Wenn die Erde ein Reiskorn wäre

von Alexander Wachter

Am 20. Juli fährt ein Blitz auf die Erde nieder, der unsere Welt für immer verändert. Er trifft den Krater des Vulkans Grímsvötn im isländischen Hochland. Dort, am Fuße ebenjenes Vulkans, befindet sich zur selben Zeit Professor Petrischeid mitsamt seinem Forscherteam. Die Exkursion der Geologen konzentriert sich ursprünglich auf die Erforschung des Eruptivgesteins, wird jedoch von dem immer auffälligeren Naturspektakel über ihren Köpfen in den Schatten gedrängt: Die Forscher beschreiben den Himmel als mit Neon bemalt und pulsierend. Regelmäßiger Donner halle durch das Schneegestöber, doch kein Blitz wäre je zu sehen. Die letzten überlieferten Worte Professor Petrischeids, online dokumentiert und über die Cloud der Nachwelt erhalten, sind: „Da oben tanzen die Götter. Hoffen wir, sie steigen nicht zu uns herab, bloody hell!“

Der Blitz schlägt vier Minuten nach Mitternacht ein. Die elektrische Ladung gräbt sich in die Erde und verändert alles.

Der Einschlag löscht alles Leben der umliegenden 8,29 Quadratkilometer aus. Die Natur – zuvor noch unter tiefem Schnee schlummernd – brennt. Lodernde Birkenwälder und einstige Wiesen voller Kuckucksblumen verpesten die Luft, Gletscher verdunsten in Sekunden, Schafe verschmoren lautlos. Das Forscherteam um Professor Petrischeid befindet sich in dieser Zone, als der Blitz einschlägt. In einem Radius von 300 Kilometern erleiden Menschen schwere Verbrennungen an ihren Füßen. In Amsterdam spürt man eine Spannung in der Luft: Den Menschen stehen die Haare zu Berge, Hamsterkäufe von Haarspray-Produkten sind die Folge. Hunde und Alte pinkeln unkontrolliert. Der Rest der Welt bleibt verschont. Vorerst.

Der Blitz verändert den gesamten Erdkreis auf einem atomaren Level. Erdbeben begleiten die Neuzusammensetzung, ein Geruch von Sake wabert über den Horizont. Überraschte Gärtner blicken in ihre Hochbeete, reißen Erdsäcke auf und brüllen. Dann verändert sich der Boden, auf dem wir stehen: Die Masse zwischen unseren Zehen wird weich und immer weißer. Assoziationen von Schimmelkäse werden als Memes in den Sozialen Medien diskutiert, bevor das Satellitennetz zusammenbricht.

Nach derzeitigem Wissensstand weist Erde als einziges Material eine unübliche, stoffliche Veränderung als Reaktion auf den Blitz auf. Erste Untersuchungen ergeben, dass die neuartige Erde reich an Kohlenhydrate und Stärke ist. Auch geschmacklich und nährstofftechnisch stimmt die Molekülzusammensetzung nicht mit Schimmelkäse, sondern mit dem eines gekochten Reiskorns überein.

Das Chaos ist allmächtig: Straßen brechen auf, Brücken brechen ein, Stromleitungen wanken. Häuser versinken, Abwasserrohre verschieben sich, Scheiße sickert. Die Meere werden aufgesogen, das Reiskorn quillt. Einwohner der Küstenstädte fliehen zu Fuß oder in Booten. Tokios Wolkenkratzer sind verschwunden, die Stadt liegt hunderte Meter unter der Oberfläche, Manhattan bereits fünf Kilometer tiefer.

Doch die Naturkatastrophe offenbart auch gute Seiten. Venedig freut sich über den niedrigsten Wasserstand seit Jahrhunderten. Auch zum ersten Mal in über 10.000 Jahren: Die Beringstraße zwischen Amerika und Russland ist wieder begehbar. Offline-Influencer versprechen, den neuen Tourist-Hotspot zu besichtigen, sobald Flugzeuge wieder starten.

Jeder Mensch verfügt nun über genug Erde zum Überleben. Die weltweite Hungersnot wurde gelöst. Der amerikanische Präsident bestätigt, diesen Umstand zuerst erkannt zu haben und daher als dessen Vollbringer ausgezeichnet zu werden. Ingenieure der ganzen Welt arbeiten gemeinschaftlich daran, Häuser und Infrastrukturen an die neuen Untergründe anzupassen. Ein russisch-chinesisches Forscherteam bestätigt erste Erfolge. Auch die Ernährungswirtschaft passt sich an: BetterRice and Sons verspricht den besten Reis zu verkaufen, den sonst keiner hat. Mit einer Geheimzutat, die die fehlenden Gemüse- und Obstsorten vergessen lässt. WhiteGold setzt auf große Geschmacksvielfalt, wohingegen McRice das schnellste Esserlebnis bieten soll. Ein afrikanischer Schriftsteller prangert die vielen unnötigen Toten dieser Katastrophe an. Heute könne die Erde mehr Menschen als je zuvor ernähren. „Unnütz“, meint er. „Denn wir sind so wenige wie schon hunderte Jahre nicht mehr.“ Er wird in diesem Jahr in Oslo ausgezeichnet. Seine Dankesrede widme er dem Forscherteam um Professor Petrischeid.

Die Menschen, die ihr ganzes Leben an Armut gelitten haben, die sich kein Essen für ihre Familien oder sich selbst leisten konnten, die kein Dach ihr eigen nennen, auf der Straße leben und barfüßig ums Überleben kämpfen mussten, diese Menschen frohlocken. Sie kümmern sich herzlich wenig um die Probleme gewinnorientierter Konsumtreiber, um die Qual toter Liebender und verlorener Träume. Sie kennen all dies zu genüge. Stattdessen setzen sie sich auf die Erde nieder, krallen ihre Hände in den leicht-klebrigen Untergrund, reißen mit emsiger Freude Teile des Reiskorns, das jetzt unsere Erde ist, heraus. Und sie essen, essen, essen.

Wissenschaftlern zufolge wird das Reiskorn in drei Monaten faulen.

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