Das Korsett

von Elias Vorpahl

„Mutter, hilft Ihr mir mit dem Korsett?“

Mutter! Sie hasste dieses Wort. Schwangerschaftsstreifen, Hängebrüste, Wassereinlagerungen. All das hatte sie nie gewollt.

Sie stand hinter ihrer Stieftochter und zurrte an den Bändern. Siebzehn Jahre alt. Haut wie aus Porzellan. Wozu brauchte sie ein Korsett?

Mit ihrem ersten Mann hätte sie sich Kinder vorstellen können. Trotz allen Widrigkeiten, die sie ihrem Körper hätte antun müssen. Ihn hatte sie geliebt. Er war mutig, forderte sie offen zum Tanz auf. Die anderen Männer beobachteten sie nur im Geheimen. Es verschlug ihnen die Sprache, wenn sie ihr direkt gegenüberstanden. Ihr Mann war Jäger. Fünf Jahre hielt ihre Ehe, bis er andere Beute reizvoller fand als sie. Ihr Herz hatte das hart gemacht.   

Sie zog das Band durch weitere Ösen und straffte es. „Ah …, bitte nicht so fest!“

Ihr zweiter Mann war zu weich. Er konnte mit der Kraft und dem Mut des Jägers nicht mithalten. Freunde hatten sie einander vorgestellt. Sie, die geschiedene Frau, und er, der Akademiker, der bisher zu beschäftigt war, um eine Beziehung einzugehen. Er liebte sie. Ihre Schönheit. Überhaupt den Umstand, dass eine Frau ihm Aufmerksamkeit schenkte. Sie konnte seine Liebe aber nicht erwidern.

„Bitte! Mutter! Lasst es.“ Die Bänder schnitten ihrer Tochter ins Fleisch. Brüchig gewordenes Porzellan, dachte sie mit Genugtuung.

Ihr dritter Mann war nur noch schnödes Beiwerk. Eine Begleitung am Hof und auf den Bällen, damit die Leute nicht tratschten. Er brachte dieses Kind mit in die Ehe. Es war elf Jahre alt. Hochgewachsen mit langen, dürren Armen und Beinen. Sie selbst war immer noch eine schöne Frau. Die paar Falten konnte sie kaschieren. Die weißen Haare zupfen. Doch in den letzten Jahren hatte sich ein weicher Film um die Arme und Beine ihrer Tochter gelegt. Ihre Hüfte war breiter geworden, ihre Taille so schmal geblieben wie zuvor. Die Männer blickten auf ihre Stieftochter, nicht mehr auf sie.

Sie zurrte noch stärker an den Bändern, hörte, wie ihre Tochter nach Luft japste.      

In den letzten Jahren waren die Falten um ihre Augen tiefer geworden. Es war unmöglich, sie zu kaschieren. Die weißen Haare sprossen überall. Sie konnte sie nicht mehr alle rausreißen. Ihre Brüste hingen. In den Schenkeln kleine Dellen. Und ihre Stieftochter!? Diese weiße Perle, rund und glatt.

Sie riss jetzt an den Bändern, schnürte ihrer Tochter die Luft ab. Das Mädchen sackte in sich zusammen.  

Zufrieden schaute die Stiefmutter, die nie Mutter sein wollte, in den Spiegel und sprach: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“

Bild von Katy Allison auf Pixabay.

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Elias Vorpahl sagt:

    Zumindest hier. Vielleicht hätte sie sich besser ihren Frust von der Seele schreiben sollen. Zum Beispiel auf WordPress 😉

    Liken

  2. Lopadistory sagt:

    Uiuiui …Frust kann töten …

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.