hilfe schreien — aber ihr Mund war schon voll. Sie würgte und keuchte, lehnte sich über das Waschbecken, umklammerte es, ihre Knöchel wurden weiß. Rot floss es aus ihrem Mund in das Becken. Rote Sandkörner rannen aus ihrem Rachen, bildeten Wellen im Becken, formten einen Strudel durch den Abfluss.

Es hörte nicht auf. Sie würgte und würgte, immer mehr Sand brach aus ihr hervor, ihre Knie gaben nach, der Boden war ein einziges Meer aus Schwingungen, die Wände kamen auf sie zu, sie kniff die Augen zusammen.

Dann war alles still. Sie schlug die Augen auf. Um sie her: Decke, Kissen, der Bettpfosten, an dem ihr synthetischer Kimono hing. Ihr war übel. Vorsichtig tastete sie im Dunkeln an ihren Mund, über ihren Hals, die Augen, doch da war nichts — sie lag im Schlafanzug in ihrem Bett, es war vier Uhr morgens, sie würde bald zur Arbeit müssen. Auf dem Nachttisch stand ihr Wasserglas, noch voll. Daneben das Buch, in dem sie vor dem Zubettgehen gelesen hatte, die Lampe, getrocknete Weizenähren in einer Vase. Und die Flasche mit dem roten Sand. Sofort saß sie aufrecht im Bett, ihr Puls raste, sie keuchte. Die Flasche sollte im Keller liegen, hinter den Skiern im Schrank, unter den Laken.

Unwillkürlich griff sie nach dem Plastik, knipste das Licht an. Die Flasche war leer. Sie starrte auf ihre Hände: rot. Sie starrte auf ihr Gesicht im Spiegel an der gegenüberliegenden Zimmerseite. Sand klebte ihr im Mundwinkel.

Julia Königs, Jahrgang 1993, ist studierte Kommunikationswissenschaftlerin, war langjährig als freie Journalistin für Agenturen und Verlage tätig und ist seit 2020 hauptberuflich Redakteurin. Sie veröffentlicht Kurzgeschichten und Reisereportagen auf dem deutschen Reise- und Achtsamkeitsblog waitingishappiness.com mit rund 6.000 Leser:innen monatlich. 2019 durfte Sie bereits eine der Geschichten im experimenta Magazin für Literatur und Kunst publizieren. Ihr Debütroman ist derzeit in Lektoratshänden und soll bald das Licht der Welt erblicken.

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