Tier

von Martin Trappen

In einer dunklen Ecke der Stadt krümmte sich ein haariges Wesen unter Schmerzen. Es winselte und jaulte leise vor sich hin, während ihm ein Rinnsal aus Regenwasser auf den Kopf tropfte und sich eine rote Lache unter ihm bildete. Es sah wie ein Hund aus, den sein Herr aus dem Haus geworfen hatte. Ein kleines Mädchen lief durch die Gasse, in der das verwundete Tier sich wand. Die Kleidung des Kindes war zerrissen, seine Schuhe löchrig. Es schaute das Tier neugierig an. Was sollte es nur tun? Es konnte ihm kein Essen anbieten, sein eigener Magen grummelte schon seit Tagen. Doch es konnte ein Lebewesen, dem es noch schlechter ging als ihm selbst, nicht seinem Schicksal überlassen.

[…]

Schmerzensschreie rissen Anselm aus dem Schlaf. Er richtete sich auf, tastete nach seiner Brille und setze sie sich auf die Nase. Einen Moment später entzündete Wolfram die Öllampen. Die beiden Ärzte gingen hinüber zu Sigmunds Bett. Der alte Soldat wand sich vor Schmerzen und schrie laut genug, um die halbe Stadt aufzuwecken. Sein Hemd klebte ihm vor Schweiß am Leib und unter seiner Haut traten die Venen deutlich hervor. Jede Faser seines Körpers versuchte, sich einer Verwandlung zu widersetzen, die nicht mehr aufzuhalten war.

„Da haben Sie‘s“, sagte Wolfram. „Sie haben zu lange gewartet.“

„Sie wissen, wie riskant der Eingriff ist.“

„Jetzt ist es zu spät.“ Wolfram drehte sich um und ging hinüber zum Tisch mit dem Operationsbesteck.

„Was haben Sie vor?“, fragte Anselm.

„Wenn wir jetzt operieren, haben wir noch eine Chance“, sagte Wolfram, während er sich Handschuhe anzog und ein Skalpell vom Bestecktisch nahm.

„Sie werden ihn umbringen!“, sagte Anselm.

„Was, wenn Sie an seiner Stelle wären? Würden Sie nicht den Tod über den Wahnsinn wählen?“ Anselm nickte. Zusammen hievten die beiden Ärzte den im Fieberwahn stöhnenden Sigmund auf den Operationstisch. Sie banden den Patienten mit den mit Silber beschlagenen Lederriemen fest. Wolfram machte den ersten Einschnitt: Er setzte das Skalpell am rechten Bein an und schnitt die Venen längs ein. Er heulte vor Schmerz, klang dabei mehr tierisch als menschlich. Anselm wiederholte den gleichen Vorgang am linken Bein. Wolfram und Anselm schnitten die Venen genauso auf wie beim letzten Aderlass. Schnell merkten sie, dass dies nicht mehr ausreichte: Die Wunden verschlossen sich mit alarmierender Geschwindigkeit. Die beiden Ärzte vergrößerten die Einschnitte und Sigmunds Heulen wurde lauter. Sie mussten beinahe die gesamte Hauptschlagader an beiden Beinen öffnen, um sich genug Zeit zu verschaffen, die Prozedur an den Armen fortzusetzen. Schließlich arbeiteten sie sich zum Oberkörper vor.

Wolfram und Anselm setzten die Skalpelle an der Brust des Patienten an und schnitten auf die Mitte zu. Sigmund schrie und wand sich, doch die Riemen hielten ihn vorerst im Zaum. Minütlich wurden seine Bewegungen wilder, unbändiger. Als der Einschnitt groß genug war, zogen sie das Fleisch an der Brust auseinander. Anselm sah in Wolframs Gesicht, dass er dies ebenfalls befürchtet hatte: Der schwere Brustkorb des Tiers war bereits gewachsen. Anselm griff nach einer Spritze mit verstärkter Nadel, um das Blut aus der Herzkammer zu entfernen.

Anselm setzte die Spritze an, als sich der Patient erneut aufbäumte. Er riss an den Riemen und warf sich nach oben, sodass Anselm die Nadel aus der Hand geschlagen wurde. Wolfram versuchte, Sigmund festzuhalten, doch in diesem Moment befreite der sich Verwandelnde seine rechte Hand – nein, seine rechte Pranke. Eine krallenbewehrte Tatze traf Wolfram im Gesicht und schleuderte ihn durch den Raum. Auch die restlichen Riemen gaben unter Sigmunds Gewalt nach. Anselm erstarrte, als er mit ansah, wie sich menschliche Gliedmaßen dehnten, Hände zu Pfoten und Finger zu Krallen wurden. Sigmunds Nase zog sich in die Länge, bis sein Gesicht zu einer Schnauze wurde. Sein Rücken krümmte sich und Fell spross aus allen Poren. Aus einst menschlichen Augen stierte ein Raubtier – bereit zur Jagd.

Es drehte sich zu Anselm und kroch auf allen vieren auf ihn zu. Er lief panisch zu dem Tisch, unter dem er die Pistole versteckt hatte. Er hielt sie mit zitternden Händen vor sich, während er langsam nach hinten wich. Als er gegen eine Wand stieß, blieb er wie paralysiert stehen, während das Tier mit blutverschmierten Reißzähnen und Klauen auf ihn zustapfte.

„Sigmund“, wimmerte er verzweifelt, „Sigmund, ich bin es. Anselm.“

„Anselm…?“, kam eine kehlige Stimme aus dem Rachen des Tieres.

„Ja“, sagte Anselm, „ich bin es, Sigmund, alter Haudegen.“

„Blut“, ächzte die Bestie, „Blut…“

Das Tier, das einst Sigmund war, setzte sein Klauen an die eigene Brust und zog das Fleisch auseinander. Die Krallen stießen tiefer und öffneten sogar den verstärkten Brustkorb. Anselm sah das pulsierende Herz – nein, die beiden Herzen – klar vor sich. Das Tier heulte vor Schmerzen. Anselm wusste, was er zu tun hatte. Er hob die Spritze auf, die er fallengelassen hatte, und setzte sie an das pulsierende Organ an. Trotz seiner zitternden Hände schaffte Anselm es, der Bestie, in deren Inneren sich das Tier und der alte Soldat einen erbitterten Kampf lieferten, eine Probe reinen Bluts zu entnehmen.

Kaum hatte er die Nadel aus dem Herz gezogen, riss sich das Tier die Klauen wieder aus der Brust und fiel auf die Seite; schwer atmend blieb es liegen. Anselm lief zurück zum Labortisch, wo er das Wolfsblut in fünf Phiolen abfüllte. Als er seine Arbeit verrichtet hatte, hatte sich das Tier hatte bereits erholt. Es richtete sich auf die Hinterläufe und Mit gebleckten Zähnen kam es auf Anselm zu. Dieser klammerte sich an seine Pistole, die er mit zitternden Händen auf das Tier richtete.

„Sigmund, alter Freund, tu es nicht!“ Die Bestie hörte ihn nicht. Speichel tropfte aus ihrem offenen Maul, als sie mit ihren Pranken zum Angriff ausholte. Im letzten Moment zog Anselm den Abzug durch und traf die Bestie in die Brust. Das Tier taumelte und stürzte durch das Fenster, vor dem Anselm gestanden hatte; es hinterließ nichts als blutverschmierte Glas- und Holzsplitter. Mit seinem letzten Willen hatte Sigmund ihnen ein Heilmittel gegeben.

[…]

Das Mädchen näherte sich dem haarigen Wesen, dessen Schmerzen nur unerträglicher zu werden schienen. Als es näherkam, sah das Kind, dass das Tier viel größer war als ein Hund. Es legte eine Hand auf den Bauch des Wesens und fühlte das raue, borstige Fell. Das Mädchen tapste näher zu dem Kopf des Tiers, kniete sich neben dessen Maul, in dem es große, scharfe Zähne sah. Es wollte den Verwundeten beruhigen, ihm den Kopf tätscheln, als das Tier zuschlug. Rasiermesserscharfe Reißzähne schlossen sich blitzschnell um den Hals; das Mädchen schrie nicht einmal. Blut quoll in Strömen hervor. Hungrig verschlang die Bestie ihre Beute. Als er sein Mahl beendet hatte, legte sich der Wolf auf die Seite. Er atmete schwer, aber regelmäßig. Ein Beobachter hätte sehen können, wie schnell sich die Wunde schloss und das verlorene Fell nachwuchs. Als die Sonne unterging, war das Tier wieder auf den Beinen. Und bereit, sich dem Rudel anzuschließen.

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