Die Schnake kann kommen

von Annika Kemmeter

Enttäuscht machte sich Thekla auf den Heimweg. In ihrem Elternratgeber stand: „Gestatten Sie sich nochmal etwas Entspannung, bevor die Kinder schlüpfen – denn danach werden Sie sich nie wieder langweilen.“ Und was war entspannender als eine Pediküre? Als in eine Matte versunken die Beine baumeln zu lassen, sich massagekundigen Händen hinzugeben, feinen Feilen, kitzligen Beinhaartrimmern, beruhigendem Duft und stimmungsvoller Musik? Daraus wurde wohl nichts mehr.
„Wir vergeben diese Woche keine Termine. Wir haben einen Tausendfüßler!“, hallte es in ihrem Hinterkopf nach.

Sie ließ Kopf und Brust hängen und kraxelte den Baum hinauf. Ein Schatten kündigte die Rückkehr der Amsel an, einem riesigen Tier mit absurd wenigen Füßen. Thekla versteckte sich in einer Rindenritze und wartete bis die Gefahr vorüber war. Hoffentlich hatte in der Zwischenzeit keiner ihre Eier entdeckt! Sie ärgerte sich, dass sie überhaupt zur Pediküre gekrabbelt war. In den nächsten Tagen würden die ersten Babys beginnen, sich aus den Eiern zu pulen. Bis dahin gab es noch viel zu tun! Zum Beispiel hatte sich Thekla erst drei Namen überlegt: Aragog, Kankra und Bello gefielen ihr gut. Es lagen aber hundertvierundzwanzig Eier in ihrem Nest…

Thekla grüßte einen Marienkäfer, der ihr zuzwinkerte und mit seinen Fühlern nach oben deutete. Thekla folgte seinem Blick. Dort funkelte ihr elegantes Netz im Sonnenlicht. Irgendetwas an seinem Anblick irritierte Thekla. Sie kniff ihre Hauptaugen zu und konzentrierte sich auf die Nebenaugen, die Bewegungen im Netz wahrnahmen. Ihre Jungen waren doch nicht etwa zu früh geschlüpft? Ihr Instinkt hatte berechnet, dass sie in frühestens zwei Tagen auf die Welt kommen würden! Mit rasendem Herzen galoppierte Thekla über Rinde und Äste hinweg zu ihrem Netz. Tatsächlich! Der Kokon war leer. Überall wimmelte es von kleinen schwarzen Schlüpfern.

Ein warmes Kribbeln machte sich in Thekla breit. Da war ihr erster Wurf! So viele liebe, kleine Tiere! Sie wollte jedes einzelne an sich drücken und mit Küssen übersäen. Freudentränen stiegen ihr in die Augen. Es waren die schönsten kleinen Spinnen, die sie jemals gesehen hatte. Sie betrat die unklebrigen Fäden ihres Netzes, mit denen sie vor Monaten das Gerüst für ihr Heim angelegt hatte. In der Mitte angekommen räusperte sie sich und verkündete feierlich: „Meine lieben Kleinen! Die Mama ist wieder da!“

Einhundertvierundzwanzig Augenoktette richteten sich neugierig auf sie. Dann redeten alle Spinnen durcheinander. Verzückt breitete Thekla ihre Arme aus und drückte das erste Spinnenbaby, das an sie herangekrochen war, fest an ihren Panzer. „Du Süße! Du sollst Kankra heißen!“
Sie setzte Kankra auf einem unklebrigen Faden neben sich ab und nahm das nächste Spinnlein in die Arme.
„Du bist der kleine Aragog“, sagte sie, von dieser Zeremonie selbst sehr gerührt. Dann klaubte sie einen Schlingel vom Netz, der gerade begann, seine eigenen Fäden auszuprobieren, und eine unklebrige Seidenstrebe mit Klebefaden beschmierte.
„Und du, kleiner Rabauke, bist Bello!“
Sie wartete darauf, dass das nächste Spinnchen aus der langen Schlange auf sie zu kletterte, um seinen Namen zu erfahren. Thekla würde die nächsten Spinnen einfach nach ihren Onkeln und Tanten benennen. Doch keines kam. Stattdessen sah die vorderste Spinne ihre Mutter mit runden Augen und herabhängenden Mundwinkeln an.
„Was ist los, mein Kleines?“

Die aber hob mühsam ihre Vorderfüße und mit diesen hob sich das Netz ein ganz kleines bisschen. Thekla fuhr ein Schauder in die Beine. Sie schüttelte den Instinkt ab, auf das Tierchen zuzustürmen und es zu verpuppen. Stattdessen zwickte sie das arme Kind frei und verwebte gekonnt die entstandene Lücke im Spinnennetz. Sie wollte ihr Baby in die Arme nehmen, doch ein Gedanke hielt sie davon ab: Es konnte nur Bello gewesen sein, der diesen Faden unvorsichtig verklebt hatte. Sie musste ihm beibringen, dass er da hinten am Fadenausgang verschiedene Fäden produzieren konnte und dass er überhaupt erstmal mit dem Weben aufhören sollte. Wo war der kleine Racker? Kankra und Aragog saßen brav an der Stelle, wo Thekla sie abgesetzt hatte. Aber Bello musste sich wieder im Spinnengewimmel hinten angestellt haben. Thekla zuckte die Schultern und hob das vierte Baby an ihre Brust. „Du sollst Luise heißen!“, sagte sie.

Thekla war erst bei Nummer sechsunddreißig, als der Instinkt jemanden zu verpuppen so groß wurde, dass sie sich kaum mehr dagegen wehren konnte. Entgegen ihrem Willen lief ihr das Wasser im Mund zusammen. Schließlich wurde die Schwingung im Netz so stark, dass sie den kleinen Ben neben dem kleinen Tim absetzte und sich umsah. Thekla erbleichte. Zwischen den herumwuselnden Spinnenbeinen glitzerten lauter neue Klebweben! Die Spinnenbabys, die selbst noch nicht am Netz festhingen, balancierten über das Gerüst und zogen dabei Klebefäden hinter sich her.
„Nein!“, rief Thekla. „Halt, aufhören!“ Die kleinen Spinnen erschraken.
„Wo ist Bello?“ Theklas Stimme zitterte vor Strenge. Einige von ihnen, deren Beine noch nicht sämtlich am Netz festklebten, zeigten auf eine kleine Spinne, die vor sich hinsummte und noch nicht mitbekommen hatte, wie aufgeregt seine Mutter war. Resolut stampfte Thekla auf Bello zu.
Beinahe wäre sie aus dem Netz gefallen. Sie war mit einer solchen Entschlossenheit losgelaufen, dass ihr Schwung sie zu einem Überschlag gezwungen hatte, als ihr drittes linkes Bein an einem klebrigen Faden hängengeblieben war. Erschrocken zog Thekla die übrigen sieben Beine ein. Dann rappelte sie sich mühsam hoch und löste ihr Bein aus dem Kleber. Sie zwang sich, tief durchzuatmen. Mittlerweile hatte auch Bello bemerkt, dass seine Mutter in Rage war und sah sie mit einer Mischung aus Sorge und Unschuld an.

„Du darfst deine Fäden nicht überall versprühen als wäre es gute Laune! Mit Fäden muss man sparsam sein, vor allem mit Klebefäden, hast du das verstanden?“
Bello lächelte treu. Thekla hatte keine Ahnung, wieviel Bello schon verstand. Mit Nachdruck sagte sie: „Keine Fäden mehr für heute, Bello! Der Popo bleibt zu!“
Dann wandte sie sich an alle anderen: „Niemand von euch entlässt noch einen einzigen Faden, verstanden? Die Namenszeremonie muss warten, bis ich all eure Geschwister aus dem Netz befreit habe.“

Die namenlosen Spinnen maulten. Doch es musste sein. Erst musste Thekla wieder für Ordnung sorgen. Sie sah sich um: Überall Spinnweben! Pfui Spinne, es konnte Stunden dauern, bis das Netz wieder sauber war! Sie arbeitete sich von außen spiralförmig vorwärts. Es dauerte Stunden. Und ständig kam ein Spinnchen und wollte etwas: Ich muss mal Pipi! Ich habe Hunger! Tine kitzelt mich! Ich will schlafen, nimm mich auf den Arm! Wann spielen wir?

Thekla sehnte sich zurück in ihr Leben vor dem Schlüpfen. Ihre Beine waren ebenso schwer wie ihre Augenlider. Sie hatte davon gelesen, aber nicht geglaubt, dass es so anstrengend würde. Endlich war sie in der Mitte angekommen. Es begann schon zu dämmern und sie hatte noch nichts gefressen. Mit all den herumwuselnden Spinnen, dachte Thekla, wird sich auch erstmal kein Insekt in unserem Netz verfangen. Ich muss ihnen beibringen, sich still und geduldig in eine Ecke zu setzen. Ihr Blick schweifte über die schwatzenden und zappelnden Spinnenkinder. Es würde lange nichts zu essen geben. Theklas Magen knurrte. Doch was machten Bello, Ben und Tim denn da? Theklas Erschöpfung verwandelte sich in Zorn. Die Jungs bewunderten einander für ihre glänzenden Klebefäden, die sie schon wieder über das ganze Netz spannten. Thekla zitterte vor Groll und weil sich erneut Spinnen in dem frischen Kleber verfangen hatten, bebte auch das Netz schon wieder und stachelte Theklas Mordinstinkt an.

„Jetzt reicht‘s!“, knurrte sie. Sie stampfte auf die drei Rabauken zu. Bello erschrak beim Anblick seiner Mutter.
„Der Faden ist ganz von selbst rausgekommen, einfach so. Ich habe nicht…“
Da war er mit einem Haps verschlugen. Er und Ben. Und Tim. Und Tine und Luise und alle Spinnen, die Thekla in die Quere kamen. Das Netz zitterte. Fressen, fressen, fressen!
Vor Aragog und Kankra machte sie Halt. Mit aufgerissenen Augen sahen sie ihre Mutter an. Theklas Wut verrauchte. Sie atmete tief durch, wie sie es beim Yoga gelernt hatte.
„Es waren auch einfach zu viele“, sagte Thekla mit einem Nicken, das sie selbst bestätigte.

Eines ihrer Nebenaugen nahm eine Bewegung unten rechts wahr. Ein Spinnchen kam aus einer Ecke gekrochen.
„Wer bist du denn?“, fragte Thekla den kleinen Wurm.
„Habe noch keinen Namen“, stotterte das Spinnenbaby. Thekla sah sich um. Bis auf Aragog und Kankra hatte sie alle Spinnen aufgefressen.
„Dann heißt du jetzt Bello. Aber keine Fäden spinnen, ok?“, sagte sie augenzwinkernd. Bello nickte. Versöhnlich ging Thekla auf Bello den Zweiten zu und schloss ihn in ihre Arme. Dann erklärte sie den dreien, wo sie sich am besten positionierten und wie man still und geduldig dasaß. Alle zogen sich auf ihre Posten zurück. Thekla verschränkte die beiden Vorderarme vor ihrem Bauch. Sie war satt und zufrieden. Die erste Schnake konnte kommen.

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