Früher war es besser

„Früher war alles besser“, sagt meine Mutter manchmal und meint, dass sie Recht hat.

Ich nicke dann immer und versuche mich daran zu erinnern, was früher besser war.

Vielleicht waren die Wolken besser, die draußen am Fenster vorbeizogen, während ich über einer langweiligen Schulaufgabe saß und im Himmel mitschwimmen wollte: Von den schwarz-weißen Schemen auf einem schlecht kopierten Arbeitsblatt hinaus zum fluffigen Streichelzoo im strahlenden Blau.

Nach der Schule habe ich auf Wiesen gelegen und den Tag verloren, mich in den Himmel gedacht. Ein Engel aus Stein vor der bewachsenen Mauer im Hinterhof der Kirche schob sich zwischen die vorbeiziehenden Tiere aus Fantasie und Wolken. Er breitete die Arme aus und wurde zum lebendigen Herrscher über die Leichtigkeit, das Schweben und der Hirte aller Schweine mit Flügeln.

Wenn ich meine Mutter frage, was früher alles besser war, sagt sie:

„Früher waren wir freier.“

Ich glaube nicht, dass sie die Wolken damit meint. Genauer erklären, kann sie es mir aber auch nicht. 

Trotzdem bin ich neulich in den Hinterhof der Kirche spaziert. Es roch nach Erde und Weihrauch, ein bisschen so wie früher. Vorsichtig habe ich mich in die Grashalme vor dem Engel aus Stein gelegt. Zuerst störten mich die Kiesel, dann ist mir aufgefallen, dass der Boden feucht ist. Ich habe konzentriert darauf gewartet, dass die Schweine fliegen, aber nur Wolken gesehen. Große, kleine, dichte und milchige. Das Lachen im Engelsgesicht wurde immer hämischer. Nach einiger Zeit bin ich aufgestanden und habe mich auf den Weg gemacht. Habe mir gedacht, dass es früher wirklich besser war.  Vielleicht braucht man nur genug Fantasie, um sich wieder frei zu fühlen?

Ich bin in die Apotheke gegangen und habe gefragt, ob man Fantasie in Kapseln kaufen kann. Kozentration, Gedächtnis, Stimmungsschwankungen – all das sei gut zu behandeln, erklärt mir die Dame im weißen Kittel. „Ist Fantasiemangel denn nicht furchtbar ungesund?“, frage ich, aber bekomme nur einen verständnislosen Blick als Antwort.

Auf dem Heimweg gehe ich nochmal am Hinterhof der Kirche vorbei. Der Engel grinst mich von weitem an. „Früher war es besser“, seufze ich und nehme mir fest vor, eine Kapsel zu erfinden, die wieder frei macht. Die mich wieder durch die Augen eines Kindes sehen lässt. Wer weiß? Vielleicht hilft sie Allen, die sagen, dass früher alles besser war.

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