Leer, Teil 5: Verstehe!

Teil 5: Verstehe!

von Martin Trappen

Für Tony verlangsamte sich die Zeit im Fall. Realität – Traum, Wahrheit – Lüge. All diese Konzepte spielten keine Rolle. Nur die Perspektive war entscheidend. Tony verstand nun. Er konnte nicht fallen. Weil er sich im Wasser befand. Sofort wurde er langsamer. Sein Herzschlag übersprang einen Schlag vor Freude; doch dann bekam er keine Luft mehr. Er machte das Wasser zu Luft und fiel erneut schneller. Tony stellte sich seine Arme als Flügel vor, doch er war zu schwer, um Auftrieb zu bekommen. Bevor seine Flügel rissen, verwandelte er sie wieder zurück. Der Boden war nun gefährlich nahe. Der Boden ist ein Luftkissen, dachte sich Tony und versank im Asphalt wie in einem Federbett. Er raffte sich auf. Mit quietschenden Reifen kam ein schwarzer Van neben ihm zum Stehen. Die Tür schwang auf und Tony sprang hinein.

Er wusste nicht, wie lange er im Finstern gesessen hatte. Als die Tür aufschwang, blendete ihn das Licht. Er befürchtete für einen Moment, wieder in den Fängen des Systems zu sein.

„Sehen wir uns endlich persönlich, Tony.“ Er erkannte die Stimme des Fremden sofort. Tony blinzelte angestrengt; eine Hand hielt ihn am Arm fest und zog ihn aus dem Wagen.
„Vielen dank ich …“ Tony zögerte. „…kenne Ihren Namen nicht.“

„Orpheus.“ Tonys Augen gewöhnten sich an die Helligkeit. Der Fremde trug einen Rollkragenpullover, Jeans und Sneaker. Seine Haare waren immer noch grau.

„Bitte, was?“, fragte Tony.

„Ich stieg hinab in die Unterwelt, befreite meine Geliebte und brachte Sie hinauf ins Tageslicht.“ Der Fremde sprach mit einer übertrieben theatralischen Stimme.

„Scheitert Orpheus nicht daran, dass er sich auf dem Weg aus der Unterwelt nicht umdrehen soll, es dann aber doch tut?“

„Sie haben mich erwischt. Nikolas. Nikolas Hartmann.“ Er reichte Tony erneut seine Hand, diesmal in einer Geste der Freundschaft. Tony ergriff sie herzlich. „Antonio Lombardo.“

„Es ist mir eine Freude, Tony.“ Der Fremde packte ihn bei den Schultern wie ein Vater den lange verlorenen Sohn. „Sie glauben nicht, wie froh ich bin, dass Sie es geschafft haben. Folgen Sie mir.“

Sie schlenderten durch eine alte Lagerhalle. Fenster entdeckte Tony keine. Sie kamen an mehreren Türen vorbei, die aus meterdickem Stahl zu bestehen schienen. Dahinter lugten neugierige Gesichter hervor. Neben Kindern sah Tony auch Erwachsene und Senioren, helle Hautfarben ebenso wie dunklere. Ein kleiner Junge lief ihnen nach, starrte Tony ungläubig an. Auf einmal ergriff der Kleine Tonys Hand, wedelte sie hin und her, hüpfte und lachte. Tony lachte mit. Eine Stimme rief den Jungen zu sich und der Kleine winkte Tony noch einmal freudig zu, bevor er zurücklief.

„Bedeute ich den Menschen hier etwas?“

„Hoffnung, Tony. Sie bedeuten Hoffnung.“

Sie betraten einen großen zentralen Saal, der ein Aufenthaltsraum für den gesamten Komplex zu sein schien. Er sah Leute beim Essen, manche spielten Karten, unterhielten sich, lasen in abgegriffenen Büchern, Kinder rauften sich, warfen sich eine Ball zu und in einer Ecke sah Tony ein Fußballfeld. Das rege Treiben verstummte augenblicklich, als die Menschen Tony und Nick erkannten. Sie machten den beiden Platz, als sie sich auf den Weg zur Spiraltreppe in der Mitte der Halle zugingen. Auf den ersten Stufen der Treppe hielt Nick an und wandte sich an die Menge, die sie sprachlos anstarrte:

„Wir haben es geschafft, Freunde. Die Hoffnung erblüht wieder, sie wandelt unter uns. Wir haben einen Neuen gefunden. Einen neuen Prometheus!“ Auf Nicks Ausruf folgte ein Ausbruch der Freude, der Ekstase, wie ihn Tony noch nie erlebt hatte. Klatschen, Rufen, Stampfen, Heulen. Tony sah sogar einige Tränen. Eine ältere Frau fiel vor Tony auf die Knie.

„Bitte, stehen Sie doch auf“, bat Tony und half der Frau auf die Beine.

„Gott segne dich, Kind“, flüsterte sie, „Gott segne auch Sie, Nikolas.“

„Sei unbesorgt, Annika“, versicherte Nick, „Ich hab ein gutes Gefühl bei dem hier.“ Nick sprach den letzten Satz für alle. „Er wird uns noch alle den Hintern retten!“ Der Jubel war ohrenbetäubend. Tony eilte hinter Nick her, der die Treppen nach oben stieg. Sie betraten einen Raum, der wie eine Kommandozentrale anmutete: Zahlreiche Monitore hingen an den Wänden, mehrere Menschen saßen an Computer-Bildschirmen und an einem runden Tisch in der Mitte standen vier sehr ernst wirkende Figuren; zwei Männer, eine Frau. Alle sahen von den Papieren und Karten, auf die sie konzentriert gestiert hatten, auf.

„Was zum…“, war alles, was ein älterer Mann mit langem Rauschebart herausbrachte.

„Verdammt, Nikolas, du hast es geschafft“, meinte der andere Mann, der deutlich jünger wirkte. Die Frau, die in etwa so alt zu sein schien wie Nick, sagte nichts.

„Was lange währt, meine lieben Freunde“, sagte Nick mit weit ausgebreiteten Armen. „Einfach war es nicht, aber das ist ein Ausbruch aus dem System nie. Und umso mehr bin ich von Tonys Potential überzeugt.“

„Du hast ihn doch nicht wirklich springen lassen?“, wollte der jüngere Mann wissen.

„Es ging nicht anders“, antwortete Nick, „nachdem das mit dem Waschsalon nicht funktioniert hatte.“

„Was hätte er dort überhaupt machen sollen?“, fragte der ältere Mann.

„Ich hab dort einen geheimen Tunnel installiert. Der führt direkt zu einer Garage, in der ich den Fluchtwagen vorbereitet hatte. Machen Sie sich übrigens keine Vorwürfe, Tony, ich selbst war von der Vehemenz überrascht, mit der sie Sie verfolgt haben.“

„Ich bin auch nicht in der besten Form“, gab Tony zu.

„Das werden wir ändern“, versicherte Nick. „Lasst mich euch bekanntmachen. Das ist Thaddäus. Nicht mehr der Jüngste, aber der Schlauste.“ Nick deutete auf den älteren Mann mit Bart. „Naja, der Vorausschauendste. Manches, womit wir nicht gerechnet hätten, hat Thaddäus hier rechtzeitig erkannt.“ Thaddäus kam auf Tony zu, um ihm die Hand zu reichen. Dabei bemerkte er, dass der alte Mann sich auf einen Stock stützte, ansonsten aber rüstig wirkte. „Schön, Sie kennenzulernen, Tony“, sagte Thaddeus.

„Das“, Nick zeigte auf den jüngeren Mann, „ist Stefan. Unser Technik-Ass. Solange Strom durchläuft, ist Stefan der Fachmann. Ein echter IT-Magier.“ Stefan ging ebenfalls um den Tisch herum und schüttelte Tony die Hand. „Ist mir eine Freude, Alter.“

„Und das“, sagte Nick, „ist Maja. Sie trainiert unsere Soldaten und führt sie ins Feld.“

„Soldaten“, spuckte Maja, „du hast mir noch keinen gebracht, der die Bezeichnung verdient, Nick.“

„Sie will sagen, Sie ist erfreut, deine Bekanntschaft zu machen“, warf Nick ein. „Du wirst noch oft mit ihr zu tun haben. Sie hat ähnliche Kräfte wie du, und Sie wird dir zeigen, wie du sie einsetzt.“

„Tu dein Bestes, nicht zu versagen. Für Versager habe ich keine Verwendung.“

„Dann ist da noch Greta, aber sie ist im Moment nicht da“, meinte Nick. „Bringen wir dich zuerst auf den neusten Stand.“ Alle wandten sich dem runden Tisch zu. Stefan griff nach etwas, das wie ein Tablet aussah, aber deutlich fortschrittlicher. Er wischte über das Display; auf dem Bildschirm in der Mitte des Tischs erschienen Bilder, Tabellen und Zahlen.

„Wie ihr seht, hat sich unsere Lage nicht verbessert. Die Menschen hängen nach wie vor an ihrer falschen Realität fest und täglich kommen neue Methoden hinzu, die unsere Arbeit erschweren“, erläuterte Stefan.

„Facebook, Twitter, Fake-News – alles arbeitet gegen uns“, ergänzte Nick.

„Die Menschen machen es sich immer bequemer, und tauschen Freiheiten gegen Sicherheit ein“, sagte Thaddäus. „Genauer gesagt, gegen die Illusion von Sicherheit. Kameras sind mittlerweile überall aufgestellt und überwachen die Menschen flächendeckend. Doch sicherer ist die Welt dadurch nicht geworden.“

„Technik lässt sich leicht umgehen oder für die eigenen Zwecke missbrauchen“, warf Stefan ein, „je mehr sich die Leute darauf verlassen, desto weniger verlassen sie sich auf sich selbst.“

„Die Menschheit geht längst am Stock“, sagte Thaddäus, „ein wenig so wie ich“, fügte er mit einem wehmütigen Lächeln hinzu.

„Und da kommst du ins Spiel“, sagte Nick. „Du kannst dich frei bewegen, ohne dich zu verstecken. Du musst den Menschen die Augen öffnen.“

„Aber wie genau soll ich das anstellen?“, fragte Tony.

„Indem du ihnen die Wahrheit vor Augen führst. Behutsam, Stück für Stück. Wenn du ihnen alles auf einmal zeigst, bricht zwar das System zusammen, aber die menschliche Zivilisation gleich mit.“

„Du siehst also“, sagte Thaddäus, „uns steht eine Menge Arbeit bevor.“

„Wann fangen wir an?“, fragte Tony.

„Sofort“, sagte Maja kurzangebunden und deutete Tony, ihr zu folgen.

„Ich an Ihrer Stelle würde tun, was sie sagt, Tony.“ Er wandte sich zum Gehen, dreht sich aber noch einmal um. „Eine Sache noch, Nick. Können wir uns untereinander nicht duzen?“

„Gerne. Aber nenne mich nicht Nick.“

Ein Lächeln schlich sich auf Tonys Lippen. Er folgte Maja in eine Art Trainingsraum. Sofort verstand er, dass diese Frau keine Zeit verschwendete.

„Du hast deine Fähigkeit, den Schleier, bereits kennengelernt. Er kann viele Formen annehmen. Im Idealfall ist er genau das, was du in der jeweiligen Situation dringend brauchst. Wie du diese Fähigkeit kontrollieren und entwickeln kannst, wirst du nun lernen.“

„Aber, ich habe den Schleier doch schon eingesetzt. Sonst würde ich jetzt nicht mehr leben.“

„Anfängerglück“, meinte Maja, „verlass dich nicht drauf. Ich werde dir zeigen, wie du ihn zu einer Allzweckwaffe machst, der niemand etwas entgegenzusetzen hat.“

Tony grinste immer noch. Er war so glücklich wie nie zuvor. Er war zu Unglaublichem fähig, daran hatte er keinen Zweifel. Noch nie war sein Verstand so klar, sah sein Ziel so deutlich vor sich. Er war bereit.

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