Die Suche

von Annika Kemmeter

Lichter, Lichter, Lichter. Beißende Strahler, kerzenscheinwarme Kronleuchter, kalte, glatte Neonröhre. Ich versuchte, mich auf irgendeine Lampe zu konzentrieren, wurde aber von einem gelb blinkenden Schriftzug abgelenkt. Sunshine. Dunkel. Sunshine. Dunkel. Ich nahm mich zusammen und legte den Kopf in den Nacken. Betrachtete die dortige Lichtquelle: Fünf gewundene Duschschläuche endeten in fünf weißen Hundekrägen und lösten keine Emotion aus.

„Kann ich Ihnen behilflich sein?“ Ich kam mir dumm vor, als ich ihm sagte, ich suchte Lampen.

„Was haben Sie sich denn vorgestellt?“

Auf mein entschuldigendes Schweigen hin fragte er: „Welches Zimmer möchten Sie denn neu beleuchten?“

„Eigentlich… alle.“ Bevor ich ausführen konnte, was das bedeutete, fiel er mir ins Wort und fragte, was das bedeutete. „Flur, Küche, zwei Lampen fürs Wohnzimmer, dann noch das Schlafzimmer und das Arbeitszimmer.“

„Und das Bad“, lachte er süßlich.

„Nein, im Bad war schon eine Lampe.“ Sie gefiel mir zwar nicht besonders, störte aber auch nicht genug, um sie ersetzen zu müssen.

„Ist es eine Wohnung mit hohem Tageslichtanteil?“ Ich versuchte mich auf seine Frage zu konzentrieren, aber eine gebieterische, königliche Lampe, mit strammen Kerzen und funkelnden Glasperlenketten hing hinter ihm und dominierte meine Gedanken. Ich wandte meinen Blick zur Seite und sah neben Schreibtischlampen, die wie Rehe aussahen, Nachttischlampen aus Milchglas in Form von Milchtüten

„Nun?“

„Naja. Die Wohnung hat eine große Fensterfront. Aber nach Norden. Also, eigentlich Nordwesten, glaube ich. Aber die Gebäude gegenüber spiegeln die Sonne.“

Mit einem schmatzenden Geräusch und gerunzelten Brauen sog er seine Wangen ein. „In welchem Stil haben Sie ihre Wohnung denn eingerichtet?“

Ein sirrendes Geräusch kam aus einer roten Lampe, die wie ein auf Hochglanz polierter umgestülpter Eimer aussah. Daneben hing eine überdimensionale Schale, ihr Äußeres wie gekämmte Lava, ihr Inneres komplett vergoldet. Wieviel so eine Lampe wohl kostete? Egal. Für meine Wohnung war sie sowieso zu groß. Er wartete auf meine Antwort. „Das ist ein bisschen… schwierig. Also im Flur stehen eher alte Möbel, Antikes. Möbel aus der Gründerzeit. Die Küche ist modern, mit Kochinsel. Es ist eine offene Küche, die ins Wohnzimmer übergeht. Das Wohnzimmer ist ziemlich groß, die eine Seite ist asiatisch gestaltet, also japanisch mit Tatamimatten und niedrigem Esstisch, und die andere Seite eine Mischung aus Kolonialstil und Landhaus. Das Arbeitszimmer…“

Doch er hörte nicht mehr zu. Sein sich schüttelnder Kopf war hinter seinen knochigen Händen verschwunden. „Ihre Wohnung… Sie brauchen doch eine Richtung!“ Seine Hände klebten immer noch an seinen Wangen. „Sie brauchen doch eine Richtung.“ Verzweifelt sah er mich an. „Wie soll ich Ihnen denn nun weiterhelfen?“

Ich wusste keine Antwort.

„Wie konnte es nur dazu kommen? Haben Sie denn keinen Geschmack?“

Wie bitte?

„Ich meine“, verbesserte er sich eifrig, „Verzeihung, ich meinte, haben Sie denn nicht einen Geschmack. Also, einen Stil?“

„Offenbar habe ich keinen Stil“, antwortete ich mit verkrampften Stimmbändern.

Er wedelte mit der rechten Hand, die einen goldenen Stift hielt. „Doch, Verzeihung, natürlich haben Sie Stil“, er betrachtete mich von Kopf bis Fuß.

Ich trug zu meinem teuren schwarzen Wintermantel mit schwarzem Ledergürtel, zu meinem roten Schal und der dazu passenden roten Mütze, beide gemeinsam in einem Laden gekauft, meine bequemen etwas ausgelatschten lila Sportschuhe.

„Ihre Wohnung, das ist Ihre Umgebung, sie spiegelt ihren Charakter wieder, verstehen Sie?“ Er drehte seinen Stift in beiden Händen. „Die Lampen darin können diesen Charakter untermalen. Sie können einen Raum unauffällig veredeln, ihn aber auch beherrschen. Das Licht leitet den Blick. Lampen bestimmen, was gesehen und was kaschiert wird. Das Licht setzt Akzente, es ist wie ein gutes Make-Up, verstehen Sie? Aber wenn die Wohnung schon derart…“ Er zog die Luft tief ein. „Aber wie kommt es denn zu so etwas?“

Ich fühlte alle Lampenköpfe sich nach mir drehen. Er erwartete doch keine Antwort, oder?

„Sie können doch nicht einfach irgendwas kaufen. Sie können doch nicht kaufen, worauf sie gerade Lust haben. Das können Sie vielleicht an der Wurstwarentheke, wenn es sein muss, aber eine Wohnung ähnelt doch eher einem Menü, in dem die Räume wie Gänge in einem guten Restaurant aufeinander abgestimmt sind. Sie können doch nicht auf der einen Hälfte des Tellers Sushi und auf der anderen Saures Lüngerl mit… mit Guakamole servieren. Verstehen Sie? Dann doch lieber – und wenn es etwas Einfaches sein soll – sagen wir Spaghetti mit Gemüseragout und das Licht, das könnte ein feines Tomatensößlein sein. Aber dazu passt doch kein Sushi. Soyasoße und Tomatensoße, wie soll das passen?“

Ja. Wie sollte das passen?

„Ich verstehe bloß nicht, wie es dazu kommen kann. Denken Sie denn nicht nach?“

„Doch…“ Seine Worte drehten sich im Kreis um mich herum, herum, herum, in diesem Schwindel konnte ich das Gefühl nicht abschütteln, dass sie Sinn…

„Aber dann verstehe ich es nicht.“ Aufgeregt kratzte er sich mit dem Stift dort, wo die Brille auf seinen Bäckchen aufsaß. „Eine Wohnung ist ja immer Spiegelbild der eigenen Identität. Können Sie sich denn mit Ihrer Wohnung identifizieren?“

Würde er weiterreden oder mir die Chance geben, auf eine Frage zu antworten? Er gab mir die Chance: „Ich bin ja gerade erst eingezogen, aber ich würde immerhin sagen, dass ich mich wohlfühle. Auch wenn die Einrichtung noch nicht vollständig ist.“

„Noch nicht vollständig! Ja, was wollen Sie denn noch… aber natürlich. Natürlich, die Lampen. Also? Wohlfühlen… Aber identifizieren Sie sich mit der Wohnung?“

Ich schwankte zwischen einem trotzigem Ja und der Option, ernsthaft über die Frage nachzudenken. Ich schwankte einen Augenblick zu lang.

„Sehen Sie, ich glaube, Sie haben Probleme mit Ihrer Identität. Deshalb stehen Sie auch in meinem Laden, gucken von Lampe zu Lampe und können mit keiner etwas anfangen. Ich würde Ihnen vorschlagen, nach Hause zu gehen, sich einmal Zeit zu nehmen, um sich selbst zu finden, und dann können Sie gerne wiederkommen.“ Er begleitete mich zum Ausgang. Als er mir die Tür aufhielt, bedankte ich mich höflich für die gute Beratung.

Zu Hause saß ich lange auf der Kolonial-Couch. Der Fernseher war schwarz, das Radio stumm. Ich saß da und fand etwas Interessantes heraus: Nackte Glühbirnen stören mich eigentlich gar nicht.

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