Oktavarium

Von Martin Trappen

Als ich die Augen öffne, sehe ich nichts. Ich wische mit meinen Händen vor meinen Augen, spüre den Luftzug, doch ich kann nichts erkennen. Mein Kopf brummt und meine Gedanken überschlagen sich. Wo bin ich? Ich strecke eine Hand aus und fühle eine Wand. Ich versuche aufzustehen, doch meine Beine geben unter mir nach. Ich falle, alle Gliedmaßen schmerzen. Ich versuche mich zu erinnern, doch mein Verstand ist leer. Ich lehne mich gegen die Wand und schließe die Augen, die mittlerweile brennen und tränen. Wie lange habe ich hier gelegen? Ich versuche, meine Gedanken zu beruhigen und zähle. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig, …

Eine Minute. Fünf. Zehn. Ich höre auf, zu zählen. Ich sehe nach wie vor nichts, auch wenn mein Kopf nicht mehr so furchtbar pocht. Hier zu sitzen, bringt nichts. Ich muss versuchen, aufzustehen. Ich drehe mich um, stütze mich gegen die Wand und stemme mich nach oben. Ich falle. Versuche es wieder. Falle erneut. Versuche es wieder und wieder bis ich endlich stehe. Meine Beine zittern wie die eines Rehkitzes, das sich zum ersten Mal auf seine dünnen Beinchen stellt. Ich spüre deutlich, wie kraftlos mein Körper ist. Mit meiner rechten Hand taste ich meinen Bauch ab und fühle, dass dieser in sich zusammengefallen ist. Ich muss wochenlang ohne Nahrung hier gelegen haben. Wer tut mir so etwas an? Warum? Ich fühle mit zitternden Händen um mich, spüre aber nur die eine Wand.

Das Wackeln und Zittern wird allmählich erträglich, ich stütze mich mit der rechten Hand an der Wand ab, meine linke Hand strecke ich vor mich, damit ich nicht gegen ein Hindernis laufe. Ich setze einen Fuß vor den anderen, langsam, erinnere ich mich. Du hast Zeit und keine Ahnung, ob du nicht nach dem nächsten Schritt in einen bodenlosen Abgrund stürzt. Als meine Finger die Wand entlanggleiten, bemerke ich, dass ich mich an ein Regal anlehne. Ich bleibe stehen und fühle. Tatsächlich spüre ich einen Buchrücken unter meinen Fingerkuppen. Und noch einen. Und noch einen. Soweit ich fühlen kann, stehe ich vor einem massiven Bücherregal. Ich gehe weiter und erspüre, dass die gesamte Wand aus Reihen von Bücherregalen besteht. Mehrmals knickt die Wand in einem merkwürdigen Winkel ab. Wie lange geht das so weiter?

Als meine Beine wieder zu zittern beginnen, bin ich immer noch nirgendwo angekommen. Ich knicke ein und rutsche langsam auf den Boden. Meine Beine schmerzen jetzt noch mehr und ich merke, dass ich so bald nicht wieder losgehen werde. Es hat auch keinen Sinn. Ich habe versucht, meine Schritte zu zählen, doch als ich in den vierstelligen Bereich kam, habe ich aufgegeben. Ich höre ich kein Geräusch außer das Knarzen des Bodens unter meinem Gewicht, und meinen eigenen Atem, der in hechelnden Stößen geht, als wäre ich eben einen Marathon gelaufen. 1000 Schritte sind nicht viel, und doch habe ich sie kaum bewältigt. Ich lehne meinen Kopf gegen die Wand und versuche, meinen Atem zu beruhigen.

Die Schmerzen in meinen Beinen haben sich gelegt, und ich laufe wieder. Ich komme immer noch nur langsam voran, doch meine Gliedmaßen wackeln immer weniger, ich stehe immer sicherer. Ich halte eine Hand immer an der Wand, ich traue mich nicht von ihr wegzubewegen. Sie ist das Einzige, woran ich mich orientieren kann. Weiter und weiter gehe ich die Regale entlang, mit der Zeit kann ich in dem Holz feinste Unterschiede spüren und mir Stellen merken, an denen ich bereits gewesen bin. So erkenne ich, dass ich tatsächlich im Kreis laufe. Nein, nicht ganz. Rund ist mein Gefängnis nicht, sondern eckig. Mit der Zeit kann ich in den Regalen feinste Unterschiede erspüren und mir so Stellen merken, an denen ich bereits gewesen bin. Daher weiß ich, dass mein Gefängnis wie ein gleichmäßiges Achteck gebaut ist – ein Oktagon. Wer hat es erbaut? Warum sperrt er mich hier ein?

Ich sitze auf dem Boden, ich weiß nicht, wie lange schon. Ich kann nicht schlafen. Ich kann nichts essen. Ich kann nichts trinken. Ich kann keinen Gedanken fassen. Mein Verstand kommt mir vor wie ein Stapel leerer Seiten. Sehr passend, denke ich mir, bin ich doch umzingelt von einem Meer von Büchern, von denen ich keines lesen kann. Ich habe auch kein Zeitgefühl. Dass ich zu lange hier bin, kann ich nur daran festmachen, dass Hunger und Durst schlimmer werden. Ich habe ein ganzes Regal ausgeräumt und bin dahinter nur auf eine Wand gestoßen. Ich bin einmal quer durch mein Gefängnis gelaufen und habe festgestellt, dass außer den Regalen hier nichts ist. Die Mitte des Raums ist leer. Ich habe mit Büchern um mich geworfen und nach Hilfe geschehen. Alles war völlig umsonst.

Der Hunger nagt an mir. Wieso ich noch nicht vor Durst gestorben bin, weiß ich nicht, doch ich habe bereits alles versucht, um irgendwie an Flüssigkeit zu kommen. Ich habe blind in den Regalen gewühlt, mit der Nase am Boden jeden Millimeter abgesucht. Nichts. Es gibt hier nichts. In meiner Verzweiflung nehme ich ein beliebiges Buch aus dem Regal, schlage es auf, reiße eine Seite heraus und versuche, sie zu essen. Als ich den ledrigen Geschmack des alten Pergaments auf meiner Zunge spüre, stülpt sich mein Magen nach außen und ich erbreche nichts als Pergamentfetzen und Magensäure auf den Boden. Ich falle kraftlos auf die Seite und versuche, von der Lache wegzukriechen. Weit schaffe ich es nicht, bis mir die Kraft ausgeht, und so kriecht mir der ächzende Gestank in die Nase.

Der Hunger raubt mir den Verstand. Obwohl es dunkel ist, glaube ich, dass Dinge vor meinen Augen erscheinen. Eine Fata Morgana in völliger Finsternis? Ist so etwas möglich? Mein Geruchssinn überwältigt mich, ich höre und sehe Dinge, die hier gar nicht sein können. Oder doch? Es spielt keine Rolle. Wenn mich irgendetwas aus dem Dunkel angreifen will, brauche ich keine Angst zu haben. Denn falls da etwas lauert, hat es sich dazu entschieden, zu warten, bis ich tot bin. Dann wird für es nichts mehr übrig sein.

Ich sterbe. Daran lässt sich nichts mehr ändern. Ich spüre, wie mein Körper seine eigenen Muskeln verzehrt, um am Leben zu bleiben. Ich habe nicht die Kraft, aufzustehen, habe nicht die Kraft, einen Arm zu heben, habe nicht einmal die Kraft, meinen Mund zu schließen; daher hängt mein Unterkiefer schlaff auf meiner Brust. Meine Knochen fühlen sich wie Mehl an. Ich sollte nicht mehr bei Bewusstsein sein, ich sollte längst tot sein, doch wer auch immer mich hier gefangen hält, er hat dafür gesorgt, dass mir keine Sekunde dieser Folter entgeht. Vielleicht gibt es ein Leben nach dem Tod, denke ich mir, und weiß doch, dass ich mich anlüge. Ich kann mir im letzten Moment nicht verkneifen, mir selbst etwas vorzumachen, ist mein letzter Gedanke, bevor mein Geist in die Vergessenheit fällt.

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