Sophie im Hier und Jetzt

von Annika Kemmeter

Sophie schlägt die Decke zurück. Es ist 6:30 Uhr, der Wecker hat gepiept. Sie entledigt sich ihres Schlafshirts und zieht die Kleidung an, die sie gestern zurechtgelegt hat: schwarze Unterhose, schmale schwarze Hose. Weißer BH, geblümte Bluse, zartes Jäckchen, dass das Blau der Blumen aufnimmt. Auf die Socken kann sie heute verzichten. Um 6:34 startet sie ihre elektrische Zahnbürste und putzt ihre Zähne, bis es drei Mal brummt. Haare kämmen und zum Zopf knoten, etwas Schminke, Ohrringe. Ein Blick auf die Uhr: 6:39 Uhr. Um 6:41 beginnt das Wasser zu sieden, Sophie stöpselt ihr Handy vom Ladegerät ab und legt es in ihre Tasche. Das Wasser kocht noch nicht. Sophie hat den Teebeutel in ihren Coffee-to-go-Becher gehängt und wartet. Ihre Finger tippen ungeduldig auf den Arbeitsplatte. Sophie holt ihr Handy aus der Tasche und schaut nach dem Wetter. Seit gestern hat sich nichts verändert. Klack macht der Wasserkocher. Sophie füllt den Becher auf und schaut auf die Uhr. 6:45 Uhr. Vielleicht hat sie mehr Wasser eingefüllt als sonst. Mehr als nötig. Sie steigt in ihre Riemchensandalen, bindet sich ein Tuch um den Hals. Der Tee müsste gezogen sein. Beutel in den Biomüll, Handy in die Handtasche und los. Der Bus hat Verspätung. Sophie hasst jede Minute, die sie ihre Mundschutzmaske zu früh angezogen hat. Ausziehen will sie sie jetzt auch nicht mehr. Die anderen würden merken, dass sie sie zu früh aufgezogen hat und ihren Fehler jetzt korrigieren musste. Dann lieber Luft einatmen, die nach Stoff schmeckt. Sie steckt sich schon mal die Kopfhörer in die Ohren und schaltet ihr Handy ein. Jetzt die App zu starten, wäre wahrscheinlich kontraproduktiv. Wenn der Bus dann käme, wäre sie nicht mehr konzentriert. Sie könnte ihre Mails checken. Aber dann würde sie mitten im Lesen oder mitten in der Antwort unterbrochen. Vielleicht die Tagesschau-App durchsehen. Oder Instagram. Was machen denn die anderen? Verwundert sieht Sophie, das manche Leute ganz ineffizient dastehen und warten. Da kommt der Bus. Endlich.
Sie findet einen Sitzplatz und öffnet die App. Sofort redet eine sehr angenehme, sehr tiefe männliche Stimme an der Rückwand ihres Kopfes. Es klingt, als wäre die Stimme in ihr. „Willkommen zu deiner siebten Meditation von MediApp“, sagt die Stimme. Die siebte. Sophie überlegt, ob sie das überraschend viel oder überraschend wenig findet. Doch die Stimme unterbricht ihre Überlegung. „Wow! Ich bin stolz auf dich! Viele Menschen finden es schwer, täglich zu meditieren.“ Sophie kann das nicht verstehen. Entweder man entschließt sich zu etwas, und dann zieht man es durch. Oder man lässt es von vornherein bleiben. „Ich lade dich ein, dir deine Umgebung genau anzusehen. Nehme wahr, was dich umgibt.“ Seit der Coronakrise sind Sophie alle Leute zu nah. Sie hat das vorher nicht von sich gekannt, diesen Wunsch nach Distanz. Sie möchte nicht das Muttermal sehen, das dem Mann vor ihr unter den schwarzen Haaren wächst. Sie möchte nicht riechen, dass die Frau im Zweiersitz neben ihr heute Morgen schon geraucht hat. „Wenn du soweit bist, schließe die Augen und konzentriere dich ganz aufs Hier und Jetzt. Alle Gedanken, die kommen, kannst du einfach ziehen lassen.“ Prompt kommen Sofie lauter Gedanken, die sie versucht, ziehen zu lassen. Die Stimme hilft ihr dabei: „Konzentriere dich auf deinen Atem. Atme langsam durch die Nase ein. Atme lange und ruhig durch den Mund aus. Vielleicht gelingt es dir, dabei erleichtert zu seufzen.“ Ganz bestimmt nicht. Andererseits, mit der Maske über dem Mund, weiß vielleicht niemand, dass der Seufzer aus ihrer Lunge gehuscht ist. Trotzdem: Lieber nicht. „Ich möchte dich heute einladen, in deinen Körper hineinzuhören. Gibt es irgendwo noch eine Stelle, die verspannt ist?“ Ja, klar, der Nacken. Die Schultern sind beide angespannt. Es kommt Sophie so vor, als wären sie zusammen mit ihren Ohrringen an den Ohrläppchen aufgehängt. Noch bevor die Stimme weiterreden kann, hat Sophie sie schon gelockert. „Lockere die Stellen nicht. Nimm sie einfach wahr.“ Na toll! Zu spät! Die Stimme war viel zu langsam. Kann dem Sprecher doch klar sein, dass man sie sofort lockert. Das war sonst ja auch immer der ganz normale Einstieg in die Meditation. Was sollte Sophie jetzt tun? Die Schultern wieder hochziehen? Den Nacken versteifen. Idiot! Das kann man schließlich auch ganz anders formulieren: „Heute machen wir mal etwas ganz anderes: Wir lockern nicht die Stellen, die verspannt sind!“ Sophie überlegt, ob sie der App diesen Verbesserungsvorschlag als Rückmeldung schicken soll. Die Stimme spricht derweil weiter: „…die Geräusche um dich herum. Nimm sie einfach wahr. Geräusche sind. Sie existieren. Wenn sie dich stören, liegt das an deiner Einstellung zu ihnen.“ Sophie unterdrückt ein hämisches Auflachen. Wenn Sophie Lärm einfach akzeptieren würde, würden auf der Arbeit alle durchdrehen. Aber die Stimme meint ja den Augenblick. Den Buslärm. „Ich möchte dich einladen, diese Akzeptanz mit in deinen Alltag zu nehmen. Es ist gut, Dinge zu verändern. Aber manchmal ist es auch gut, Dinge, die man nicht ändern kann, einfach zu akzeptieren.“ Was für eine Weisheit! Und was für eine Lebensferne! „Wir atmen noch drei Mal tief ein und aus, auf den Gedanken: „Ich bin genug. Ich bin Akzeptanz.“ Mitten im zweiten Atmen, hält der Bus. Sophie schlägt die Augen auf. Auf der anderen Seite des Fensters ist ihre Haltestelle. Der Bus war zu schnell. Er muss eine Haltestelle ausgelassen haben. Eilig steigt Sophie aus. „Ich freue mich, dass du heute wieder mit mir meditiert hast. Ich lade dich ein, im Alltag an diese Akzeptanz zu denken und sie in deinen Alltag zu integrieren.“ Sophie reißt sich die Ohrstöpsel aus den Ohren und die Maske vom Gesicht, nur um sie in dreihundert Metern wieder aufzuziehen. Es ist 7:12, als sie die Tür zum Kindergarten aufstößt. Erste Kinder sind schon da und ziehen sich schreiend an den Haaren. Sie betrachtet die Kinder als wären sie Tiere hinter einer Glasscheibe im Zoo. Kinder ziehen sich an den Haaren, denkt Sophie. So sind Kinder eben. Wenn mich das stört, liegt es an mir. „Emmie wurde heute krankgemeldet“, ruft Hannah Sophie über das Geschrei zu, als sie mit riesigen Bastelbögen unter dem Arm an ihr vorbeirauscht. Mit vielsagendem Blick wirft sie noch ein Wort hinterher: „Fieber!“ Hinter Sophie geht eine Tür auf. Frau Mevlut kommt mit ihrer Tochter herein. „Sehen Sie nicht, dass die Kinder weinen?“, fragt sie Sophie mit hochgezogenen Augenbrauen. „Doch“, sagt Sophie. „Ich sehe es, nehme es wahr und akzeptiere es.“ Frau Mevlut starrt Sophie an und wartet. Sophie seufzt, setzt ihre Handtasche und den Tee auf dem Boden ab und beugt sich zu Marek und Alina hinunter. Sie hält die beiden eine Armeslänge voneinander entfernt und fragt: „Na, ihr zwei? Was ist denn los.“ Sofort sprudeln Sätze aus den klagenden Mündern, die mit „Der Marek hat…“ und „Die Alina hat…“ beginnen. Sophie konzentriert sich auf die gleichzeitigen Äußerungen. Sie hört den Kindern zu, bevor sie sie auffordert, Lösungsvorschläge zu machen. Sophie wird von der Situation verschluckt. Sie ist ganz bei den Kindern. Sie ist. Im Hier und Jetzt.

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