Ein gewogenes Leben

von Ina Nádasdy

Julian hörte einfach auf zu essen. Er erinnerte sich noch genau an den Tag. Es war ein sonniger Dienstag. Ana war bei ihm gewesen. Sie hatte ihm gesagt, was er tun soll. Dass er jetzt das Stück Pizza wegwerfen solle. Aber so, dass es niemand sieht. Damals war er erst sechzehn gewesen. Von da an tat er, was immer sie auch von ihm verlangte.

Heute – zwölf Jahre später – stand er vorm Spiegel und erinnerte sich an die Anfänge ihrer Freundschaft. Dann betrachtet er sich. Noch hatte er volle Lippen, volles Haar. Große, klare Augen. Hohe Wangenknochen. Weiches Gesicht mit zarter Haut. Aber immer noch zu dick.

„Heute gibt’s kein Essen, Süßer!“, hörte er ihre Stimme säuseln, woraufhin er sein Gesicht verzog.

„Ich meine es gut mit dir, Julian. Hältst du mich für den Feind?“

Nein, natürlich nicht. Also nicht essen. Das wäre dann der dritte Tag in Folge.

Wenn er früh zu Bett ginge, könnte er den Hunger aushalten. Und die Kälte. An die hatte er sich immer noch nicht gewöhnt.

„Ich kenne die Kälte gut“, raunte sie ihm zu. „Du musst dich bewegen. Das lenkt ab und wärmt.“

Er war zu müde, um zu tun, was sie verlangte. Aber den zornigen Blick von Ana würde er nicht ertragen, wenn er es nicht tat. Sie meinte es ja gut.

Julian sah wieder in den Spiegel. Er zeigte ihn so dünn, aber das war Julian gar nicht. Er musste jetzt stark bleiben, er brauchte kein Essen. Er war anders als diese gewöhnlichen Menschen.

* * *

„Du bist dünn geworden“, stellte seine Mutter Magda fest.

„Dir auch einen schönen Tag“, grüßte Julian zurück.

Sie spähte ins Schlafzimmer. „Das Bett ist nicht gemacht.“ Sie sah ins Bad. „Deine Kleidung liegt auf dem Boden.“ Sie betrat das Wohnzimmer und wischte mit dem Finger über den Türrahmen. „Staubig.“ In die Küche war sie noch nie gegangen. Selbst in ihrem eigenen Haus war sie in ihrer Küche ein seltener Gast.

„Wie läuft dein Studium?“, erkundigte sie sich beiläufig.

„’s in Ordnung.“

„Das ist nicht gut genug.“

„Warum bist du hergekommen?“, murmelte Julian mehr zu sich als zu seiner Mutter.

„Ich bin hergekommen, weil du mein Sohn bist.“

Julian nickte.

„Ich muss wieder los. Bis bald. Ich liebe dich“, verabschiedete Magda sich und verschwand so schnell wie sie gekommen war.

Er trat in die Dusche, setzte sich auf den kühlen Boden, drehte das Wasser auf. Dass seine Kleider nass wurden, war ihm egal. Und er lächelte, als er seinen Kopf seitlich gegen die Fließen schlug. Erst zaghaft, dann immer fester. Die Kopfschmerzen überdeckten den inneren Schmerz. Er spürte noch das warme Blut an sich herunterrinnen, ehe sich eine zärtliche Dunkelheit um ihn legte. Ein warmes Gefühl, ein Gefühl, endlich zuhause zu sein. Keine Zweifel, keine Vorwürfe, keine Regeln mehr. Ein leichtes Gefühl von Loslassen. Endlich gehen. Nach Hause kommen.

* * *

Irgendwann wachte er mit heftigen Kopfschmerzen auf. Er hatte ihre Stimme gehört. Sie hatte seinen Namen geflüstert.

„Julian“, hatte Ana gesagt, „lass mich nicht allein.“ Immer wieder hatte er es gehört.

„Julian, du musst aufwachen.“

Das Wasser prasselte immer noch auf ihn herab, mittlerweile aber war es kalt. Er hatte es also schon wieder nicht geschafft.

„Julian, du musst aufstehen.“

Und mühsam rappelte er sich auf. Erst in einen aufrechten Sitz und kam dann langsam zum Stehen.

„Julian, du musst dich umziehen.“

Und er entledigte sich der nassen Kleider. Er säuberte die Wunde und schluckte zwei Tabletten gegen das Dröhnen in seinen Kopf. Zu seinem Glück verdeckten die langen Haare den Beweis seines Versagens. Niemand würde danach fragen.

Er zog sich an und verließ die Wohnung. Frische Luft und Bewegung würden gut tun, hatte Ana gesagt. Er zog seine Strickjacke enger um sich und kämpfte gegen den Wind an. In der Ferne sah er drei Joggerinnen durch den anliegenden Park laufen. Eve lief auch gerne. Eine Joggerin hatte Ähnlichkeit mit ihr. Wäre es nicht schön, wenn sie es wäre?

Sie käme zu ihm und er nähme sie mit nach Hause. Dann lägen sie im Bett und sein Blick ginge über ihren Mund, ihren Hals bis hin zu ihrer sich hebenden und senkenden Brust. Und dann würde er sie überall küssen, ehe er –

Da tippte ihm jemand auf die Schulter, und als er sich umblickte, sah er Eve und direkt in ihre Augen. Sie war tatsächlich die eine Joggerin. Eve lächelte ihn an und lief an seine Seite.

„Schon fertig mit deiner Runde?“, fragte er und fuhr sich durch seine Haare.

„Ja. Und jetzt bin ich hungrig. Begleitest du mich zum Bäcker?“, grinste sie ihn an und spielte mit einer Haarsträhne.

Julian zog seine Ärmel weiter hinunter und hielt sie in seinen Händen fest, hin und wieder zupfte er daran, manchmal massierte er seine Handgelenke, dann zog er die Ärmel wieder runter. „Äh… ich weiß nicht… Ich…“

Er hatte Anas Blick gespürt. Wie eine eifersüchtige Geliebte beobachtete sie die beiden. Ihre Augen funkelten wütend.

„Ach, komm schon!“, versuchte sie es nochmal. Wieder dieses Lächeln!

„Ich … Meine Freunde warten… Äh, die Uni…“, stotterte er ungeschickt und zeigte dabei auf seine Uhr.

„Eve, kommst du?“, rief eine ihrer Freundinnen. Beide schienen schon ungeduldig, und Julian war ihnen wohl auch nicht sympathisch, das wusste er.

„Ja!“, rief sie mürrisch zurück. An Julian gewandt sagte sie: „Ich muss los. Aber das nächste Mal kommst du mir nicht aus!“ Dann ergriff sie seine Hand und drückte sie. Eine Sekunde. Zwei. Drei. Vier. Fün-

Dann war sie weg. Wie konnte er sie gehen lassen? Er hätte mitgehen sollen! Aber bestimmt hatte sie es nur freundlich gemeint, er hätte sich nur aufgedrängt. Sie hätte ihn bestimmt nicht gerne dabei gehabt. Sie war nur nett. Eve und er – wie konnte er davon auch nur träumen?

Er schlug einen Weg in den Park ein, der zu einem ruhigeren Platz führte. Ana folgte ihm. Er suchte sich einen Baum, an dem er sich niederließ.

„Sie sieht dich nicht“, flüsterte sie. „Und du weißt, warum.“

Julian nickte. Ein so schönes Mädchen braucht einen, der genauso dünn ist wie sie und genau so gut aussieht.

„Sie wird dich nie so lieben wie ich. Das weißt du, oder?“, flüsterte sie.

Ja. Als er niemanden sehen konnte, schlug er schnell und ruckartig in seinen Bauch, steckte sich drei Finger tief in seinen Rachen und würgte. Bis alles aus ihm heraus kam.

Dieser Moment! Dieser Moment, in dem er spürte, wie sein Magen alles hergab. Hier gab es keine Kontrolle mehr. Dann war er erleichtert, leer, rein. Er schaute in den Spiegel und sah sein eingefallenes Gesicht. Und lächelte. Das Kotzen stand ihm. Es war sein persönliches Accessoire. Es brannte nur noch ein wenig im Hals.

Aber nicht dieses Mal. Immer wieder begann er von neuem zu würgen. Diesmal tat es wirklich weh. Am Boden sammelte sich eine schwarze Masse. Magensäure und Blut, keine gute Kombination.

„Ich hatte dich gewarnt. Kämpfe nicht gegen mich! Ich will dich nicht bestrafen müssen. Es tut mir genauso weh“, flüsterte Ana ihm ins Ohr.

Früher hörte er immer so viele Stimmen in seinem Kopf. Die seiner Mutter, die seiner Freunde, all die Stimmen aller Leute, die er kannte, die von Ana am lautesten. Aber keine sagte ihm, wer er wirklich war. Seine Stimme hörte er nicht.

Aber die Lektion saß. Kotzen ist der blutigste Tod.

Ich will das alles nicht mehr! Ich will dich nicht mehr! Er spürte die Tränen seine Wangen herunterlaufen.

„Du brauchst mich! Ich brauche dich! Lass mich nicht allein!“ Anas Jammern zerriss ihm das Herz.

Er hätte es so leicht haben können, und hatte es sich so schwer gemacht… Sie wollte nur einen Freund, einen für sich alleine, einen für immer. Mit ihr war er niemals alleine. Sie war immer da. Konnte er sie wirklich verlassen? Wie die anderen sie verlassen hatten? Wie all die anderen?

***


Erlaube mir, mich vorzustellen. Mein Name, oder wie ich von sogenannten Ärzten genannt werde, ist Anorexie. Mein vollständiger Name ist Anorexia nervosa, aber du kannst mich Ana nennen. Ich hoffe, wir werden gute Freunde. In nächster Zeit werde ich viel Zeit in dich investieren und ich erwarte das Gleiche von dir.

(aus Anas Brief)

Vermerk: Dieser Text ist bereits in einer anderen Fassung am 24.03.2017 auf dieser Website publiziert worden.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Lopadistory sagt:

    Harter Tobak aber es hat mich nicht losgelassen. Ich kann solche Abhängigkeiten nicht nachvollziehen, aber es gibt sie und das finde ich traurig.
    Liebe Grüße Lore

    Gefällt 1 Person

    1. inanádasdy sagt:

      Vielen Dank für das Kompliment. Es freut mich sehr, dass mein Text dich fesseln könnte. ☺️

      Ja, schwierige Sache mit diesen Abhängigkeiten. Aber sie helfen anfangs zu überleben …

      Liebe Grüße
      Ina

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