Rote Freiheit

von Nina Lischke

Du!, dachte sie und drehte sich zornig zur Seite. Er sollte bloß nicht die wütenden Tränen sehen, die sich sich sofort aus ihren Augen stahlen.

Wie sehr hingen Greta seine Predigten zu Sparsamkeit und Gottesgehorsam zu den Ohren raus. Jedes einzelne Wort konnte sie mitsprechen, schließlich änderte sich seit zwanzig Jahren nichts an Ulrichs Wortlaut.

„Diese Gier und Völlerei, widerlich!“, rief er immer, wenn er von einem Dorffest oder einer Versammlung, einem Geburtstag oder einer Hochzeit kam. „Die Menschen wissen Gottes Geschenk einfach nicht zu schätzen. Schlagen sich die Bäuche voll und kaufen sich massenweise neue Sachen, teuer noch dazu, und denken dabei an Liebe und ein festliches Leben. Pah!“

Rot. Rot war es gewesen, das Kleid ihrer Träume. War es noch immer. Nur nicht an ihr. Rot wie die Freiheit, wie keckes Lachen mit sinnlichen Lippen, offenen Haaren über der Schulter. Rot mit gelben Butterblumen darauf. Sommer pur. Greta hatte sich plötzlich wieder jung gefühlt, leicht und unbeschwert, ohne die Strenge, die ihr die Haare zum Dutt zusammenband und die Augen zu missgünstigen Schlitzen verengte.

Nach drei Tagen sehnsüchtigen Starrens hatte die Verkäuferin sie angesprochen und gefragt, ob sie nicht endlich hereinkommen wolle, um das Kleid anzuprobieren. Pikiert hatte Greta sich zunächst abgewandt – was, wenn sie jemand beobachtete und tratschte? Aber der Wunsch war einfach zu groß gewesen.

Rot. Rot war es gewesen, war es noch immer. Nur nicht an –

„Greta!“ Greta schreckte aus ihren Gedanken hoch. „Hör mir gefälligst zu! Das Essen heute um sechs, haste gehört!“

„Um sechs?“, fragte sie benommen.

„Ja, frag doch nicht so blöd. Stammtisch wie jeden Mittwoch.“ Ulrich stand in der Tür und schimpfte die grauen Wände an, als sollten sie ihr die Botschaft weiterreichen. Hallo, hier bin ich, dachte Greta. Ob er sie in Rot ansehen würde? Aber was interessierte ihn schon die Farbe des Kleides, wenn derselbe traurige Inhalt darin steckte? Ulrich hatte Recht. Auch ein neues Kleid würde ihren Körper nicht geschmeidiger Formen, die Falten nicht glätten, den viel zu schmalen Mund nicht weicher machen. „Was brauchst du denn ein neues Kleid?“, hatte er sie abfällig gefragt. „Ist besser, du bleibst im Haus und blamierst mich nicht.“ Damit war er aus der Traum von roter Frische. Er wäre doch nur für sie allein gewesen, als Zeichen von Leben… Wie nannte man das, was sie tat? Erdulden? Gelebt werden? Wie sehr sie diesen abgenutzten Lumpen satt hatte, den sie seit zehn Jahren trug, drei Ausführungen desselben Schnittes, weil noch Stoff von den Vorhängen im Wohnzimmer übrig war.

Rot! Rot war es gewesen, war es noch immer. Nur nicht an ihr. Ulrich grunzte und wollte sich gerade abwenden, da sprudelte die Frage aus ihr heraus: „Ist das etwa ein neuer Sakko?“ Schwarz, glänzend, mit Samtknöpfen. „Tja“, schnaufte er. „Deine Flicken wurden ja auch immer miserabler.“ Vor fünf Jahren schon wollte Greta einen neuen besorgen. Die braunen Kordstreifen des alten verliefen nur noch mitleidig in Schlangenlinien, hier und da von gestopften Löchern unterbrochen. Aber: „Alles hat seinen Wert und ich werde mich nicht dem Konsum beugen. Da können sie uns noch so viel Werbung in die Briefbox quetschen.“

Und jetzt das. Rot war ihr Kleid gewesen, war es immer noch, nur nicht an ihr. Vor einer Woche erst hatte er sie lächelnd gedemütigt und nun stand er in einem nagelneuen Sakko da. Greta war wie zur Salzsäule erstarrt. Sie hatte sich umgeschaut. Und Ulrich hatte ihr ihr Sodom gezeigt. Rot war es gewesen, ihr Kleid, ihr geplatzter Traum, und schwarz glänzend grinste Ulrich sie nun an. Du dreckiger Schuft!, schrie es in Greta und heiß fuhr ihr das Blut in die runzligen Wangen ihrer viel zu jungen Haut. „Was starrste denn so?“, fuhr Ulrich sie an. Elegant sah der Sakko aus. Elegant. Ja, das hatte Greta auch mal über Ulrich gedacht, damals, auf dem Festplatz. Der einzige, der sich nicht mit billigem Bier zulaufen ließ, der wachsam blieb und alles beobachtete. Eleganz – was für eine Täuschung.

Rot. Nur nicht an ihr!

„Machste jetzt endlich das Essen, oder soll ich hungrig zu den Kollegen gehen?“

Was sollte sie schon mit einem schönen Kleid? Zu teuer für die olle Hausfrau mit dem strengen Mund, dem ziehenden Dutt, dem verbitterten Gesicht, dem unfruchtbaren Körper. Greta erwachte aus ihrer Starre und hörte, wie Ulrich die Treppen hoch stapfte. Rot. Mit gelben Butterblumen. Sommer pur. Greta wusste, wo die Geldbüchse versteckt lag. Rot wie die Freiheit.

Greta kochte. Greta servierte. Greta zog sich selbst zum Essen zurück. Alles war wie immer.

Als das Haus wieder friedlich war, zog sie die Geldbüchse unter Ulrichs gestopften Socken hervor. Dachte er wirklich, sie wüsste nichts davon? Sie nahm sich fünf der dicken Geldrollen heraus. Damit würde sie ein paar Wochen leben können. Dann streifte sie den goldenen Ring von ihrem Finger und legte ihn hinein. Rot war es, ihr Kleid, ihr Sommer. War es noch immer. Und ab jetzt sogar an ihr.

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