Leer, Teil 2: Sieh!

Teil 2: Sieh!

von Martin Trappen

Tony stand eine Weile verwirrt auf dem Bahnsteig. Unter all den Anzügen konnte er den Fremden nicht erkennen. Ein Blick auf die Uhr machte ihm klar, dass er laufen musste. Er rannte im Slalom die Rolltreppe hinunter; die Gesichter huschten so schnell an ihm vorbei, dass er nicht merkte, wie leer sie waren. Vor dem Bahnhof wartete schon der einzige Bus, der ihn noch rechtzeitig ins Büro schaffen konnte. Mit Seitenstechen hetzte er zur Bustüre; dort stieß er gegen den Mann am Ende der Schlange. Der drehte sich nur kurz um, und statt einer Mittwoch-Morgen-Tirade erwartete ihn gähnende Leere, wo ein Gesicht sein sollte. Es war so deutlich, so real, dass Tony seiner Fantasie diesmal keine Schuld geben konnte. Als er zu sich kam, hatten sich die Bustüren geschlossen und sein Rucksack eingeklemmt. Wütend und zeternd lief Tony hinterher. Keine Chance. Er musste zu Fuß gehen.

Hatte er wirklich gesehen, was er gesehen hatte? In der Fußgängerzone betrachtete Tony die Menschen, die ihm entgegenkamen. Nahezu ohne Ausnahme blickten alle permanent auf ihre Handy-Bildschirme. Dass nicht öfter jemand gegen eine Laterne lief, wunderte Tony. Hier und da erschienen die Gesichter leer und verwaschen; nur kurz, sodass Tony seinen Augen nicht traute. „Hier stimmt etwas nicht“, murmelte er leise vor sich her. „Hier stimmt etwas ganz und gar nicht.“

Er war so in Gedanken vertieft, dass er vor dem Bürogebäude mit einem Arbeitskollegen zusammenstieß. Vier Becher Kaffee landeten auf dem Boden.

„Mensch, pass doch auf!“, schrie Gerd!

„Gerd! Verdammt, das tut mir leid, ich–“, stammelte Tony.

„Ja, du! Kommst erst zu spät und dann machst du mir noch mehr Arbeit!“

„Ich geh neuen Kaffee holen.“

„Nein, ich mach das“, sagte Gerd. „Der Chef ist noch nicht da, also ab mit dir nach oben.“

„Danke, Gerd. Auf dich ist immer Verlass.“

„Eins noch“, rief Gerd, „das hier geht auf deine Rechnung.“

Tony nahm einen Schluck von seinem Milchkaffee. Der Morgen im Callcenter war ruhig verlaufen. Die Leute wählten die Hotline meistens wegen irgendwelcher Zipperlein, die er mit wenigen Klicks – oder auch gutem Zureden – aus der Welt schaffen konnte. Tony hatte sich diesen Job ausgesucht, weil er so nicht direkt mit irgendjemanden zu tun hatte. Vor allem befand er sich hier auf seinem Spezialgebiet. Wenn er sich mit einer Sache auskannte, dann mit Computern. Es klingelte. „Hallo, willkommen beim Support, was kann ich für Sie tun?“

„Ja, hallo, ich habe hier ein Problem mit meinem Rechner“, sagte eine raue Stimme durch das Telefon.

„Wie genau sieht das denn aus?“, fragte Tony.

„Der PC läuft immer langsamer. Dabei ist der noch gar nicht so alt.“

„Um welches Betriebssystem handelt es sich denn?“

„Windows 10. Ich war mit dem Siebener zufrieden, aber dann meinte mein Sohn, ich soll das hier installieren“, beschwerte sich der Anrufer, den Tony als 60-plus einschätzte.

„Das ist generell ein guter Rat. Je neuer das System, desto stabiler und sicherer ist es“, erklärte Tony.

„Bei mir ist seitdem alles schlechter.“

„Haben Sie schon alle neusten Updates installiert? Ist Ihr Sohn da, um Ihnen dabei zu helfen?“

„Der kommt nur einmal im Monat, wenn es hochkommt“, sagte der Mann.

„Also gut.“ Tony führte den Anrufer Klick für Klick langsam durch den Vorgang, die Windows-Updates zu starten. Nach mehreren Anläufen war der Download aktiv, würde aber gute zwei Stunden in Angriff nehmen. „Dann lassen Sie das alles in Ruhe laufen und schauen dann, ob es besser wird“, empfahl Tony.

„In Ordnung. Ich sag Ihnen, dieses System macht mich noch fertig. “

Die Stimme des Anrufers stotterte und zog sich in die Länge, wie eine Schallplatte, die hängen blieb. Die Welt um Tony löste sich auf, zersetzte sich fetzenweise. Alle Geräusche klangen dumpf und unwirklich. „Das System kriegt einen dran.“ Unter all dem Knistern, all dem Rauschen, verbarg sich etwas Vertrautes. „Es hält alle Fäden in der Hand. Natürlich kann man sich damit abfinden. Aber sobald Sie von ihm abhängig sind – und das ist nur eine Frage der Zeit – dann sind Sie ein Sklave. Sie machen nicht mehr das, was Sie wollen, sondern das, was das System will. Verstehen Sie den Unterschied?“

Tony war versteinert. Der Anrufer hatte seine Gedanken aus der letzten Zeit wiedergegeben. Es war so surreal, dass er hoffte, heute Morgen nicht aufgestanden zu sein. Er musste immer noch träumen, das war die einzige logische Erklärung. Der Schweiß stand ihm kalt auf der Stirn, als ihn die Realität mit einem Paukenschlag einholte.

„Lombardo! Was zum Teufel veranstalten Sie denn hier?“

Tonys Chef, Herr Schneider, stand vor ihm, mit knallrotem Kopf. Schneider riss ihm dem Hörer aus der Hand.

„Starren Sie hier Löcher in die Luft? Da ist ja niemand dran! Tun Sie nur so, als würden Sie arbeiten?“ Die Ader auf Schneiders Stirn pochte. Sporadisch zerrten unbekannte Kräfte nun auch an seinem Gesicht, die Stimme des Chefs klang, als käme sie aus einem alten, rauschenden Radio. „Sie sind eine faule Sau, Lombardo! Glauben Sie ja nicht, ich hätte nicht bemerkt, dass Sie heute wieder zu spät dran waren. Was schwitzen Sie denn so? Machen Sie Ihre Arbeit anständig, sonst können Sie noch vor der Mittagspause Ihren Schreibtisch räumen!“

Der Chef knallte den Hörer auf den Apparat. Die Leute um ihn wandten sich wieder ihrer eigenen Arbeit zu. Doch alle Gesichter waren nun leer, verwaschen, seelenlos. Tony kannte kaum einen seiner Mitarbeiter, doch nun sahen sie alle aus, als wären sie aus einem impressionistischen Gemälde entstiegen. Ein ständiges Rauschen drängte sich in Tonys Bewusstsein, ein Rauschen, als wäre ein Filter über Alles und jeden gelegt. Was stimmte nicht mit ihm?

Ein Klingeln riss ihn abrupt aus seinen Gedanken. Dieses hörte er so klar und deutlich, dass es durch den dumpfen Geräuschteppich schnitt wie ein Skalpell.

„Hallo?“, fragte Tony.

„So begrüßt man aber nicht die Kunden beim Kundenservice.“ Er hatte keine Mühe, die Stimme zu erkennen.

„Sie sind das. Der Mann aus dem Zug.“

„Ganz recht, Herr Lombardo, und ich frage mich, wie der Rest Ihres Morgens verlaufen ist? Irgendetwas Ungewöhnliches?“ Der Ton des Fremden ließ keinen Zweifel daran, dass dieser genau wusste, was ihm widerfahren war.

„Halten Sie mich nicht zum Narren. Sie wissen es bereits.“

„Sie klingen aber sehr überzeugt“, meinte der Fremde.

„Wen meinen Sie mit ‚wir‘?“

„Ich werde alle Ihre Fragen beantworten, zur rechten Zeit. Im Moment lautet die einzige wichtige Frage: Sind Sie bereit, sich der Wahrheit zu stellen, oder möchten Sie lieber alles vergessen und wieder in Ihre heile Welt zurückkehren?“ Tony überlegte. Trotz seiner Angst war ihm bewusst, dass er unmöglich ignorieren konnte, was er heute gesehen hatte. Neugierde und Furcht kämpften in seinem Inneren, bis sich einer als Sieger behauptete.

„Ich kann nicht mehr zurück“, sagt Tony.

„Also gut. Schritt eins: Sie müssen Sie dort raus.“ Der Fremde pausierte kutz. „Aber damit übertreten Sie die Linie des Spielfelds. Sie setzen eine Kette von Ereignissen in Bewegung, die sich nicht mehr stoppen lässt. Sie können auch sitzenbleiben und Ihre Arbeit machen. Der Betriebsarzt wird Ihnen heute noch ein Medikament verschreiben. Wenn Sie das nehmen, werden Sie sich sofort beruhigen und am nächsten Morgen aufwachen, als wäre nichts geschehen.“

„Das will ich nicht.“ Tonys Kehle schnürte sich immer mehr zu. „Ich muss hier weg“, flüsterte er in den Hörer.“

„Verlassen Sie Ihren Arbeitsplatz unauffällig. Sie müssen nur mal kurz auf die Toilette. Nehmen Sie das Treppenhaus, nicht den Aufzug, ins Erdgeschoss. Dann raus aus dem Haupteingang und gehen Sie zum Waschsalon zwei Blocks weiter.“

„Ein Waschsalon?“, fragte Tony verdattert.

„Vertrauen Sie mir.“ Der Fremde legte auf. Tony schluckte schwer und stand so unauffällig auf, wie er konnte. Er machte einen Bogen um Schneiders Büro – die Blenden waren zum Glück geschlossen – und hielt auf die Tür der Herrentoilette zu; kurz vorher bog er jedoch ins Treppenhaus ab. Sein Herz sprang ihn beinahe aus der Brust, als ihn jemand am Arm festhielt. „Mann, bist du wahnsinnig? Du kannst doch jetzt nicht abhauen.“ Es war Gerd. „Mann, du siehst nicht gut aus.“

„Ich muss kurz raus, Gerd. Frische Luft, ein bisschen Bewegung, weißt du?“

„Nagut, aber beeil dich. Wenn der Chef nach dir fragt, deck ich dich, so gut es geht, aber ich riskiere nicht meinen Arsch für dich, Tony!“

„Danke, Gerd. Danke, Mann!“ Tony drehte sich um und verschwand im Treppenhaus. So schnell es ihm seine mittelmäßige Kondition erlaubte, lief er die Treppenstufen hinunter. Im dritten Stock hörte er Schreie von oben. Sie wollten ihn aufhalten. Vor der Türe brauchte er Sauerstoff; doch er zog lediglich stickige Luft in seine Lungen. Wie war das nur möglich?

Das Geschrei wurde lauter. Tony orientierte sich kurz, machte die Richtung aus, in der der Waschsalon lag, und lief los. Er sprintete durch die gesichtslosen Menschenmassen und erhaschte ab und zu einen Blick nach hinten. Seine Verfolger wurden immer zahlreicher. Als er Polizeisirenen hörte, hatte er nicht den geringsten Zweifel daran, dass sie für ihn bestimmt waren.

Tony schlitterte um die letzte Ecke und sah sein Ziel vor sich. Er hatte die Tür fast erreicht, als ihn eine Wucht von rechts traf und von den Füßen holte. Der Mann hatte kein Gesicht, trug aber eine Polizei-Uniform. Mit einem eisernen Griff drückte dieser Tony zu Boden; er war machtlos. Der Polizist drehte ihn auf den Bauch und legte ihm Handschellen an. Sein Puls hatte sich beruhigt, als sie ihn in den Streifenwagen setzten. Es blieb kein Zweifel: Er hatte endgültig den Verstand verloren.

… Fortsetzung folgt

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