Pokalfinale

von Martin Trappen

F: „Guten Tag, liebe Zuschauer. Die Uhr hat soeben Punkt 12 geschlagen und das kann nur eins bedeuten, nicht wahr Gerhard?“

G: „Ganz recht, Franz, Mittagspause hier auf der Baustelle in Bottrop-Kirchhellen. Der Vorarbeiter hat soeben den Startpfiff gegeben und wir sind mitten drin im Pokalfinale.“

F: „Da schnappen sich beide ihre Lunchboxen und sprinten an die Tische. Man könnte meinen, dass der Schlankere in diesen frühen Momenten einen klaren Vorteil hat, doch das täuscht gewaltig.“

G: „Allerdings, wie die Erfahrenen unter Ihnen, liebe Zuschauer, sicherlich wissen, darf man sich in diesem Wettbewerb nicht von Äußerlichkeiten ablenken lassen.“

F: „Wie jeden Mittag geht es natürlich darum, wer die Pause möglichst schnell beendet, um als erster an den Betonmischer zu kommen. Denn wer zu spät kommt, muss schippen, während der andere hämisch grinsend zusieht.“

G: „Sehen wir uns die heutige Aufstellung kurz an: Da haben wir auf der rechten Seite Jürgen den Joker, in der blauen Hose und dem roten Hemd, ein Mann wie eine Vogelscheuche. Er ist der deutlich Ältere der beiden und wird von vielen als Favorit gehandelt.“

F: „Diesen Mann zu unterschätzen, haben schon viele bereut. Aber auch der junge, Boris der Bulldozer, rechts in grün, ist ein echter Macher. Der zwei-Meter-mal-zwei-Meter-Mann hat den Masse-Vorteil auf seiner Seite.“

G: „Wir sehen hier zwei wahre Meister ihres Fachs. Die Tagesform wird auf jeden Fall entscheidend sein.“

F: „Die beiden sind bisher gleich auf, die Dosen sind geöffnet, die Brote ausgepackt. Moment, da fehlt doch was!“

G: „Keine Flasche Bier weit und breit zu sehen! Das hab ich in 20 Jahren als Kommentator noch nicht miterlebt!“

F: „Peinlich ist das, denn es ist ja in den Bauarbeiter-Statuten festgeschrieben, das jede Mittagspause ohne Bier, egal wie schnell sie bewältigt wurde, für ungültig erklärt wird.“

G: „Und da laufen sie beide zu den Kühlboxen. Ich kann es mir nur damit erklären, dass die beiden heute besonders aufgeregt sind, so nahe wie der Titel nun für sie greifbar ist.“

F: „Eine Erklärung wäre das, Gerhard, aber keine Entschuldigung.“

G: „Immerhin bleiben sie beim Fair-Play und keiner nutzt die Gelegenheit, dem anderen ein Bein zu stellen.“

F: „Während die beiden zurück zum Esstisch laufen, lass uns kurz die Aufstellung besprechen, denn hier haben die Trainer gute Arbeit geleistet.“

G: „Da stimm‘ ich dir zu, Franz. Die Kühlboxen wurden strategisch klug platziert, nicht zu weit weg, aber auch nicht zu nah, damit der Gegner sich nicht an den eigenen Vorräten bedienen kann.“

F: „Ja und auch die Bänke und Tische stehen GE-NAU SO, dass sich die Kontrahenten schnell hinsetzen; und wieder aufstehen können.“

G: „Und natürlich sind es die BESONDERS HARTEN Holzbänke, damit es sich KEINER der beiden gemütlich macht.“

F: „Alles sehr gute, wenn auch KONSERVATIVE Taktiken.“

G: „Kein Wunder, bisher sind beide damit gut gefahren.“

F: „Klar: Never change a winning team.“

G: „Das kann man GAR NICHT OFT GENUG betonen. Apropos winning team: Auch bei der Auswahl der BIERSORTE haben die Trainer AL-LES RICHTIG gemacht.“

F: „Veltins. Das EINZIG WAHRE.

G: „Nur muss dieses WICHT-TIG-STE Spielelement; erst einmal; GE-ÖFFNET werden.“

F: „Schon an DIESER Stelle kann man VIELE Fehler machen. OH NEIN, was MACHT denn Boris da?“

G: „Er hält einen FLASCHENÖFFNER in der Hand!“

F: „Um GOTTES WILLEN, das kann doch nicht WAHR SEIN!“

G: „Ja und da PFEF-FERT ihm der dürre Jürgen auch direkt seine GE-FÜRCH-TE-TE LIN-KE ins Fressbrett.“

F: „FOUL! Da kommt der Vorarbeiter!“

G: „Aber was ist DAS? Er zieht die GELBE KARTE aber er zeigt sie JÜR-GEN!“

F: „NEEEEIIIIN! FA-TA-LE FEHL-ENT-SCHEI-DUNG des Unparteiischen.“

G: „Da sehen wir’s nochmal in der Zeitlupe: Boris hat EIN-DEU-TIG den ÖFF-NER in der Hand; und DA-NACH erst; folgt der SCHLAG von Jürgen.“

F: „UN-TER AL-LER SAU Sowas. Das Bier mit dem FLASCHENÖFFNER aufmachen, wo kommen wir denn DA HIN?“

G: „Ich hab schon gesehen, dass wegen SOWAS Matches vorzeitig BEENDET wurden.“

F: „Und das mit Recht, Gerhard. Und da sehen wir Jürgen in der Nahaufnahme. Der SCHMERZ steht ihm RE-GEL-RECHT ins GESICHT geschrieben.“

G: „Aber Boris scheint sich jetzt an die Regeln zu halten. Er macht die Flasche mit dem Feuerzeug auf, wie sich das gehört.“

F: „Das war zwar kein Auftakt nach Maß, aber JETZT scheinen Sie ihren Rhythmus gefunden zu haben.“

G: „Sie kauen regelmäßig, essen nicht zu hastig, spülen den Bissen genau im richtigen Moment mit einem Schluck kaltem Hellen runter. Das ist die GANZ HOHE KUNST, die wir da sehen.“

F: „Ja, ABER; für SCHÖNSPIELEN; gibt es KEINE Punkte.“

G: „Auch wieder wahr, Franz. Wir nähern uns der Halbzeit und bisher steht es unentschieden.

F: „Boris greift in seine Tasche und zieht ein SENFGLAS hervor. Wer den jungen Mann kennt, weiß, dass er sein Leberwurstbrot gerne PIKANT isst.“

G: „Laut Etikett der MITTELSCHARFE, aber das sieht Boris GAR NICHT ÄHNLICH.“

F: „Da steckt mehr dahinter. Ist Jürgen nicht besonders empfindlich was scharfes Essen angeht?“

G: „Das ist er in der Tat. Kann das denn MÖGLICH sein?“

F: „Jetzt schraubt Boris das Glas auf und sieht sich sein Brot GANZ GENAU an.“

G: „Seine Frau hat beim Schmieren nicht gespart, da ist ORDENTLICH Leberwurst drauf; SIEH nur wie das GLÄNZT!“

F: „SO GEHÖRT sich das. Weil das Brot halb aufgegessen ist, kann man im Durchschnitt BE-SONDERS GUT die Handwerkskunst von Daniela erkennen.“

G: „Da lässt sich eine hingebungslos dahingeschmierte Stolle; SO-FORT; erkennen.“

F: „Jawohl, hinter jedem gutem Mann auf dem Platz steht auch eine gute Frau.“

G: „BORIS NIMMT das Messer, eine AN-SEHN-LICHE Portion Senf…“

F: „Er sollte VOR-SICHTIG sein; Standardsituationen sind IMMER gefährlich.“

G: „…er visiert das Brot an und ER MACHT ES DRAAAAAAAUFFFFF!!!!“

F: „Hat er AST-REIN gemacht, der junge Bottroper.“

G: „Da hat er ein GUTES Händchen gehabt.“

F: „ABER: Wird er die Schwachstelle seines Gegners WIRK-LICH so GNA-DEN-LOS ausnutzen?“

G: „Damit kommen wir nochmal auf die Ausgangsfrage zurück: Gewinnt der Favorit oder hält am Ende doch der Underdog den Pokal in der Hand?“

F: „Genau wegen dieser Frage kleben die Zuschauer JETZT an ihren Bildschirmen und es sieht so aus, als würden sie nicht enttäuscht werden.“

G: „Was sie Zuhause nicht sehen: Innerhalb kürzester Zeit hat das Stadion hier zu BRODELN angefangen.“

F: „Unglaublich, überall hört man Fangesänge, die Menschen stehen auf den Stühlen. KEINER kann hier ruhig sitzen.“

G: „Kein Wunder: Boris fragt Jürgen, ob er auch etwas von dem Senf abhaben möchte.“

F: „Jürgen möchte natürlich sichergehen, dass es kein scharfer Senf ist.“

G: „Damit ist die Sache wohl vorbei.“

F: „NEIN! Boris LÜGT und behauptet, er wäre MITTELSCHARF.“

G: „GERADE als wir alle dachten, aus dem Spiel wäre die LUFT raus!“

F: „Die BUHRUFE von den Tribünen MÜSSTEN den älteren Bauarbeiter doch WARNEN!“

G: „Jürgen NICKT und nimmt das Glas nicht mal SELBST in die Hand!“

F: „Er lässt Boris den Senf draufschmieren. Wenn sich das mal nicht RÄCHT!“

G: „Da bin ich mir sicher, Franz, es war aber auch zu einem psychologisch UN-günstigen Zeitpunkt.“

F: „Aber da müsste ein Spieler von Jürgens Kaliber doch etwas dagegenhalten können! Stattdessen ist Boris – dieser GI-GANT DER WÜRZ-MITTEL – wieder am Ball, täuscht LINKS an und geht RECHTS vorbei!“

G: „Er behauptet, ihm käme der Senf ZIEMLICH LASCH vor und rät Jürgen, eine besonders GROßE Portion zu nehmen!“

F: „Jürgen lenkt ein! UNNNNN-GLAUBLICH dieser Boris! Man könnte glatt glauben, er wäre Brasilianer.“

G: „Er hat auf jeden Fall das TEMPERAMENT dazu und da NIMMT er das Messer….“

F: „Sieh‘ sich einer diese PORTION an!“

G: „…nimmt AN-LAUF UUUUUND EEEEERRRRR MACHT EEEEEESSSSSS!“

F: „Lange hab ich keinen so wunderschönen Freistoß mehr gesehen. Allmählich bin ich bereit, meine Wetten auf den Messias von Castrop-Rauxel zu setzen.“

G: „Vorsicht, NOCH hat er das LANGE nicht gewonnen.“

F: „Boris verteilt den Senf mit geübten Strichen und Jürgen bedankt sich.“

G: „Auf den Rängen wird es leise, alles hält den Atem an.“

F: „Jürgen nimmt KEINEN Schluck aus der Pulle!“

G: „Wie KANN das sein? Er hätte sich zumindest einen KLEINEN Vorsprung erarbeiten können.“

F: „Er rotzt noch einmal beiseite, wischt sich die Finger an der Hose ab und schlägt die Zähne zielgerichtet in das fettige Glück.“

G: „Wie aus dem Lehrbuch, aber das gibt gleich ein böses Erwachen.“

F: „Ja, wie ihm der KOPF rot wird und die NASENLÖCHER anfangen zu dampfen!“

G: „Mein Gott, der Senf ist nicht nur SCHARF, der ist EXTRASCHARF!“

F: „Das war‘s, er wird sein Essen niemals rechtzeitig beenden können!“

G: „So sieht’s aus und… AUGENBLICK! Diese Körperhaltung von Jürgen kenn ich. Die hat er immer kurz bevor er zum Konter ansetzt.“

F: „Du siehst Gespenster, Gerhard, das Ding ist gelaufen!“

G: „Nein: Jürgen SPUCKT Boris den Senf-Brei ins GE-SICHT und gibt einen linken Haken nach.“

F: „Da gibt’s nur eins: Mund abputzen, weitermachen.“

G: „Jürgen setzt noch einen nach, und noch einen, und noch einen.“

F: „Er wird regelrecht zum BERSERKER! Da kommt der Vorarbeiter gelaufen.“

G: „Der wird diesen TI-TA-NEN nicht stoppen. Und ZACK! Kriegt auch der UN-parteiische EINS IN DIE KAULEISTEEEEE!“

F: „JETZT; wird die BRECHSTANGE rausgeholt.“

G: „Das sieht SCHLECHT aus für Boris. MOMENT! Seh‘ ich das richtig, dass sich zwei von der Ersatzbank gelöst haben?“

F: „Kalle und Werner, und so wie ich DIE BEIDEN kenne; wird das hier gleich; erst SO RICH-TIG SPANNEND.“

G: „Kalle nimmt Boris in den SCHWITZKASTEN und Werner wirft sich auf Jürgen. Wo DER hintritt, wächst KEIN Gras mehr.“

F: „Die müssen sich wieder auf die Deutschen Tugenden besinnen.“

G: „Werners Stahlkappenschuh landet GE-NAU in Jürgens Magengrube, Kalle kriegt den Senf ins GE-SICHT und muss Boris LOS-LASSEN!“

F: „Da muss er die RÄUME ENGER machen.“

G: „Boris nutzt seine CHAAAAANCE, den Gegner zu BODEN zu bringen. Jürgen tritt zurück und es SIEHT SO AUS, als wäre es das; für Werners Knie gewesen.“

F: „Man kann ihm nicht vorwerfen, er würde seine Chancen nicht verwerten.“

G: „Einer WIN-DET sich schon am Boden, der Vorarbeiter RUTSCHT auf dem übrig gebliebenen Senf aus und SCHLÄGT mit dem Hinterkopf HART auf den BO-DEN AAAAAAUUUUF.“

F: „Jetzt rühren sie BETON an.“

G: „Boris versetzt Kalle den GNA-DEN-STOß, mit dem ELL-bogen AUF DIE NASE.“

F: „Da hätte er den Sack früher ZU-MACHEN müssen.“

G: „Die Nachzügler sind AUS DEM SPIEL, jetzt KOMMT ES DRAUF AN: Boris vs. Jürgen, DAS Duell, wegen dem die Leute gekommen sind.“

F: „Ich WUSSTE doch, dass uns die beiden NICHT enttäuschen würden!“

G: „Boris setzt zum KOPFSTOß an, Jürgen STOPLERT über den Vorarbeiter, er fliegt GE-NAU auf Boris zu und ZACK! Da HAUT‘s die beiden mit der STIRN VORAN ZU-SAMMEN!“

F: „Jetzt sind auch die FANS begeistert. Sie singen ‚Oh, wie bist du schön!‘“

G: „Und da kann man ihnen WIKRK-LICH nur zustimmen, oder wie siehst du das, Franz?“

F: „GENAU meine Rede, Gerhard.“

G: „Da liegen sie alle am Boden. NEIN, nicht alle: Ein spindeldürrer Titan hebt sich LANG-SAM aus dem Haufen MENSCH-LICH-ER Körperteile.“

F: „Er setzt sich TRI-UM-PHAL auf die geschlagenen Gegner!“

G: „Der Sieger ist also TA-SÄCH-LICH Jürgen. ERFAHRUNG hat über jugendhaften UNGESTÜM TRI-UM-PHIERT.“

F: „Einen Arm scheint sich unser Favorit aber gebrochen zu haben.“

G: „Ein DOP-PEL-TER SIIIIEEEEG: Der Vorarbeiter wird den automatischen Betonmischer; von der Nachbar-Baustelle besorgen müssen.“

F: „Sobald der wieder AUF-STEHEN kann, meinst du.“

G: „Jaha, natürlich, Franz. Dein Resümee?“

F: „Ein AB-SO-LU-TES HIGHLIGHT zum Schluss dieses Turniers. DAMIT; können wir alle beruhigt in die Sommerpause gehen.“

G: „Da haben Sieger wie Verlierer GENUG Zeit, um sich zu erholen. Aber Sie wissen ja, liebe Zuschauer: Das NÄCHSTE Spiel ist immer das SCHWERSTE.“

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