Vaterseelenallein

von Alexander Wachter

„Papa, jetzt bitte wart‘ doch auf mich!“ Er war so weit entfernt, ich sah ihn beinahe nicht mehr. Mein Rücken schmerzte, genauso wie meine Arme. Meine Hände verkrampften sich und meine Beine wurden immer schwerer. Mit jedem zurückgelegten Meter verstärkte sich das Zittern in meinen Muskeln. Ich versuchte mir klar zu machen, dass das alles nicht so schlimm war. Er würde bestimmt bei der nächsten Gabelung auf mich warten. Er wusste, dass ich mich in diesem Tal nicht auskannte. Aber was wäre, wenn nicht?

Seine Silhouette verschwand in der flirrenden Mittagssonne. Ich stieg erneut in die Pedale, spürte wie sich das geriffelte Metall in meine Gummisohlen drückte. Ich bildete mir ein, seinen Schatten zu erkennen. „Papa!“, schrie ich. „Paapa!“ Immer und immer wieder rief ich, bis ich sah, dass der Schatten größer wurde. Mein Vater drehte sich zu mir um und schüttelte den Kopf. Sein Tritt blieb konstant, er änderte allerdings die Richtung. Ich schloss schnell zu ihm auf.

„Was ist denn, Ben?“ Er nahm einen Schluck aus seiner Wasserflasche. „Schau, wie schön die Natur hier ist!“ Er deutete auf die Blumenwiese neben uns und auch auf den dichten Tannenwald, der bereits hinter uns lag. „Genieße das doch einfach mal! Diese frische Luft und das herrliche Wetter.“ Er begann wieder vorwärts zu treten.

„Ich hab‘ keinen Bock mehr. Wann sind wir da?“ Selbst jetzt legte mein Vater ein Tempo an den Tag, bei dem ich Schwierigkeiten hatte, mitzuhalten. „Und fahr‘ nicht immer so schnell!“

Er lehnte sich in seinen Sattel zurück und verlangsamte tatsächlich für einige Momente seinen Tretrhytmus. „Besser so?“, fragte er, als er mich überholen ließ. Ich nickte und nahm einen Schluck aus meiner Iso-Trinkflasche. Doch noch bevor ich sie wieder in die Halterung zurück gesteckt hatte, war mein Vater schon an mir vorbei gerauscht. Der Weg führte nun einen steilen Hang hinunter. Grober Kies klapperte in meinen Speichen und schlug mir an die Schuhe „Es ist nicht mehr weit, Spatz. In zehn Minuten sollten wir da sein“, rief er mir über seine Schulter zu. Ich sah nur stur auf den Weg vor mir. Meinem Vater konnte man nie wirklich trauen.

Dieses Mal stimmte es. Wir hielten vor einem Gasthaus, dessen Schindeln nur noch von Efeu zusammengehalten wurden. Der Gastgarten war gut gefüllt mit weiteren Radfahrern und Wanderern. Wir setzen uns an einen der freien Tische und bestellten ein Bier für meinen Vater und ein Mineralwasser für mich. Unser Tisch wackelte. „So ein Scheiß. Wenn ich mich wegen dem Teil anschütte ey.“ Mein Vater griff die Ränder des Tisches und drehte ihn hin und her. Die Tischbeine versanken ein wenig in dem Kiesboden. „So sollte es besser sein.“ In der Tat wackelte der Tisch etwas weniger.

Da fiel mir auf, dass der Kiesstaub meine Adidas-Sneaker bereits grau gefärbt hatte. Ich hatte mir dieses Paar gerade erst gekauft. „Mist!“ Ich versuchte, den Staub mit etwas Spucke abzuwischen. Mein Vater bot mir seine Wasserflasche an – doch die konnte er behalten. Es war sowieso seine Schuld. Wieso mussten wir auch so einen beschissenen Fahrradausflug machen? „Dann zieh sie am besten aus, solange wir hier im Gastgarten sitzen“, meinte mein Vater. „Damit ich barfuß rumlaufen kann?“ Ich lachte. „Nein, danke, ich verzichte. Jetzt sind sie sowieso schon dreckig.“ Ich hasste diesen Tag. Wie konnte man nur auf die Idee kommen, eine Radrundfahrt zu machen? Unter Spaß verstand ich etwas anderes.

Die Getränke wurden von der Kellnerin an den Tisch getragen. Meines war zu warm. Da erhoffte man sich eine Abkühlung und dann sowas. „Unser Getränkekühlschrank ist leider ausgefallen. Es tut uns wirklich leid“, entschuldigte sich die Bedienung, als ich mich beschwerte. „Unser Getränkekühlschrank ist leider ausgefallen!“, äffte ich sie nach, nachdem sie gegangen war. Mein Vater bot mir sein Bier an. Ich reagierte nicht, sondern blickte nur auf meine Schuhe.

Als mein Vater endlich ausgetrunken hatte, war mein Nacken bereits steif vom ständigen Nach-Unten-Blicken. „Gehen wir endlich?“, fragte ich. Er nickte, hielt mich jedoch kurz zurück, als ich aufspringen wollte. „Einen Moment noch.“ Ich verdrehte die Augen und wartete. Ich freute mich nicht darauf, wie ein Idiot hinter meinem Vater herzuradeln – aber sich schweigend gegenüber zu sitzen, interessierte mich noch weniger. „Warum?“

 „Ben.“ Er griff nach meiner Hand. Seine Finger klebten. „Ich weiß, es ist zurzeit nicht einfach für dich. Aber glaub mir bitte: Deine Mutter und ich haben dich sehr lieb.“ „Ach ja?“, fuhr ich ihn an.

„Ja, natürlich!“ Mein Vater drückte meine Hand, ich zog sie weg. „Von dem merk‘ ich viel.“ Der Stahl der Stuhlbeine kratzte über den Kies, als ich aufstand. „Bleib doch …“. „Nein!“, unterbrach ich ihn. Ich stieß beinahe gegen die Bedienung, die plötzlich vor mir stand. „Zahlen?“, fragte sie. Ihrem aufgesetzten Lächeln nach hatte sie jedes Wort mitbekommen.

Ich antwortete gespielt freundlich: „Herbert hier würde gerne zahlen. Aber passen Sie auf! Er ist verheiratet, kann seine Finger aber schwer von anderen Frauen lassen, der Arme.“  „Ben!“ „Ich fahr‘ heim und du kannst von mir aus bleiben, wo du willst. Mir scheißegal.“ Die beiden sahen mir nach, als ich wegging. Ich spürte den Blick meines Vaters. Ich wusste, meine Worte waren unfair. Dann hatte die Beziehung zwischen meinen Eltern eben nicht funktioniert. Sollte ich wütend auf ihn sein, weil er bereits eine andere Frau hatte? Nicht wirklich – aber ich konnte einfach nicht aus meiner Haut.

Bei den Rädern wartete ich auf ihn. Ich sah ihn nicht an, als er neben mir losfuhr. Schweigend folgte ich ihm.

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