Zwischen den Zeilen

Ich bin mir sicher: Seit dem ersten geschriebenen Wort meines Schriftstellerdaseins teile ich das Zimmer mit einem Plagegeist. Er macht sich ungefragt an meinem Eigentum zu schaffen. Nimmt, frisst, verdaut und spuckt es wieder aus. Die Reste seiner nächtlichen Exzesse finde ich am Morgen unkommentiert vor. Das dramatische an unserer stillen Beiwohnerschaft ist, dass er sich nie bei mir vorgestellt hat. Ob er hinter der Spüle wohnt, oder im Wäschekorb?

Als ich an diesem Morgen aufwache und die Seiten von gestern Nacht durchsehe, merke ich sofort, dass er es schon wieder getan hat: Mein Ausdruck – gestern noch so treffend, als wäre er von einer Diamantfeile geschliffen – ist unpräzise schwabbelnd wie eine Qualle in Aspik geworden. Wüstes Chaos ist in der Handlung ausgebrochen: Verschachtelte Sätze und verwaschene Formulierungen machen mir selbst unverständlich, was ich gestern noch zu Papier gebracht habe. ‚So werden meine Mühen immer aufs Neue zunichte gemacht‘, diagnostiziere ich und stelle mir vor, wie sich mein unerwünschter Gast auch diese Nacht frisch gesetzte Zeilen in den Rachen schiebt. ‚Heute überliste ich ihn‘, sage ich mir, haue mit der Faust aufs Papier und nehme mir vor bis zum Morgengrauen wach zu bleiben. Dann lege ich mich sicherheitshalber noch eine Weile hin.

Endlich kann der Kampf beginnen: Es ist kurz vor Mitternacht, auf meinem Schreibtisch aus Eichenholz liegt der Papierstapel im Mondlicht. Entschlossen baue ich meine Ausrüstung auf: Zwei Kannen Kaffee, Schokoladenkekse und eine helle Leuchte, die ich mir direkt vors Gesicht halten kann, wenn mich die Müdigkeit übermannt. Entschlossen schreibe ich drauf los. So beginnt das Warten auf den Unhold und die Stunden vergehen. Jede halbe gönne ich mir einen Keks, pünktlich zu jeder vollen fülle ich meine Tasse wieder auf. Die Lampe strahlt mir ins Gesicht. Ich arbeite an einem historischen Roman, und behaupte ich hätte ein altes Manuskript gefunden, welches ich nun übersetzen würde. Die Arbeit treibt mich voran. Mir ist aufgefallen, dass ihm besonders lange Sätze schmecken: Meine Taktik ist, ihn stolpern zu lassen und ihm mit gigantischen Gefügen das Genick zu brechen. Irgendwann muss auch er den Hals voll haben. Irgendwann muss auch er satt sein.

„Als der König endlich an der Pforte stand, war es schon zu spät, denn man hatte das Gut, auf dem er seine Familie versteckte, niedergebrannt und auch seine Verkleidung war aufgeflogen, wie ihm der Harlekinskopf zeigte, der auf dem Zaun aufgespießt war: Blass und blutverschmiert starrten ihn seine leeren Augenhöhlen an – und das alles nur, weil Kyrre kein Kämpfer war…“

So mache ich weiter und weiter – bis meine Augen zufallen. Vor den geschlossenen Lidern streift der Tunichtgut umher. Er wird erst auftauchen, wenn ich mein Bewusstsein der Traumwelt übergebe. Und das wird früher oder später passieren, ob ich es nun hinauszögere oder nicht.  Was für eine unsinnige Idee, mich so zu strapazieren. Ich seufze und zwinge mich nochmal, die Augen zu öffnen, um die letzten Worte festzuhalten.

„…so trafen sich Fuchs und Jäger jeden Abend, um sich zu den täglichen Spielen zu beglückwünschen, wohlwissend, dass sie ihre Rollen am nächsten Tag tauschen würden…“

Schlaftrunken setze ich den Füller unter dem letzten Absatz an:

„Falls dir das schmeckt, elender Quälgeist, dann sei wenigstens so freundlich und hinterlass mir einen Gruß, deine Adresse und einen Namen, damit ich weiß, an wen meine Genialität verloren geht!“

 

Dann räume ich mein Lager auf. Gerade noch schaffe ich es, die Zähne zu putzen, ohne dabei in den Spiegel zu kippen. Bevor ich in mein Bett steige, muss ich noch den Strahler ausmachen. Ich trete an meinen Arbeitsplatz, hebe die Hand zum Schalter, sehe kurz auf das Manuskript – als sie in der Luft einfriert. In einer krakligen, fleckigen Schrift steht da:

„Es schmeckt. Danke. Ich wohne zwischen den Zeilen.“

Ich reibe mir die Augen. Träume ich? Dann vergewissere ich mich aufs Neue. Drehe mich sogar um, bleibe zehn Sekunden mit dem Rücken zum Schreibtisch stehen und sehe wieder hin. Es gibt ihn wirklich! Schon habe ich den Stift gezückt und schreibe:

„Und der Name?“

Noch bevor ich den Satz beende, breiten sich unter meiner Hand neue Flecken aus, die sich langsam zu Gekrakel zusammensetzen.

„Nenn mich wie du willst. Worte sind zum Lügen erfunden worden. Das Wesentliche könnt ihr Menschen euch über Körpersprache sagen.“

Verwirrt halte ich inne. ‚So ein Schlitzohr‘, denke ich, aber bin doch hin und her gerissen. Und wenn er recht hat?

„Also hältst du mich für einen Lügner?“, schreibe ich.

„Ja“, taucht auf dem Papier auf. Und dann: „Ich bin doch kein Quälgeist. Das war wirklich beleidigend.“

Verärgern will ich ihn natürlich auf keinen Fall, den philosophierenden Lump. Wer weiß, was sonst Morgen auf mich wartet.

„Entschuldigung. Dann nenn’ ich dich Metamännchen“, kritzle ich schnell hin. Schon bilden sich neue Buchstaben unter meiner Hand.
„Einverstanden. Von mir, zu dir, dazwischen.“

Ich mache das Licht aus. Während der Mond weiter auf das Papier scheint, klettere ich zufrieden in mein Bett. ‚Irgendwann werde ich mich mit ihm anfreunden. ‚Mit einem Ding, das einen Namen hat, kann man wenigstens verhandeln’, denke ich und schlafe endlich ein.

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