von Annika Kemmeter
Ich erkenne in den Wolkenformationen einen Engel. Ein Augenschlag und er verfliegt, verwischt, verschwindet. Ich habe ihn dir nicht zeigen können. Ist er überhaupt da gewesen?
Stille trotz Radio. Einmal sage ich zaghaft deinen Namen. Der Hall huscht in die Sofakissen, schmiegt sich in den Teppich, kriecht unter die Tapete. Ein Hall hinterlässt keine Zeichen. Ohne dich – habe ich da überhaupt eine Stimme?
Ich wickle mich in Daunen und Wolle, ein Frösteln ohne Frost. Der Winter lässt sich nicht mehr haschen. Wie ich. Wir beide vereint im Nichtsein. Er macht sich keine Mühe, vor meine Tür zu treten. Ohne ihn beginne ich zu schwitzen, aber zu leicht, um Flecken zu hinterlassen.
Den Weg durch den Wald endet am Friedhofstor. Schwarze Mäntel schleichen zwischen den Steinen. Ich trage schwarz, aber keine Trauer. Mich bewegt nichts. Ohne dich fehlt es an Kontur. Niemand spiegelt meine Gedanken. Ich bin unsichtbare Materie im unsichtbaren Raum.
Ich stelle die Witwe scharf, als ihre Hemmungen fallen. Lautes Weinen und stützende Arme. Sie fühlt, sie lebt ein letztes Mal. Ihr Mann sinkt hinab. Blüten fallen und Erde und begraben ihre Gespräche, Erfahrungen, Erinnerungen. Die Sicherheit gelebt zu haben. Und was soll noch kommen? Der Schnitt ist tief, sogar ich spüre ihn aus der Ferne. Wohliges Leid weht durch die Kühle herüber. Frischer Schmerz von höchster Qualität.
Am Abend kommst du nach Hause. „Wie war dein Tag?“, fragst du. Was ich erzähle, wird wahr. Ich entscheide mich für ein Lächeln. Es stirbt der Engel, es stirbt das Wort, es stirbt der Tod. Wer geht zuerst? Du oder ich? Und wenn du es bist, wie lebendig werde ich mich fühlen, für diesen einen Tag?


Hinterlasse eine Antwort zu gerlintpetrazamonesh Antwort abbrechen