Das Erbstück

von Sara Zinser

Ich starrte den Teller in meinen Händen an. Ich hatte gerade die eingetrockneten Essensreste vom Vortag herunter gekratzt mit so viel Würde, wie ich auf dem Grund des Geschirrtümpels hatte finden können. Tagsüber hatte er faul im Spülbecken geruht, mich wie ein blind-milchiges Auge angeglotzt.

Es war nicht einmal ein schöner Teller. Klassisch rund mit einem schmalen Rand voller missgestalteter, roter Kleckse.

Minutenlang hatte ich den vermeintlichen Ketchup bearbeitet, nicht gewillt ihn gewinnen zu lassen, ehe ich meinen Irrtum bemerkte.

Wie ein Sammelsurium aus winzigen Blutspritzern.

Von seiner Urgroßmutter. Oder der Tante dritten Grades. Ein heiliges Erbstück. Und deshalb nicht in die Spülmaschine – auf gar keinen Fall in die Spülmaschine!

Das Porzellan fühlte sich billig an. Fast wie Plastik.

In meinen Händen sah er aus wie ein plumpes Mondgesicht von einem hässlichen Kind. Einen Gute-Nacht-Kuss? – Nein, danke.

„Schatz.“

Fingerspitzen streichelten im Vorbeigehen über meine Hüfte. Ich erschrak und hätte beinahe den Teller in den noch leicht feuchten Abguss fallen lassen, wo die Spülmittelschlieren ein Kunstwerk bildeten.

„Sind sie wertvoll? Antik vielleicht?“ Das war meine erste Mutmaßung gewesen, als er mit diesem zerdrückten Karton voller hässlicher Teller ankam. Sie vor stolzgeschwellter Brust in die Küche schob. Weiter nichts. Keine passenden Tassen oder Untersetzer. Nur Teller.

Ich krallte meine Fingernägel in die porzellanen Pausbacken und wie durch ein Wunder ließ ich sie nicht in die Spüle fallen.

„Ist das Abendessen fertig?“

Er hatte scheinbar gerade geduscht, das nasse Haar ein Schauspiel aus Lichtreflexen auf dunklen Locken. Als er sich von hinten an mich presste, kroch sein Geruch in meine Nase. Eine Mixtur aus Seife, Aftershave und Mann.

„Ich mach mich gleich ran. Vielleicht so in ’ner halben Stunde.“

„Was gibt’s denn?“

Seine 3-Tage-Stoppeln hinterließen einen kratzigen Weg auf meiner Wange. Vielleicht doch kein Aftershave. Eher die schleimigen Rückstände des neuen Spülmittels auf meinen schrumpeligen Fingerkuppen.

„Hackfleischauflauf.“

„Wolltest du nicht Steak machen?“

Die Deckel der leeren Töpfe klapperten als er sie prüfend hochhob und dann enttäuscht wieder zurück an ihren Platz legte. Einer rutschte von der Kante und fiel scheppernd auf den Küchenboden. Wir beide starrten den silbern glänzenden Fleck auf dem Boden an. Doch nicht auf jeden Topf ein Deckel.

„Das Hackfleisch muss weg.“

„Kannst du es nicht einfrieren?“

Er gab mir einen Klaps auf den Hintern, der meine Nervenenden aufglühen ließ, ein breites Grinsen auf dem Gesicht, das alles entschuldigen sollte. Das Hackfleisch, die Teller und die Welt.

„Ich habe es gerade aufgetaut.“

Er hob den Topfdeckel auf und legte ihn zurück auf die Ablage, da fiel sein Blick auf den Teller in meinen Händen, der sich seit Minuten nicht bewegt hatte, und auf den vermeintlichen, dreckigen Rand.

„Ist das Ketchup?“

Wir betrachteten beide das rote Allerlei.

„Nein, das ist Kunst.“

Er hatte breite Schultern, einen breiten Hals und große Hände, seine Haut ein sanftes Mahagoni – wie ein Schrank, der plötzlich beschlossen hatte Mensch zu sein und nicht Möbelstück. In unserer Hochzeitsnacht hatte er gescherzt, er könne mich bis ans Ende der Welt tragen. Ich zweifelte nicht an seinen Worten.

Dann kam der Karton mit den Tellern. Erinnerungen an Familienabende mit Kartoffelbrei mit Bockwurst und Fischstäbchen an ganz viel Ketchup.

„Steak also?“, fragte er.

Der Teller glitt aus meinen Händen und zerbrach klirrend im Spülbecken. Scherbenkonzert. Meine Finger verharrten in der Bewegung, bereit irgendetwas zu greifen, sich festzuhalten.

„Das war ein…!“

Sein Gesicht war voller roter Pusteln.

Was? Ein Erbstück? Ein Souvenir? Ein potthässliches Andenken?

Plötzlich waren meine Hände nicht mehr so leer. Es fand sich das größte Porzellanstück in meinen Fingern und dann –

In seinem Hals.

Er sprach nicht mehr weiter. Keine Ahnung, was der Teller nun war.

Mein Kopf neigte sich von links nach rechts. Mit leichtem Unmut bemerkte ich, dass sich auf dem bereits getrocknetem Geschirr in der Ablage frische, rote Spritzer befanden. Ich nahm den nächsten Teller, das Mondgesicht mit den hässlichen Sommersprossen, den Schwamm und begann zu schrubben. Das billige Porzellan quietschte in meinen Ohren.

Oder waren es vielleicht seine Finger, wie sie von der Anrichte glitten.

Ich wischte energisch über das Durcheinander an roten Klecksen, bürstete an der einen, dann der anderen Ecke… bis ich den Irrtum bemerkte.

Es war gar kein Ketchup, das war Kunst.

Ich lachte.

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