Leer, Teil 4: Wisse!

Teil 4: Wisse!

von Martin Trappen

Tony schlug hart auf dem Boden auf. Die Pfleger hatten ihn von Andersens Büro zurück in seine Zelle geschleppt. Sein Kopf begann zu pochen, und er tastete nach einer Beule auf seiner Stirn. Die Gesichtslosen bereiteten seine Totenbahre vor – eine Injektion sollte sein Schicksal besiegeln. Ihm wurde schlagartig bewusst, dass dieser Gedanke mit dem Wissen, dass er nicht den Verstand verloren hatte, deutlich schwerer zu ertragen war. Er war so in Gedanken vertieft, dass er Andersen erst nicht bemerkte. Der Doktor schien schlechter Laune zu sein.

„Herr Lombardo, ich bitte Sie noch ein letztes Mal, kooperieren Sie mit uns. Glauben Sie mir, Ihr Tod hilft der Menschheit auf Dauer nicht im Geringsten.“

Tony war erstaunt, dass dieser hochrangige System-Mensch auf Knien zu ihm gekrochen kam. Was gewann er aus seiner Zusammenarbeit? Tony schwieg.

„Sie sind ja ein echter Teufelskerl, Tony“, sagte Andersen. Tony brauchte einen Moment, bevor ihm klar wurde, dass der Doktor ihn mit Vornamen angeredet hatte. „Oh, seien Sie nicht so schockiert.“ Die Stimme klang deutlich tiefer. Tony sah, dass sich alle anderen Personen im Raum nicht bewegten – als wären sie in Raum und Zeit eingefroren. Vor seinen Augen waberte das Antlitz des Doktors, bis darunter das breit lächelnde Gesicht des Fremden zum Vorschein kam.

„Was zum…?“

„Fluchen Sie nicht, Tony. Es steht Ihnen nicht.“

„Was machen Sie hier?“

„Wäre die bessere Frage nicht, wie Sie hier lebend herauskommen?“

„Die Antwort kenne ich: gar nicht.“

„Nicht so voreilig. Es gibt immer einen Ausweg, auch wenn es zunächst nicht danach aussieht.“ Tony sah den Fremden nur wütend an. Er war ebenso verwirrt wie verängstigt; er hatte keine Lust auf Ratespielchen.

„Dann holen Sie mich hier raus!“, bat Tony.

„Ich kann Sie nicht befreien“, sagte der Fremde.. Das können nur Sie selbst.“ Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht. Ihm schien plötzlich etwas klar zu werden. „Sie haben immer noch nicht verstanden, warum Sie so wichtig sind.“ Er nahm kurz Luft. „Haben Sie sich denn nicht gefragt, warum ich Sie kontaktiert habe?“ Eine Pause. „Das liegt daran, dass Sie eine Ausnahme sind. Sie standen einst unter ihrer Kontrolle, doch Sie haben sich befreit. Nun kann Sie niemand mehr kontrollieren. Das macht Sie zu einem der gefährlichsten Menschen auf diesem Planeten.“

„Ich?“, Tony prustete, „Ich und gefährlich?“

„Was glauben Sie, warum der Doktor versucht hat, Sie auf seine Seite zu ziehen? Und sobald Sie nein gesagt haben, Ihre Hinrichtung angeordnet hat?“

„Was wäre passiert, wenn ich zugestimmt hätte, ihm zu helfen?“, wollte Tony wissen.

„Dann“, antwortete der Fremde, „wäre von Ihnen nur noch eine leere Hülle übrig. Sie hätten Ihr ganzes Leben, Ihre ganze Vergangenheit, Ihren ganzen Erfahrungsschatz seziert, bis nichts mehr davon übrig gewesen wäre. Sie hätten Sie, im wahrsten Sinne des Wortes, ausgeschlachtet“, erklärte der Fremde.

„Können die mich wirklich so einfach umbringen?“

„Das System kann Fakten zu seinem Vorteil ändern, und das Gutachten eines Arztes von Andersens Kaliber hat enormes Gewicht. Es ist für ihn ein leichtes Ihren Tod zu vertuschen. Sie wissen nun zu viel.“

„Aber was liegt Ihnen an mir? Warum machen Sie sich diese Mühe? Gehen solche Risiken ein?“, fragte Tony.

„Nach Ihnen, Tony, haben wir monate-, jahre-, jahrzehntelang gesucht“, sagte der Fremde, „aber fürs Erste müssen Sie nur wissen, dass wir der Menschheit ihre Zukunft und ihren freien Willen wiedergeben wollen. Wir sind die Söhne des Prometheus, Tony. Und wir bringen den Menschen das Feuer zurück.“ Tony starrte den Fremden an. Der sprach weiter: „Sie begeben sich auf einen finsteren Pfad, Tony. Aber wenn Sie es genau betrachten, dann beschreiten Sie diesen Weg bereits seit langem.“

Tony wusste nicht, wie der Fremde das meinte, und er wusste auch nicht, was er von all dem Gerede halten sollte. Doch er wusste, dass er sich dem Fremden anschließen wollte. Auch wenn er noch nicht einmal dessen Namen kannte.

„Wie komme ich hier raus?“, fragte Tony.

„Ganz einfach“, der Fremde lächelte wieder, „Sie spielen bei meiner Theateraufführung mit.“ Tony stockte der Atem. Der Fremde sprach weiter: „In meiner Verkleidung kann ich Ihnen eine Möglichkeit zur Flucht verschaffen. Ich werde die Tür offenstehen lassen und die Pfleger ablenken. Wenn ich die Spritze fallenlasse, ist das Ihr Signal, loszulaufen. Rennen nach links, dann wieder nach links und verlassen Sie das Gebäude über die Treppe nach unten. Draußen wartet ein schwarzer Wagen auf Sie.“

Der Fremde stand auf und zog seine Maske wieder auf. Mit Gesicht und Stimme Andersens sagte er: „Tun Sie mir einen Gefallen und gehen Sie mir nicht drauf. Das würde Jahre meiner harten Arbeit kapputtmachen.“ Damit löste sich die Starre der Menschen im Raum auf und alle bewegten sich normal. Einer der Pfleger stand an der offenen Tür Wache.

Der falsche Andersen – zog eine klare Flüssigkeit mit einer Spritze aus einem Fläschen. Er sah Tony in die Augen. Er hörte die Timbre-Stimme des Fremden direkt in seinem Kopf. „Ich sehe, Sie zweifeln immer noch. Aber Sie müssen sich vor dem System nicht verstecken. Sie können sich ihm frontal entgegenstellen.“

Der Doktor kam mit der Spritze näher und vier Pfleger hielten je eine von Tonys Gliedmaßen fest. Die triefende Spitze glitzerte im Licht der Lampen. „Schließen Sie die Augen! Jetzt!“, hörte er in seinen Gedanken. Tony gehorchte. Ein gleißender Blitz schoss durch den Raum und brannte Tony sogar durch die Augenlider auf der Netzhaut. Tony öffnete die Augen und sah alle Pfleger betäubt. Der Fremde zog ihn auf die Füße und gab ihm einen Schubs nach vorne. „Laufen Sie“, rief er, diesmal laut. Tony rannte los. Er bog nach links ab und lief Richtung Treppenhaus. Dort angekommen, lehnte er sich ans Geländer, um kurz Luft zu holen; er sah, wie von unten Wachmänner heraufgestürmt kamen. Er atmete tief durch und nahm die Treppe nach oben. Stufe um Stufe nahm er auf seinem Weg und spürte, wie seine Verzweiflung ihm Kraft und Ausdauer gab, die er sich nie zugetraut hätte. Er hörte ständig die Schritte und Stimmen seiner Verfolger weiter unten, die jedoch nicht näher zu kommen schienen.

Mit starkem Seitenstechen drückte er die Tür zum Dach auf und merkte, dass er sich auf einem der höheren Gebäude der Stadt befand. Er hatte kaum Zeit, durchzuatmen, bevor die Schritte der Verfolger ihn einholten. Er lief zur Dachkante, suchte eine Feuerwehrleiter, eine Treppe, ein Gerüst, irgendetwas – vergeblich. Der Trupp Wachmänner holte ihn ein; sie richteten die Pistolen auf Tony. Instinktiv hielt er seine Hände nach oben. Kaum, dass die Wachmänner Stellung bezogen hatten, betrat Andersen ebenfalls das Dach.

„Was machen Sie denn, Herr Lombardo?“, fragte der Chefarzt.

„Ihnen einen Strich durch die Rechnung, Herr Doktor“, gab Tony zurück.

„Vielleicht haben Sie doch Wahnvorstellungen, Herr Lombardo. Was glauben Sie denn, hier auszurichten?“ Darauf konnte Tony nichts erwidern. Die Stimme des Fremden erklang wieder in seinem Kopf: „Lassen Sie sich nicht ins Bockshorn jagen, Tony. Die Macht des Systems ist begrenzt. Ihre nicht.“

„Was meinen Sie?“, Tony stellte die Frage ebenfalls in seinem Kopf.

„Sie können weit mehr als nur der Kontrolle des Systems widerstehen. Das System zieht den Menschen einen Schleier über die Augen, um Sie blind vor der Wahrheit zu machen. Wer lange genug unter diesem Schleier lebt, für den wird er Realität. Dann beginnt der Schleier sogar die Wirklichkeit zu verändern. Auf Sie übt dieser Schleier keine Macht aus.“

„Und was nützt mir das?“

„Sie sind auf einem Dach, umzingelt. Es gibt nur einen Ausweg: nach unten.“

„Sind Sie wahnsinnig?“

„Sie können den Schleier zu Ihrem Vorteil verwenden. Erhöhen Sie den Luftwiderstand und Sie fallen langsamer. Machen Sie den Boden zum Trampolin und Sie landen sicher. Ihren Möglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt.“ Der Fremde pausierte. „Außer den Grenzen Ihrer Fantasie.“

„Kommen Sie da runter. Es nützt Ihnen ja doch nichts“, rief Andersen. Er kam Tony immer näher. Ein letztes Mal sprach der Fremde in seinem Kopf: „Glauben Sie nicht, dass Sie es schaffen, wissen Sie es. Und springen Sie. Es beginnt immer mit einem Sprung.“ Tony sah hinter sich. Er war schwindelfrei, aber bei dem Gedanken, tatsächlich zu fallen, wurde ihm mulmig. Tony machte einige Schritte nach hinten und spürte, wie seine Ferse an den Rand der Mauer stieß. Unter die Angst in seiner Magengrube mischte sich ein Widerstand gegen diese Versuche, sein Leben, sein Schicksal zu kontrollieren.

„Kommen Sie, Lombardo. Sie machen sich nur lächerlich.

Er warf dem Doktor einen giftigen Blick zu, bevor er sich umdrehte und sprang.

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