Am Schatten amputiert

von Sophia Thomsen

Das ist Herr Grünbeck, wie er lässig an der Ausgabe vom Kiosk lehnt, Standbein/Spielbein und mit der Pächterin schäkert. Dabei zieht er ab und zu seine Hose hoch, denn er ist mager und die Hose rutscht. Nachher dann der Herr Grünbeck auf einer Bank im Park, mit der Sommersonne im Genick. Und ihm zu Füßen liegt sein Abbild, schlank, mysteriös und leicht verzerrt und man fragt sich, was es so denkt.

 

Und wenn Herr Grünbeck einen Schluck aus seiner Flasche tut, dann schluckt sein Schatten im Gleichtakt den luftig-goldenen Widerschein aus dem Schattenbild der Flasche.

Und wenn Herr Grünbeck eine zerdrückte Zigarettenschachtel aus der Brusttasche zieht und sich eine Zigarette ansteckt und fedrige Ringe in den Spätsommer schickt, rollt ihre rußfarbene Variante nachdenklich über den Kies.

 

Später legt er sich dann mit angewinkelten Beinen auf die Bank und schläft mit dem Kopf auf dem Unterarm ein, und dann schenkt sein Schatten ihm all die weggeworfenen Gedanken des Tages als Träume.

 

Einmal sitzt Herr Grünbeck wieder mit seinem Bier vom Kiosk auf der Parkbank. Darunter und quer über den Weg breitet sich sein Schatten aus und schlürft Traurigkeit aus weggeworfenen Kippen und Hundeurin und dem Scharren sich ablösender Schuhsohlen, unter die Räder der Kinderwägen, unter das Lachen der kleinen Schätzchen auf ihren Laufrädern und das Tickeditack der Hundekrallen und das Picken der Tauben.

 

Da atmet etwas über seinem Kopf und schiebt sich vor Herrn Grünbeck und das Fräulein Heide sagt: „Ich müsste mich auch mal setzen“, und wischt sich mit dem Stofftaschentuch erst die Schweißperlen von der Oberlippe und dann den Dreck vom freigerückten Platz.

Zu zweit passten sie sehr genau auf die Bank. Der Herr Grünbeck ist schmal und leicht, das Fräulein Heide groß und schwer und riecht nach Seife.

Nur der Schatten, obwohl er noch schmaler ist als der Herr Grünbeck, passt merkwürdigerweise nicht mit auf die Bank. Das Fräulein Heide hat ihm achtlos den rechten Absatz in die schwarze Brust gerammt und jetzt liegt er über den Kies geworfen finster da und hängt Gedanken nach.

Herr Grünbeck erzählt dafür aus seinem Leben und das Fräulein lacht und wenn es lacht, hüpfen die aufgestickten Pailletten auf seiner Brust und treiben tausend Lichtnadeln in das schwarze Herz des Schattens.

 

Und irgendwie bietet Herr Grünbeck dem Fräulein irgendwann seine Begleitung an, oder das Fräulein nimmt ihn mit und der Schatten lässt sich dann auch mitzerren, bis zur Wohnungstür vom Fräulein. Dort steht auf einem Keramikelefanten eine eingetrocknete Palme und während das Fräulein mit dem Schlüsselbund hantiert und der Herr Grünbeck schöne Augen macht nimmt sein Schatten all seine Willenskraft zusammen und krallt sich an der Palme fest und als Herr Grünbeck über die Schwelle tritt dehnt der Schatten sich erst und reißt schließlich mit einem scheußlichen Ratschen von dessen Fersen ab und verdrückt sich hinter die Palme.

 

Drinnen setzt der Herr Grünbeck sich auf die Bettkante und zieht sich die Schuhe aus und schämt sich ein wenig für die Löcher aber sie findet das rührend und hüllt ihn in Puder- und Seifengeruch und löst den weißen Baumwoll-BH und füllt sein Blickfeld ganz aus mit sehr viel Rosa und zwei kleinen Gipfeln und goldenen Härchen darum und ist über ihm und neben ihm und um ihn wie eine Landschaft aus Liebe und Gänsehaut und tiefen Falten und bewachsenen Höhlen in denen es nach Stille und Feuchtigkeit riecht. Als er Mut gefasst hat, tastet sich der Herr Grünbeck vor, über die weiche Haut, die den Puls zusammenhält, besteigt sich hebende und senkende Gebirge, erforscht Buchten und duftende Finsternis, versinkt, wird übermannt und mitgeschwemmt und als er wieder auftaucht schmiegt er sich erschöpft in ihre Armbeuge und schläft dort ein.

 

Inzwischen presst der Schatten sich zwischen Palmenstumpf und Wand und ist dort allein mit dem Staub und den Spinnenweben.

Als Herr Grünbeck endlich die Wohnung verlässt und sich noch kurz auf die Zehenspitzen stellt um dem Fräulein einen Kuss auf den Mund zu drücken, heftet der Schatten sich zwar an dessen Fersen, aber halbherzig und ohne Überzeugung. Er hat etwas über den Herrn Grünbeck gelernt und etwas über sich. Und daraus ist ein Riss entstanden und der Riss wird mit der Zeit größer werden.

 

Wenn der Herr Grünbeck jetzt das Fräulein besucht, bleibt der Schatten immer an der Tür zurück und wartet hinter der Palme.

So geht das eine Zeit, der Schatten verbirgt sich, zunächst ängstlich, hinter der Palme, dann gewöhnt er sich langsam an den Gedanken und eines Tages schlingert er endlich erst die Treppe hinunter, zwängt sich dann unter der Eingangstür durch, verheddert sich dabei fast im Fußabstreifer und zieht sich mühsam am Knauf hoch.

 

Da steht er also schwankend im Türviereck, zwirbelt sich einen Schnurrbart und denkt sich – schau einmal einer an. Er begibt sich ins Gewühl des Tages, lässt sich mitnehmen und treiben und sieht das erste Mal die Welt aus dieser veränderten Perspektive. So schwimmt er mit, Schulter an fremder Schulter bis die Sonne sinkt und die Schatten länger werden und er aus dem Tag in die Nacht hinübergleitet.

 

Da sieht er dann das tote Laternenlicht Lichthöfe malen und den Mond aus Pfützen trinken. Gullis atmen. Stimmen werden zu Rauch. Scheinwerfer streicheln Bordsteine. Auf den Windschutzscheiben glitzern Diamanten. Ein Mann schläft in seiner Kotze. Speichen zerteilen surrend die Dunkelheit. Die Nachttram poltert vorbei. Der Schatten ist in der Nacht und die Nacht, und die Nacht ist um ihn herum.

 

Weiter.

 

Absätze klackern. Junge Beine zittern abwechselnd und Hände schlagen wartend Oberarme warm. Nachtfalter berühren Wangen. Stirnen, Ohrläppchen, Schlüsselbeine riechen nach Nebel. Rote Punkte glimmen auf Mundhöhe, da trägt es Lachen fort. Er zwängt sich zwischen fremde warme Menschenkörper.

 

Dezibel.

 

Stroboskop.

 

Hertz.

 

Da hat er sich wohl zu weit hinausgewagt in die grelle wummernde Welt. Da ist er eben doch fragil, und gehört eigentlich zu jemand anderem dazu.

Es zersprengt ihn in Schattenfetzen.

 

Hundertfach eingeatmet werden.

 

Flimmerhärchen streicheln. Rachen runterrinnen. Zwischen Stimmlippen hindurchschlüpfen. Bronchialäste, Alveolen. Tausendfach einsinken, durchsinken. Sich treiben lassen. Die Aorta als Hauptverkehrsader. Ganz nah am Herzschlag. Zu Gast in den nächtlichen Körpern und ihnen seinen schwarzen Stempel aufdrücken.

 

Wird wieder ausgeatmet, verfängt sich noch kurz in Haaren, verweht, in den Rinnstein gerotzt, zwischen Glasscherben und Hundekot kleine Reste Dunkelheit.

 

 

Herr Grünbeck hätte lange nichts bemerkt wenn es nicht doch einmal zum Streit gekommen wäre.

Da hat er sich dann türenschlagend zum Kiosk aufgemacht und anschließend die Nacht auf der gewohnten Parkbank verbracht. Als er aufwacht und noch benommen ins nächste Gebüsch tappt und schöne Bögen zeichnet da trifft ihn eine Gemeinheit im Nacken, begleitet von boshaftem Gelächter. Herr Grünbeck dreht sich um und tropft auf Schuh und Hosenbein und möchte die kleinen Fratzen voller Milchzähne verfolgen, die entkommen aber mit hüpfenden Schulranzen.

Da hemmt die rutschende Hose seine Bewegung, er steht mitten auf dem Kiesweg. Rufe werden laut. Hände bedecken erschrocken Münder und Finger zeigen dorthin, wo etwas sein sollte, was nicht ist, nur ein nacktes Fleckchen Erde.

 

Am Schatten amputiert.

 

 

Es ist Herbst geworden, das Licht diffuser und man sieht nicht mehr so genau, wer einen Schatten hat und wer nicht. Auf der Parkbank sitzen Herr Grünbeck und das Fräulein, er schmiegt sich ganz eng an sie, so kann er ihren Schatten auch ein wenig als den seinen ausgeben. Wenn dann Vorübergehende zu Ihnen schauen, besonders aber manche jungen Menschen, sieht der Herr Grünbeck gelegentlich etwas Dunkles aus den Pupillen hinausschauen, etwas ihm allzu Bekanntes, das nicht zur Netzhaut gehört. Schattenfetzen im Glaskörper. Und dann nickt er dem alten Kollegen ganz leicht wie zum Gruß zu.

Was, denkt er sich dabei vielleicht, wächst da für eine neue Generation heran. Was für Gedanken werden sie haben, was für Städte werden sie bauen. Und dann rückt er noch näher zur Frau Heide und denkt sich – wenigstens etwas wird von mir bleiben das nicht ganz bedeutungslos ist.

 

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