Der Hosenteufel

von Martin Trappen

 

Nun sind wir mitten in München: Der Pluderhosen-Wahn bricht nicht ab. Wieder und wieder taucht an verschiedenen Orten innerhalb der Stadt ein paar Pluder-Hosen auf, meistens an eine Tür geklebt. Der jüngste Fall: Heute morgen wurde eine solche Hose an den Türen des Galeria Kaufhof am Marienplatz gefunden. Wer dafür verantwortlich ist, ist nach wie vor ein Rätsel, die ‚Hosenteufel‘ richten mit ihren Taten keinen Schaden an. Man geht davon aus, dass Jugendliche dahinterstecken, die aufbegehren und ein Zeichen setzen wollen. Ein Zeichen gegen Kommerz, ein Zeichen gegen Verschwendung, ein Zeichen gegen Religion. Unter anderem fand sich eine solche Hose auch schon an den Türen zur Frauen- und zur Peterskirche. Die Jugend der Stadt verehrt die unbekannten Pluderhosen-Schelme inzwischen als Helden. Wir haben uns auf den Straßen Münchens umgehört.

„Mann, im Fernsehen läuft nur Mist“, sagte der Mann mit den Engelsflügeln leicht lallend. Er war blond und großgewachsen.

„Pscht, sei still, Gabi! Da kommt endlich mal ein Beitrag über mich, und du quatschst dazwischen“, gab der Mann mit den Teufelshörnern zurück, der dem Engel in einer verrauchten Münchner Kneipe gegenübersaß.

„Nenn‘ mich einmal Gabi, du…!“, blaffte der Engel seinen Tischnachbarn an und schwenkte mit seinem Schnapsglas vor dessen Augen herum.

„Ist ja gut, Gabriel, aber lass mich doch mal den Beitrag sehen.“ Der Teufel hob beschwichtigend seine Hände.

„Mir doch Wurscht, her mit der Wodkaflasche, Franzl!“, sagte der Engel und knallte sein Glas auf den Tisch.

„Also bitte“, sagte der Teufel und gab dem Engel die Flasche. „Und jetzt, Klappe!“

„Diese Pluderhosen-Typen sind einfach endgeil“, meint Katja, 15 Jahre. „Ich find das halt klasse. So macht man friedliche Revolution richtig. Ich habe mir nur wegen denen selbst so eine Hose gekauft.“ In der Tat ist diese Mode bei den Unter-20-Jährigen enorm beliebt. Auf den Straßen Münchens sieht man die schlabbrigen Hosen in allen Farben. „Das Praktische ist, dass die im Sommer richtig angenehm zu tragen sind“, meint Fabrizio, 16 Jahre. „Auch wenn’s heiß ist, bleibt man da drin immer kühl und geschmeidig.“ „Es ist eben ein gigantischer Mittelfinger gegen das Establishment“, meint Lisa-Marie, 17 Jahre. „Es ist furchtbar, wenn ich mir vorstelle, dass irgendwo in der dritten Welt Kinderarbeiter meine Kleidung herstellen. Daher passe ich immer genau auf, woher meine Klamotten kommen. Und daher finde ich eben die Hosenteufel so genial, die haben die Hosen ja schon angeklebt an die Türen von C&A, von Pimkie, von Zara. Die setzen ein Zeichen gegen den Kommerz, gegen die Ausbeutung. Ich finde, da kann man einfach nur rufen: Weiter so!“

„Wenn der alte Luzi das wüsste! Einer seiner Jungs, ein Ankommer bei den Jungen!“, meinte der Engel am Kneipentisch.

„Luzi, Mann, das waren noch Zeiten, als der noch mit dabei war“, sagte der Teufel ihm gegenüber.

„Selbst ich hätt‘ den gern wieder“, sagte der Engel, zuckte zusammen und verschüttete sein halbes Glas, „gut, dass mein Chef auch nich mehr da is.“

„Dein Glück, Alter. Der hat immer alles gehört“, meinte der Teufel.

„Hör bloß auf“, sagte der Engel, „wenn ich eins nich vermisse, dann das.“

„Aber trotzdem, damals hatte es noch was bedeutet, ein Teufel zu sein. Als sich die Leute noch in die Hose geschissen haben, bei dem Gedanken, dass wir hinter ihnen her waren. Aber heute?“ der Teufel schnaubte verächtlich.

„Klar. Musst nur den Fernseher anmachen, schon siehste was Grusligeres“, sagte der Engel.

Unterdessen hat sich schon so mancher, der von den Hosenteufeln besucht worden ist, bei der Polizei beschwert. Doch die kann nichts tun. „Ganz einfach, wenn kein Schaden entsteht, können wir nicht eingreifen“, erläutert Kommissar Jürgen Moser. „Das zählt bei uns nicht einmal als Bagatelle. Das ist ungefähr so wie vor einigen Jahren, als Unbekannte bei einer Aktion alles von Schildern über Ampeln bis hin zu Türknäufen umstrickten. Da gibt es ja Dummejungenstreiche, die mehr Schaden anrichten!“ Andere sehen es gelassener. André Wimmer, dem ein kleiner Kiosk nahe dem Marienplatz gehört, fand die Pluderhose auch schon einmal an der Tür seines Ladens. „Gottseidank habe ich so eine alte, stabile Holztür“, sagt André. „Es hat mich erst irritiert, dann habe ich ehrlich mit dem Gedanken gespielt, die Hose einfach hängen zu lassen. So viele Leute waren seit Jahren nicht mehr in meinen Kiosk gekommen. Ich habe sie aber dann aber doch abgemacht. Und wissen Sie was? Die, die das gemacht haben, haben ganz feine Nägel benutzt. Schauen Sie: Die Löcher sieht man nur, wenn man angestrengt hinsieht, ich habe die Tür nicht repariert!“

„Ein Kiosk? Himmelswillen, Franzl!“, spuckte der Engel und verteilte Speichel und Wodka über das Eichenfurnier.

„Hölle noch eins, an dem Abend waren wir so besoffen, wir sind kaum aus der Kneipe gestolpert. Weißt du das nicht mehr?“, wollte der Teufel wissen.

„Willsu mich verarschen? Ich weiß ja nich mal, wo mein Heiligenschein is.“

„Aber ein bisschen mehr Chaos hätte ich schon gerne angerichtet“, sagte der Teufel.

„Gib’s auf, Mann du kanns nich mal teuflisch sein, wenn du wills.“

„Leck mich! Her mit der Pulle!“

Pfarrer Martin, an dessen Kirche ebenfalls eine Pluderhose geklebt wurde, sieht die Sache gelassen. „Es kann wohl kaum Kritik speziell gegen die katholische Kirche sein“, ist sich der Geistliche sicher, „sonst hätten sie ja nicht auch eine Hose an evangelische Kirchen gepappt. Es ist wohl eher ein generelles Aufbegehren gegen Autorität, staatliche wie Religiöse. Denken Sie daran, auch an der Tür zum Polizeipräsidium, zum Rathaus und zur Staatskanzlei hing so eine Hose. Sonderlich gestört hat es mich nicht, die Hose zu entfernen hat mich ein paar Minuten gekostet. Ich kann den mangelnden Anstand dieser jungen Männer bemängeln, aber sonst auch nichts.“

„Pluderhosen, Mann, wie bekloppt der Musculus war“, der Engel versuchte sich eine Zigarette anzuzünden.

„Hör mir bloß auf mit dem alten Schweinepriester, der hat mich doch überhaupt erst auf die Idee gebracht“, der Teufel half dem Engel mit dem Feuerzeug.

„Deine einzige Nummer, und die is nich mal von dir? Schwach, Alter, schwach“, lallte der Teufel und zog an der Zigarette. Der Teufel sagte nichts und füllte sich sein Glas bis zum Rand.

„Wenn Sie mich fragen, sind das Hardcore-Geschichts-Nerds, Sie wissen schon, Spinner, die fanatisch mittelalterliche Texte studieren, sich historisch korrekte Unterhosen stricken und auch schon mal im Kettenhemd rumlaufen“, meinte ein zerzauster Passant. „Und es gibt da so eine alte Geschichte des evangelischen Pastors Andreas Musculus. Der hat einen Text namens ‚Hosenteufel‘ geschrieben. Darin schimpft er über die Mode der Pluder- und Pumphosen – er hätte in den 1980ern sicher seinen Spaß gehabt. Egal, den Hosenteufel jedenfalls schrieb er, nachdem an einem Sonntag plötzlich eine Pluderhose in der Kirche hing. Ein Kollege von Musculus hatte eine Woche zuvor gegen diese Mode gepredigt. Jedenfalls würde ich einiges darauf wetten, dass der, der jetzt die Hosen hier an Türen klebt, die Idee von Musculus geklaut hat. Halt Moment, warten Sie doch! Ich bin nicht verrückt! Bleiben Sie da mit der Kamera! Das stimmt wirklich …!“

„Weissu du was, Franzl? Mach ruhig weiter mit den Pluderhosen“, meinte der Engel.

„Jetzt auf einmal bist du dafür?“, fragte der Teufel.

„Hat wenigstens einer von uns was zu tun. Auch wenn’s nich viel ist“, hickste der Engel.

„Hilft ja nix. Komme ich wenigstens kurz aus dem Laden hier raus. Muss ich nicht drüber nachdenken, dass uns keiner mehr braucht.

„Scheiße, der Fusel is nich stark genug. Bei dem Tempo hält meine Leber noch 200 Jahre!“

Die Hosenteufel sind unterdessen auf dem besten Weg, zum Social-Media-Phänomen zu werden. Es sieht so aus, als würden die unbekannten Pluderhosen-Wichtel den Münchnern noch einen äußerst spannenden Sommer bereiten.

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