Verschlossen

von Martin Trappen

Wir saßen gemeinsam auf der Hackerbrücke, dein rechtes und mein linkes Bein aneinandergeschmiegt. Es war ein heißer Sommerabend, unsere Kleidung klebte vom Schweiß des Tages an uns. Eine leichte Brise verschaffte uns Abkühlung. Die Sonne war gerade untergegangen. Unter uns brauste ein ICE durch die Haltestelle. Du sahst nach unten, ich hatte nur Augen für dich. Ich betrachtete die Strähnen deiner Haare im Wind, sie hypnotisierten mich. Du hast meinen Blick erwidert. Wer verloren uns ineinander. Waren es Minuten? Waren es Stunden? Ich wusste es nicht, und es war mir egal. Ich wusste nur, dass ich nicht wollte, dass es jemals aufhört.

Worte? Worte brauchten wir nicht. Darum bin ich all die Jahre mit dir glücklich gewesen. Ich hatte nie das Gefühl, etwas sagen zu müssen, damit du mich verstehst. Wir wussten einfach, was der andere dachte. Das war neu für mich. Immer kroch der Neid in mir hoch, wenn mir jemand von einem besonderen Menschen in seinem Leben erzählte. Ich hatte es nach außen hin abgewiegelt. „Pah, wer braucht schon dieses eklig-romantische Zeug?“ Aber in Wahrheit wünschte ich mir, dass ich auch so empfinden könnte. Nur sagte ich das nie.

Worte waren eben nie meine Stärke. Doch dann kamst du. Es war hier auf dieser Brücke, die schon lange ein Symbol meiner Einsamkeit war. Ich sah den glücklichen Menschen und verliebten Paaren zu und wünschte mir, ich hätte auch jemanden an meiner Seite. Ich ging nur wieder und wieder über die Brücke, hin und her. Alle, die öfter an der Brücke saßen, hatten mich sicher längst für verrückt gehalten, oder im schlimmsten Fall für einen Stalker. Doch dann traf ich dich.

Du standest am anderen Ende der Brücke. Ich denke, es war die Ruhe, die du ausstrahltest, die mich zu dir hinzog. Ich war stets ruhelos, unfähig, mit meinem Leben oder mir selbst zufrieden zu sein. Und da warst du, und ich brauchte kein Wort von dir zu hören, um zu wissen, dass du so ausgeglichen warst, wie ich es immer sein wollte.

Neid. Am Ende war es doch nur der Neid.

Auch der erste Kontakt war leicht, geradezu mühelos. Ich weiß, das wäre vielen merkwürdig vorgekommen. Was ist denn so mühselig daran, neue Menschen kennenzulernen? Aber es waren immer diese ersten Worte eines Gesprächs, einer Bekanntschaft, die mich daran hinderten, neue Beziehungen zu knüpfen. Bei dir war das so einfach. Ich stellte mich neben dich. Du lächeltest mich an, ich lächelte zurück. Wir standen noch lange so da und ich spürte, dass wir beide nirgends lieber wären. Als unsere Beine zu müde waren, setzten wir uns hin und wir blieben dort, bis uns kalt wurde. Du hast mich umarmt und bist nach Hause gegangen. Eine solche Zuneigung hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht gespürt. Den ganzen Tag danach wühlte sich eine Angst durch meine Eingeweide, die ich noch nie gekannt hatte. Die Angst, dass dies ein einmaliges Treffen bleiben würde.

Zum Glück warst du auch am folgenden Abend da. Ich war so erleichtert, dass ich dich umarmen musste. Zu meiner Freude erwidertest du diese Umarmung. Es folgten noch zahlreiche solche Abende. Solche Wochen. Solche Monate. Solche Jahre. Doch es sollte nicht von Dauer sein. Ich brauchte dich. Du brauchtest mich nicht. Man braucht eben doch manchmal Worte, um die wichtigen Dinge zu sagen.

Ich sitze wieder auf der Brücke, wieder alleine, und schaue auf meine baumelnden Beine, damit ich die glücklichen Paare um mich herum nicht ansehen muss. Ich sitze hier und denke daran, wie schön es wäre, dich noch einmal bei mir zu haben. Da höre ich plötzlich eine Stimme hinter mir. „Mann war das heiß heute, ich schwitze immer noch. Was dagegen, wenn ich mich zu dir setze?“

 

Bei der vergangen Lesung im Café Blá haben unsere Zuschauer für uns ihre Sehnsüchte aufgeschrieben. Diese haben wir dann untereinander ausgelost, um einen kurzen Text dazu zu verfassen. Ich habe „Sehnsucht nach einem romantischen Treffen auf der Hackerbrücke in München, das bis zum frühen Morgen andauert“ gezogen.

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