Frau Huberta Gneiss

von Alexander Wachter

»Warum unterrichtet uns Ziegenauge dieses Jahr nicht mehr, Herr Allmer?« Julians Stimme drang durch das Klassenzimmer. Ich verfolgte neugierig die Reaktion unseres Mathelehrers. Herr Allmer hatte uns verboten, Herrn Ziegauer bei seinem Spitznamen zu nennen. Ein Blick über die Schulter bestätigte meinen Verdacht, dass auch die meisten anderen im Raum gespannt auf seine Antwort warteten. Nur Laura starrte in ihr Smartphone.

»Herr Professor Ziegauer«, betonte Herr Allmer. »Tritt sehr bald den Ruhestand an. Er bat um eine Minderung seines Arbeitspensums«.

»Das stimmt sicher nicht. Die Mimose kommt halt nicht mit uns klar.«

»Lisa, ich muss doch bitten. So einen Kommentar möchte ich nicht noch einmal hören«, ermahnte sie Herr Allmer. Lisa gab ein kleinlautes »T’Schuldigung« zur Antwort, nur um gleich darauf an ihre Banknachbarin gewandt weiter zu lästern. Dieses Mal so leise, dass sogar ich Schwierigkeiten hatte, es zu verstehen. »Hat der ein neues Hörgerät oder was? Sonst hört er doch auch nie was.«

Herr Allmer fuhr unbeirrt fort: »Eure neue Lehrerin ist gerade aus Erlangen hergezogen. Ihr werdet euch gut mit ihr verstehen.«

»Herr Allmer?«, rief Laura durch den Raum. Sie hatte ausnahmsweise sogar ihr Smartphone weggelegt. »Kann es sein, dass sie in meinen Häuserblock gezogen ist? Im Fliederweg. Weil unser Vermieter hat sowas zu mir und meiner Mutter gesagt.«

»Das weiß ich nicht. Ich kenne ihre Adresse nicht.«

»Wie heißt sie denn?«, bohrte Laura nach.

»Huberta Gneiss ist ihr Name.«

Ein Raunen ging durch das Klassenzimmer. »Wieso bekommen wir ständig die alten Kühe? Das kotzt mich an«, meckerte Nikola in der hintersten Reihe. »Immer haben wir das Pech, ein Fossil als Lehrer zu bekommen. Das ist voll unfair! Die hat bestimmt einen Damenbart. Wie soll ich mich da auf den Unterricht konzentrieren?«

»Also jetzt reicht es aber. So redet man doch nicht von einem Lehrer«, sagte Herr Allmer, seine gewaltige Masse vor Nikola aufbauend. »Wo ist denn euer Respekt geblieben?«

»Ja, sorry«, sagte Nikola kleinlaut. »Aber ist doch wahr.«

Herr Allmer presste die Lippen zu einem Strich zusammen: ein Zeichen höchster Gefahr. Noch eine Kleinigkeit und es würde Strafarbeiten hageln. Alle schwiegen und obwohl keiner mehr ein Wort darüber verlor, war allen klar, dass der Unterricht mit der Neuen bestimmt schrecklich werden würde.

Umso größer war die Überraschung, als am darauffolgenden Mittwoch eine zierliche Frau das Klassenzimmer betrat. Es wurde merklich stiller und selbst Egon, der mir gerade eines seiner Gedankenexperimente erläutert hatte, verstummte und blickte an mir vorbei.

Verwundert drehte ich mich um und sah unsere neue Biologielehrerin. Mir blieb die Luft weg. Die Schritte zum Pult legte sie scheinbar in Zeitlupe zurück. Jeder Schritt, jedes Schwingen der Arme war einfach nur »Wow«.

»Hallo alle miteinander.« Ihre Stimme war klar, doch zugleich lieblich. »Mein Name ist Huberta Gneiss.« Sie öffnete schwungvoll ihre Aktentasche, zog eine Kreide aus einem Seitenfach und schrieb ihren Namen auf die Tafel. Die Buchstaben erschienen in einer perfekten Linie mit kleinen Schnörkeln am H, am b, am t und am G. Während des Schreibens hob sie ihren kleinen Finger ein wenig höher als ihre restlichen. Es erweckte den Eindruck, als würde sie ein Tasse Tee halten. Ich hatte noch nie so eine Eleganz gesehen.

»Ich habe letzten Sommer meinen Abschluss an der Universität in Erlangen gemacht. Ich komme quasi frisch aus der Schule und bin schon wieder in der Schule.« Sie lächelte … und die ganze Klasse lächelte mit.

»Ich bin mir sicher, wir werden dieses Jahr viel Spaß miteinander haben. Ihr kennt meinen Namen, jetzt würde ich gerne eure kennen lernen.« Sie lächelte erneut in die Runde und schob sich eine Strähne ihres samtigen Haares hinter das Ohr. Dann wandte sie sich mir zu. Ihre grünen Augen sahen direkt in meine und mein Herz stoppte. »Wie ist dein Name?«

Die Sekunden vergingen und ich sah in ihre Augen und erst da wurde mir bewusst, dass sie mich gefragt hatte, dass sie von mir eine Antwort erwartete. Panisch versuchte ich mich an meinen Namen zu erinnern. Meine Hände schwitzten, ich wurde mir aller Blicke bewusst. Die Tatsache, dass sie mich unentwegt anschaute, machte die Sache nicht leichter. Die Sekunden zogen sich dahin, während ich stumm da saß und keinen Ton über meine Lippen brachte. Ich konnte Lisa hinter mir lachen hören.

»T-T-Tim! Ich heiße Tim!«

Frau Gneiss schenkte mir ein weiteres Exemplar ihres bezaubernden Lächelns. »Freut mich, dich kennen zu lernen, Tim.« Dann ging sie weiter zu Egon. »Dein Name?«

»Egon Buchner«, sagte Egon vollkommen unbeeindruckt von dem Engel, der vor uns stand.

»Egon Buchner«, wiederholte sie für sich selbst und ging zum nächsten Schüler.

»Simon Egger«, sagte dieser … da durchfuhr es mich wie ein Blitz. Ich hatte ihr nur meinen Vornamen gesagt und nicht einmal den Ganzen. Sie musste mich für extrem minderbemittelt halten. Oh Gott, lass mich sterben.

Den Rest der Stunde verbrachten wir mit einer Wiederholung des vergangenen Schuljahres. Frau Gneiss teilte eine Zusammenfassung aus, die wir dann Schritt für Schritt durchgingen. Ich bekam von der Stunde nichts mit, fokussierte mich nur darauf, nicht an der Schönheit vor mir zu zerbrechen.

PIC_3622In der Mittagspause hatte ich ein Rendezvous mit J. D. Salinger am Seeufer eingeplant. The Catcher In The Rye zwischen meine Füße geklemmt, aß ich mein Sandwich und blickte auf das sonnige Glitzern des Wassers. Das Glitzern in Frau Gneiss Augen gefiel mir allerdings noch besser. Es dauerte nicht lange, bis einige Jungs aus meiner Klasse vorbeikamen und sich unweit von mir niederließen. Selbstverständlich hatten sie nur ein Thema.

»Diese Beine und erst dieser Knackarsch.« Julian biss sich in gespielter Verzweiflung in die Faust. »So eine geile Braut hab ich selten gesehen. Oh, wie gern ich die doch …«

»Ach komm wieder runter, Juli. Die lässt dich eh nicht ran. Sie ist Lehrerin.«, warf Stefan ein.

»Na und?«

»Nichts, na und. Das ist sogar verboten, glaube ich. Außerdem hat so eine wie die bestimmt einen Freund.«

Nikola meldete sich zu Wort. »Muss gar nicht mal sein. Der Allmer hat doch gemeint, dass sie gerade erst hergezogen ist. Vielleicht alleine?«

»Siehst du?“, sagte Julian zu Stefan. »Ich sag euch, die ist geil auf mich.«

Die anderen lachten. »Also wenn du die abschleppst, dann bist du für alle Zeit ein gemachter Mann, das schwör ich dir. Dann fresse ich meinetwegen auch einen Besen. Das schaffst du nie.«

»Ihr werdet schon sehen. Aber Mann, habt ihr ihre Titten gesehen?«, fragte Julian.

»Die waren schwer zu übersehen«, entgegnete Nikola grinsend. »Als ich sie am Ende der Stunde gefragt habe, ob sie mir den einen Absatz nochmal genauer erklären könnte und sie sich zu mir rüber gelehnt hat, ich schwöre, ihre Titten waren nur Zentimeter von meinen Ohr entfernt.«

»Aus dem Grund bist du auch sitzen geblieben und nicht gleich mit uns aus der Klasse gegangen«, sagte Stefan. Er griff sich mit der Hand in den Schritt. »Ist wohl ziemlich eng geworden da unten, was?« Ich musste lachen.

Die Jungs sahen zu mir herüber. »Du bist wohl der Letzte, der darüber lachen sollte, Lusche«, keifte Nikola. »Hätte ich so eine peinliche Nummer abgeliefert wie du, würde ich gut aufpassen, über wen ich lache.« Er setzte einen ausdruckslosen Gesichtsausdruck auf und starrte in die Leere vor ihm. »T-T-Tim!«, äffte er mich nach. »Mein N-N-Name ist Tim!« Schallendes Gelächter begleitete seine Imitation.

Ich biss wütend von meinem Sandwich ab und richtete meinen Blick wieder auf das Buch.

Am nächsten Tag berichtete mir Egon, dass Laura bestätigt hatte, dass Frau Gneiss alleine in die Wohnung gezogen war. Diese Nachricht löste helle Begeisterung bei den Jungs in meiner Klasse aus. Auch ich fand den Gedanken an eine Single Frau Gneiss verlockend.

In den nächsten Wochen wurde jede Biologiestunde von meinen männlichen Klassenkameraden mit Freude erwartet. Kaum einem anderen Fach widmeten wir mehr Aufmerksamkeit. Herrschte in den meisten anderen Fächern wilder Radau, klangen in Biologie sanftere Töne durch die Klasse. Auf jeden einzelnen Test wurde gewissenhaft gelernt, wollten wir doch nicht, dass Frau Gneiss entging, wie sehr wir ihren Einsatz schätzten. Denn auch der regelmäßige Unterricht mit Frau Gneiss änderte nichts an dem Charme, den sie versprühte.

Mich faszinierten viele Dinge an ihr: Die Art, wie sie ihren Stuhl zurecht richtete, bevor sie sich hinsetzte. Wie sie ihre Handschuhe auszog, wenn es draußen kalt war: immer einen Finger nach dem anderen zupfend. Wie sie ihre Kreide hielt. Wie sie über einen freundlichen Witz lachte. Wie sie über einen schmutzigen Witz lachte. Oder wie sich ihre Wangen röteten, wenn sie donnerstags Pausenaufsicht hatte.

Am ersten Dienstag im November kam ich zu spät in die Schule, da ich vergessen hatte, den Wecker zu stellen. Meine Beine drohten bereits nachzugeben, als ich die Schulaula betrat. Und als ich den Türgriff zu unserer Klasse in die Hand nahm, spürte ich wie mein Herz einige Male aussetzte. Ich hasste es, zu spät zu kommen, weil mich dann jeder in der Klasse anschaute. Heute würde es nicht nur die ganze Klasse, sondern auch Frau Gneiss sein. Das überlebe ich nicht! Ich würde die Stunde abwarten und erst nach Biologie in die Klasse gehen. Da öffnete sich die Tür vor mir und Julian kam heraus »Woah, was stehst du hier?«

Ich schluckte heftig. »Hab verschlafen.«

Julian grinste von einem Ohr zum anderen. »Frau Gneiss, Tim ist doch nicht krank.« Mir blieb nichts anderes übrig, als in die Klasse zu gehen. Ohne zum Pult zu blicken, setzte ich mich auf meinen Platz. Meine Hände zitterten, als ich meine Bücher aus der Tasche holte.

»Sehr schön«, hörte ich Frau Gneiss Stimme. »Julian, könntest du nun dennoch das Klassenbuch holen gehen?« Ich spürte die Blicke der anderen auf mir, wollte im Erdboden versinken und nie wieder hervorkommen. »Wieso bist du spät dran?«

»H-Hab v-verschlafen«

»Weißt du jetzt nicht mal mehr den Weg zur Klasse, Tim? Läuft zurzeit echt bei dir, was?«, spottete Lisa neben mir.

Stefan setzte noch einen drauf: »Nein, der musste bestimmt erst noch ein wenig Druck ablassen, bevor er kam, damit es ihm nicht in der Klasse passiert.«

»Was denkst du denn, warum der noch Jungfrau ist?« Nikola flüsterte laut genug, damit die ganze Klasse seine Worte hörte.

Noch einige gehässige Kommentare drangen an meine Ohren. Sie wurden immer lauter, immer hämischer – doch ich hörte nicht mehr hin. Ich sank in meinem Sitz zurück, schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

»Ruhe!«, schallte es plötzlich durch den Raum. Jeder war entsetzt. Keiner von uns hatte Frau Gneiss jemals schreien gehört. Ihre Stimme bebte: »Ihr seid jetzt alle sofort still! Wer es wagt, noch ein Wort zu sagen, ohne von mir dran genommen worden zu sein, der bekommt eine Strafarbeit, die sich gewaschen hat.«

Alle waren ruhig. Frau Gneiss schritt die Bankreihen hindurch, bis sie vor mir stand. »Tim. Heute Nachmittag 16:00 in meinem Büro. Geht das für dich in Ordnung?« Ich nickte, ohne nachzudenken. »Das freut mich. Dann sehen wir uns um 16:00. Du brauchst deine Biologieunterlagen nicht mitzubringen.«

An diesem Tag bekam ich nichts vom Unterricht mit. Meine Gedanken schwirrten um den Nachmittag in Frau Gneiss‘ Büro. Ich wusste nicht, ob ich mich auf den Nachmittag freute oder Angst davor hatte. Will ich wirklich mit Frau Gneiss alleine sein? Soll sie mir wirklich hundert Prozent ihrer Aufmerksamkeit schenken? Allein die Vorstellung brachte mich ins Schwitzen. Kurzfristig spielte ich mit dem Gedanken, nicht hinzugehen. Doch ich wusste, dass es keine Lösung war. Außerdem hielt mich mein Ehrgefühl davon ab. Dasselbe Ehrgefühl, das mich auch davon abhielt, die elenden Turnstunden zu schwänzen.

Ich verbrachte die Stunden bis zu dem Termin damit, mir alle Szenarien auszudenken, die im Bereich des Möglichen lagen. Zuhause versuchte ich mich mit essen, lesen und Fahrradfahren abzulenken, aber nichts half. Ich steigerte mich immer weiter in meine Hirngespinste hinein, bis es endlich an der Zeit war, zu ihrem Büro zu gehen.

Sie lächelte und hieß mich einzutreten. Tausend Dinge gingen mir durch den Kopf und im gleichen Moment war er leer. Ich spürte ihre Hand auf meiner Schulter, sie gab mir den Impuls in Richtung Stuhl. Ihre Berührung elektrisierte meine Haut. Auf meine Atmung konzentriert, wartete ich ab, bis Frau Gneiss die Tür zugezogen hatte.

high-heels-698602_1280Die ersten Schulstunden am darauffolgenden Tag verliefen ereignislos. Herr Allmer erklärte zwei Stunden lang Integralrechnungen, obwohl sogar Lisa die Beispiele nach zehn Minuten ohne Hilfe lösen konnte. Dann stand Biologie auf dem Stundenplan.

Ich hatte Schnappatmung, noch bevor ich Frau Gneiss überhaupt in das Klassenzimmer kommen sah. Als sie den Raum betrat, steuerte sie direkt auf meinen Tisch zu. Meine Mitschüler schauten interessiert. Sie erwarteten eine Art Indiz, wie das Gespräch gestern gelaufen war. Ich hatte ihnen nichts gesagt. »Danke nochmal für deine… ähm… Hilfe gestern, Tim.« Sie legte mir ihre Hand auf die Schulter, sehr zärtlich. »War echt toll.« Sie lächelte, zwinkerte mir zu und begab sich zum Pult, um die Stunde zu beginnen.

Julian war der erste, der sich zu mir herüberlehnte. »Was meint sie damit? Wobei hast du ihr gestern geholfen?« Ich zuckte nur mit den Schultern und sah weiterhin zur Tafel. Julian ließ nicht locker. »Jetzt komm schon, Tim. Was soll der Scheiß? Oder ist es was Peinliches? Ja klar, sonst würdest es doch sagen.«

»Es gibt nichts zu erzählen. Ich weiß nicht, wovon sie redet.« Es fühlte sich richtig gut an, einmal derjenige zu sein, dem die anderen an den Lippen hingen.

Lisa lehnte sich weit zu mir. »Jetzt komm schon, Tim«, flüsterte sie. »Da ist doch nichts gelaufen, oder?« Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen, was die anderen noch weiter verwirrte. Sie diskutierten die restliche Stunde, wobei ich Frau Gneiss denn zur Hand gegangen sein könnte. Als ich Frau Gneiss auch noch mit Huberta ansprach und sie es als selbstverständlich hinnahm, erhärtete sich bei den meisten der Verdacht, dass da wohl tatsächlich etwas passiert sein musste.

Am Ende der Stunde kam Frau Gneiss noch einmal zu meinem Platz. Alle im Umkreis waren plötzlich sehr beschäftigt. Sie lächelte mich an und mir fiel es nicht schwer, einfach zurück zu lächeln. »Ich habe gestern ganz vergessen zu fragen: Nächste Woche, selbe Zeit?«, fragte sie und ich musste alle meine Kraft aufbringen, um ernst zu bleiben und zu nicken, denn ich sah die Fassungslosigkeit in Julians und Nikolas Gesichter. »Toll! Ich freu mich drauf, Tim.«

Kaum war Frau Gneiss aus dem Klassenzimmer ging die Belagerung erst richtig los. Meine Mitschüler ließen nicht locker, wollten alles wissen. Allen voran Lisa, die sich sogar auf meinen Schoß setzte und meinte, sie ginge erst weg, wenn sie wisse, was Sache sei. Ich fühlte mich wie der König auf Erden. So fühlt es sich also an, beliebt zu sein.

Das Glück währte nicht lange.

»Hey Leute, wieso macht ihr so einen Krach um Tim? Frau Gneiss ist doch mit-«

»Halt die Klappe, Egon!«, schallte es im Chor.

Er zog eine Schnute, blieb aber beharrlich. »Ihr seid so dumm. Sie ist doch mit Herrn Allmer zusammen.«

Das sorgte für Schweigen. »Erzähl keinen Scheiß!«, schnauzte ihn Nikola an. »Woher willst du das wissen?«

»Die beiden sind vor der Schule am turteln. Hab sie gerade gesehen, als ich vom Klo gekommen bin.«

Einen Moment war alles ruhig, im nächsten hetzten sämtliche Schüler aus dem Klassenzimmer. Ich rannte mit, wollte es mit eigenen Augen sehen – wenn es denn stimmte. Das Herz war mir in die Hose gerutscht. Oh bitte, das kann nicht wahr sein. »Nicht meine Frau Gneiss.«

Vom Eingangsportal sah die ganze Klasse Frau Gneiss, die wild von Herrn Allmer geküsst wurde. Seine Wurstfinger fuhren ihren Rücken auf und ab, sie hielt sein Gesicht mit ihrer Hand. Ihre Münder pressten so fest aufeinander, dass schon das Zusehen schmerzte.

»Der frisst sie ja auf!«, stieß Julian entsetzt hervor.

»Oh mein Gott. Herr Allmer? Wirklich? Der könnte ihr Vater sein. Mir wird schlecht!« Lisa stellte sich sicherheitshalber neben die Mülltonne.

Ich starrte fassungslos auf das abscheuliche Bild vor mir. Alles in mir zog sich zusammen. Nichts konnte schlimmer sein als das. Ich hatte mich in Frau Gneiss getäuscht. Sie hatte mir etwas vorgespielt. Sie war weder liebenswürdig, noch mochte sie mich wirklich. Sie war eine Lügnerin.

Die Show, die wir uns gestern für die Klasse überlegt hatten, kam mir plötzlich lächerlich vor. Wieso sollte ich stolz darauf sein, mit Frau Gneiss ein Verhältnis zu haben? Sie fickte doch eh lieber alte Männer mit Bierbauch, fettigen Haaren und Maulwurfaugen. Was war nur mit ihr falsch, dass sie ihn begehrenswert fand? Ihn und nicht mich?

Ich fühlte mich so ausgelaugt. Ich lehnte mich gegen den Türrahmen, um nicht wegzukippen.

»Ach du Scheiße, Tim. Weinst du etwa?« Julian hatte sich mir zugewandt. Ich fasste mir ins Gesicht. Tatsächlich. Ich weinte und hatte es nicht einmal bemerkt.

»Fuck, Tim! Dann stimmt es also wirklich?« Lisa hatte die Augen so weit aufgerissen, dass ich sicher war, sie würden jeden Moment herausploppen. »Du hattest echt etwas mit der Frau Gneiss? Fuck!« Ich schüttelte den Kopf, aber keiner achtete darauf.

»Alter, Tim. Was läuft denn mit dir nicht richtig?« Nikola packte mich an der Schulter. »Siehst du das da vorne? Weißt du, wo der Mund von der schon überall war? Erst lutscht sie vom Allmer den Schwanz und dann küsst sie dich. Du bist so ein Opfer!«

»Ich hatte nix mit ihr. Ich-«

»Boah, Niko, hör auf! Ich kotz echt gleich.« Lisa beugte sich über die Mülltonne. »Das ist alles so eklig! Tim, verzieh dich!«

»Ja, echt Tim! So eine kranke Scheiße!« Julian spuckte mir vor die Füße. »Ey Mann. Du bist echt nicht dicht im Hirn!«

Ich sah in die von Abscheu erfüllten Gesichter meiner Mitschüler und mir wurde bewusst, dass ich vorhin falsch gelegen hatte: Es ging immer schlimmer.

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