Und zu den Deckel

von Annika Kemmeter

Die geräumige Stadtbahn fuhr lautlos über einstige Autostraßen, passierte mit Blumen, Gräsern und teilweise sogar Bäumen begrünte Mehrfamilienhäuser, blühende Häuser, die immer mehr Menschen anzogen. Nicht nur wegen der Bepflanzung auch wegen der Lage an der Hauptstraße. Denn wo sonst gab es eine so gute Infrastruktur?
Zu spät fiel Marlene ein, dass dieses Argument nicht ihren eigenen Überlegungen entsprungen war: Sie käute noch immer die Gedanken ihres Exfreundes wieder, als wäre sein Maßstab noch immer der ihre, als müssten ihre Gedanken und Ideen noch immer erst von ihm gutgeheißen werden. Einen Schlussstrich sollte sie doch ziehen, alles auslöschen, was ihr von ihm eingepflanzt worden war. Das hatte jedenfalls ihre Psychologin geraten: Basti in eine Kiste stecken, und zu den Deckel.
Basti hatte diese Entwicklung lächerlich gefunden, als die unzähligen massenproduzierenden Kleidungsgeschäfte aus der Innenstadt gewichen waren, um Dienstleistern wie Friseuren, Schneidern, Masseuren und vor allem natürlich Psychologen Platz zu machen. Alle rennen zum Psychiater! Geh im Wald spazieren und gut ist, hatte er immer gesagt.
Aber der Wald gab einem keine Handlungsrichtlinien, an die sie sich halten konnte. Er sagte nicht: Steck Basti in eine Kiste, stopfe ihm den Mund mit Moos und zu den Deckel.
Marlene fragte sich, ob sich wirklich etwas ändern würde. Sie hatte seinen Mund mit Moos gestopft. Sie hatte seinen leblosen, schweren Körper in die Kiste gesteckt. Und doch spukten seine Worte in ihrem Kopf herum, als wäre er noch so lebendig wie vor drei Tagen, als er ihr überrascht die Tür geöffnet hatte, und ließen sie nicht in Ruhe.
Die Bahn passierte den neuen Stadtwald, als Marlene klar wurde, was der Fehler war: Sie gab ihm immer noch Recht, fand ihn immer noch überzeugend, machte seine Ansichten immer noch zu den ihren und hatte wirklich gedacht, es sei ihre Idee gewesen, die Kiste im Wald zu vergraben, wo sich Wurzeln, dick wie Baumstämme ihr in den Weg gestellt hatten, wie Schranken, die Marlene aufhalten wollten, damit jemand kam, der sie sah, sie überführte und ins Gefängnis brachte. Doch sie hatte die Wurzeln zerschlagen, hatte sich durchgekämpft. Jetzt lag er da, zufrieden in seinem Wald, den nicht sie, sondern er sich ausgesucht hatte, und triumphierte, während sie lautlos in die Stadt glitt, mit einem Blumenstrauß in der Hand, mit dem sie ihrer Psychologin für die wertvolle Therapie danken wollte. Der Dank lag schal in ihrer Hand. Hatte die Therapie genutzt? Basti begleitete sie noch immer. Es war an der Zeit, dass sie auch gedanklich endlich mit ihm abschloss: Die Zeit mit ihm, die Erinnerungen, alles in eine wasserdichte Truhe stecken, mit Eisenbeschlägen und Vorhängeschloss, alles hineinwerfen und zu den Deckel!

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