Der Pfanne zuhören

von Annika Kemmeter

Die alte Frau hieß Magarete, so lange sie Arbeitskolleginnen hatte. „Magarete, du glaubst nicht, wo ich den Chef gestern gesehen habe!“ So viel Gerede. Die alte Frau konnte sich nicht erinnern, worüber sie, bei Gott, all die Tage gesprochen hatten. Gretel hatte sie als Kind gehießen. So hatte sie zuletzt nur noch ihr Mann genannt. Wenn sie zufällig über diesen Namen stolperte, versetzte es ihr einen Stich. Gretel, das war sie einmal. Jetzt war sie Frau Odenklopp, aber auch den Namen hörte sie nur noch selten. Dafür musste sie sich schon einen Termin bei ihrer Hausärztin geben lassen. Heute hieß sie die allermeiste Zeit du. „Du musst dich hinlegen, ja du bist alt geworden“, sagte sie. Oder: „Wo hast du nur deinen Kopf?“ Sie sagte es laut, denn es war keiner da, der sich darüber wundern konnte, dass sie mit sich selbst sprach. Ihre Stimme war die einzige, die die alte Frau und ihre Wohnung je zu hören bekamen. Außer den Stimmen aus dem Fernseher, versteht sich. „Ja, du musst dich ans Essen machen“, sagte die alte Frau. „Aber was? Hast du was, woraus sich was machen lässt?“ Sie legte die Illustrierte ab und machte sich auf den Weg in die Küche.

„Im Kühlschrank hast du Eier und Würsterl.“ Das war die Pfanne. Sie stand gespült und getrocknet auf dem Herd, bereit etwas für die alte Frau zu braten.
Die Frau öffnete die Kühlschranktür. Tatsächlich. Eier und Würstchen. Sie nahm beides heraus und legte es nachdenklich auf den Tisch. „Komisch, dass du Würsterl sagst“, murmelte die Frau.
„Ich komme aus Bayern“, antwortete die Pfanne.
Die Frau legte ihre Stirn in tausend Falten. Sie öffnete die Würstchenpackung. „Ja, du weißt wahrlich nicht mehr, wo du diese Pfanne herhast“, sagte sie zu sich selbst, warf Fett in die Pfanne und wartete, ob die Pfanne noch etwas sagen würde. Aber außer dem Brutzeln ließ sie nichts mehr vernehmen.

Am Abend legte die alte Frau ihr Gebiss ins Glas und zog ihr Nachthemd über. „Zeit, schlafen zu gehen“, seufzte sie. Die Tage reihten sich aneinander wie blaue Plastikperlen an einer langen Kette. Gleichförmig, wertlos, unbedeutend. Und irgendwann war die letzte Perle aufgefädelt, die Schnur zu Ende. Dieser Moment war das einzige Ereignis, das noch auf sie wartete.
„Vom Flohmarkt“, sagte die Pfanne in der Küche.
Die alte Frau blickte auf. „Wie? Ah ja! Stimmt…“, nuschelte sie zahnlos. Früher mit Ede war sie oft auf dem Flohmarkt gewesen. Auf Schnäppchenjagd und meist traf man jemanden, den man kannte. Diese Zeiten waren lang vorbei.
„Ich habe einem alten Mann gehört, der irgendwann beschlossen hatte, alles zu verkaufen, was ihn im Leben störte.“ Die Pfanne machte eine Pause. „Vor allem mich.“
Die alte Frau kniete sich ächzend ans Bett und betete ihr Nachtgebet. Dabei hatte sie beständig das Gefühl, die Pfanne wollte noch etwas loswerden. Also setzte sie nach dem „Amen“ ihre Zähne wieder ein und ging zurück in die Küche. „Vor allem dich?“, fragte sie die Pfanne.
„Ich habe ihn genervt.“
Die alte Frau lachte. „Gute Nacht“, sagte sie.
„Gute Nacht.“

Sie rührte sich Marmelade in den Quark. Das war ihr Frühstück seit über fünfzig Jahren. „Du hast gestern tatsächlich mit deiner Pfanne gesprochen!“ Sie schüttelte sich. „Du wirst langsam dumm im Kopf!“
„Das hat er auch gedacht! Aber es lag nicht an ihm und es liegt nicht an dir. Ich rede eben zu viel für eine Pfanne.“
„Wie lange bist du hier? Fünfzehn Jahre?“, fragte die Frau.
„Könnte hinkommen. Ich kann den Kalender nicht sehen.“
„Da hast du aber fünfzehn Jahre lang nicht viel geredet.“ „Ich habe mir Mühe gegeben, aber man vereinsamt doch, wenn man nie spricht.“
„Das ist wahr.“
„Wirst du mich auch weggeben, jetzt, wo du es weißt?“
Die Frau schob sich einen Löffel Quark in den Mund und zerdrückte die Masse mit ihrer Zunge. „Ich denke nicht. Ich denke, es ist ein Glücksfall, dass ich dich habe.“ Den Rest des Tages schwiegen sie.

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück nahm die alte Frau den Telefonhörer in die Hand und wählte die Nummer ihrer Ärztin. „Guten Tag, hier ist Frau Odenklopp.“
„Ah, Frau Odenklopp, was können wir für Sie tun?“
Die Worte hatten sich ordentlich in ihrem Mund aufgereiht, weigerten sich aber schließlich doch, über die Lippen zu marschieren. Was hätte es auch gebracht? Zu retten war ja doch nichts mehr. „Entschuldigung. Es ist doch nichts“, sagte sie und legte auf. „Pfanne?“, rief sie. Sie horchte nach einer Antwort. „Pfanne! Bist du noch da?“ Hektisch lief sie in die Küche und sah auf den leblosen Gegenstand. Ihr Kinn zitterte. „Was tust du da?“, fragte sie sich selbst. „Du bist verrückt geworden.“ Und doch fragte sie noch einmal, gegen ihren Willen, leise: „Pfanne?“
„Hm?“, die Pfanne klang verschlafen.
„Du bist da!“
„Ja, ich bin da. Siehst du doch. Darf ich dich um etwas bitten?“
Die alte Frau setzte sich an den Tisch und atmete tief durch. Dann zwang sie sich zu einer Antwort: „Ja?“
„Könntest du mich bitte nicht Pfanne nennen? Ich heiße Toni.“
„Toni?“
„Ja. Und wie soll ich dich nennen?“
„Gretel“, sagte Gretel. „Nenn mich Gretel.“
Toni macht ein Geräusch, als würde sie gähnen. „Gretel“, sagte sie, „ich hatte heute einen Albtraum. Ich habe geträumt, ich steckte ganz allein in einer uferlosen Schublade fest und käme nicht raus.“
Gretel setzte sich an den Küchentisch. „Hast du so etwas schon mal erlebt, Toni?“
„Ja, so ähnlich.“
„Erzähl mir davon“, sagte Gretel und lächelte. Wichtig ist nicht, worüber man redet, dachte Gretel, sondern dass man einander zuhören kann.

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