Schöne Bescherung

von Verena Ullmann

Lieber Herr Polizeihauptmeister Miesner,

ich schreibe Ihnen, um noch einmal zu erklären, wie es soweit kommen konnte. Vielleicht können Sie ja bei der Staatsanwaltschaft ein gutes Wort für mich einlegen.

Alles begann vor zehn Jahren, mit einem Zettel, den ich an einer Straßenlaterne flattern sah. „Franchisenehmer/in dringend gesucht!“ stand darauf. Und was darunter stand, klang eigentlich sehr verlockend: Saisonjob (Okt.-Jan.), mit Kindern (ich mag Kinder!), staatlich subventioniert, große Unabhängigkeit, die perfekte Mischung aus Homeoffice und Außendienst (dann kommt man auch  mal raus), Führungsverantwortung (Chefin-Sein liegt mir einfach), dazu quasi keine Konkurrenz in ganz Deutschland und super Wachstumschancen im deutschsprachigen Raum. Weil ich mich damals gerade von meinem langjährigen Freund Rudi getrennt hatte und eine neue berufliche Herausforderung suchte, um mich etwas abzulenken, griff ich gleich zu. Nun ja, ich hatte eine etwas naive Vorstellung davon selbstständig zu sein. Ich dachte, ich könnte es ja erst einmal langsam angehen lassen. Aber nur einen Monat später, im November, konnte ich mich – wie in der Anzeige versprochen – vor Aufträgen schon gar nicht mehr retten! Mein Briefkasten quoll über und auch meine neue Email-Adresse verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Ich stellte mir also ein Team aus qualifizierten Saisonkräften zusammen, die alle Jahre wieder beim Abarbeiten der Aufträge zur Stelle sind: Auswerten, einkaufen, abholen, verpacken, verteilen … das ganze Programm, Sie wissen schon. Ich selbst komme natürlich nur noch dazu, das alles irgendwie zu koordinieren. Von wegen arbeiten „mit Kindern“. Aber gut. Dafür lief das Geschäft von Anfang an prächtig! Meine Kunden sind immer sehr zufrieden und bleiben meinem Unternehmen in der Regel jahrelang treu. Nur selten kommt es zu Reklamationen, was wohl auch an meinem inzwischen sehr erfahrenen Team liegt, das unseren Stammkunden alle Wünsche von den Augen ablesen kann. Wahre Engel sind das! Und auch ich habe mir nie etwas zu Schulden kommen lassen, das können Sie mir glauben.

Aber dieses Jahr ist alles anders. Ich kann meinem Team noch nicht mal mehr Mindestlohn zahlen. Pünktlich zum ersten Oktober landete nämlich der erste Brief in meinem Briefkasten: Ein Schreiben vom Ministerium für feierliche Angelegenheiten. Das teilte mir mit, dass sämtliche Subventionen und Zuschüsse für dieses, und auch für die kommenden Jahre, gestrichen seien. Eine Katastrophe in unserer Branche! Ich lief gleich zur Bank, um einen Kredit aufzunehmen. Aber auch der wurde mir verweigert, weil der Bankangestellte – übrigens ein alter Freund von Rudi – mein Business als „finanziell höchst riskant, strategisch fragwürdig und nicht mehr zeitgemäß“ einstufte. „Das macht man doch heute alles online, da braucht man Sie doch nicht dafür“, sagte er bloß. Arschloch, dachte ich. Was soll man da auch noch sagen! An der Auftragslage hat sich schließlich nichts geändert. Allein in den letzten Wochen sind bereits Tausende von Anfragen reingekommen. Die kann ich doch nicht alle ablehnen! Und natürlich frage ich mich die ganze Zeit: Was ist mit meinem Team? Was sollen die Kunden von uns denken? Die verlassen sich doch auf uns – und das seit zehn Jahren! Aufgeben kam nicht in Frage.

Also fasste ich einen Plan. Einen sehr detaillierten Plan, in den ich den harten Kern meines Teams sofort einweihte. Es musste auch ohne Geld irgendwie klappen. Ich hatte es so gut durchdacht: Wir würden uns alle gut verstecken, kurz vor Ladenschluss. Zwei würden in der Tiefgarage vom Einkaufszentrum warten, um das Gitter zu blockieren und den Fluchtweg offen zu halten … aber was erzähl ich Ihnen, das wissen Sie ja alles schon. Leider. Fast hätte es geklappt. Wir hatten die Produkte schon in mehreren Autos verstaut, bis dann plötzlich der Alarm losging und Sie mit ihrem Kollegen vor uns standen. Wie Kriminelle haben Sie uns abgeführt! Ich weiß, Sie machen auch nur Ihren Job. Aber ich habe Ihnen doch sofort gesagt, wer ich bin und warum ich das mache. Da hätten Sie doch einmal ein Auge zudrücken können. Gerade jetzt, so kurz vor Weihnachten! Richtig getroffen hat mich aber vor allem die Reaktion Ihres Kollegen, der auf meine Entschuldigung nur sagte: „Ja, und ich bin der Weihnachtsmann, hohoho!“ Nun ja, wäre er der Weihnachtsmann – ich schätze meinen amerikanischen Kollegen übrigens sehr – wüsste er, in welch schrecklicher Lage ich mich befinde. Die alleinige Verantwortung für die weihnachtliche Bescherung 2016 lastet auf meinen Schultern – und jetzt sitze ich auch noch in Untersuchungshaft!

Freundliche Grüße und eine besinnliche Adventszeit

Das Christkind

PS.: Sind zumindest meine Engel wieder auf freiem Fuß?

PPS.: Der Wunschzettel Ihrer Kinder ist bereits bei uns eingetroffen. Die Bearbeitung verzögert sich aber leider bis auf weiteres.

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