Unser Spanner

von Alexander Wachter

Ironischerweise lebte unser Spanner in der Blindenstraße. Zum Jahrestag hatten wir ihm einen Kuchen gebacken, irgendjemand besorgte noch eine Karte. Wir legten alles vor seine Tür, auf den cremefarbenen Türvorleger und gingen.

Unseren Spanner erblickte man selten unter Leuten. Bemerkte man ihn in Friedls Einkaufsladen, verschmolz er sogleich mit dem Regal, vor dem er stand oder flüchtete in den nächsten Gang, ehe man auf die Idee kommen konnte, ihn zu grüßen. An der Kasse vermied er Augenkontakt und bezahlte immer mit EC-Karte. Sah man ganz genau hin, bemerkte man Essensreste auf seinem Pullover sowie Schweißflecken unter seinen Achseln. „Ein ekelhafter Typ“, wurde hinter vorgehaltener Hand geflüstert. Niemand wusste, wie ordentlich seine Wohnung war, denn Besuch empfing er keinen und seine Gardinen waren immer weitestgehend zugezogen. Doch seine Fenster waren stets frisch geputzt und schlierenfrei. Sein Sichtfeld reichte von Günthers Gärtnerei auf der einen Seite bis zu Magdas Einzimmerwohnung auf der anderen. Das war auch gut so.

Vor nicht allzu langer Zeit zog Magda in die Blindenstraße. Sie hatte die Stelle an der Grundschule angenommen. Ihre offene Art wurde oft belächelt, ihr Engagement kleingehalten. „Jung und voller Tatendrang“, so wurde sie von vielen beschrieben. „Eingebildet und verwöhnt“, von manch anderen. Am besten hätte man sich selbst ein Bild von ihr gemacht, solange es noch ging, denn eines Tage verschwand Magda.

Schnell machten Gerüchte die Runde: „Sie ist entführt worden!“, „Sie hat sich irgendwo umgebracht und die Polizei sucht nach ihrem Leichnam!“, „Sie ist abgehauen, denn sie hat ja schließlich ihr Handy mitgenommen.“ Die Nachbarn hängten Fahndungsplakate auf, Inserate wurden in die Zeitung gestellt, Durchsagen für das Radio aufgenommen. Die Polizei verhörte Angehörige und Vertraute. Sie rekonstruierte Magdas letzte Tage, sprach mit Arbeitskollegen und Schülern, Eltern und Nachbarn, Familie und Freunden. Die Polizisten vergruben sich in den Akten, fanden sich jedoch stets in einer Sackgasse wieder: Keine Spur von Magda, kein Indiz für eine Gewalttat, kein Anhaltspunkt für ihren Verbleib. Denn trotz aller Fragerei, sah niemand so genau hin wie unser Spanner.

Mehrere Wochen waren seit Magdas Verschwinden vergangen, da stand plötzlich ein untersetzter junger Mann auf dem Polizeirevier. Unter seinem Arm ein Stapel Notizbücher. Er habe Informationen den Fall Magda betreffend, verkündete er. Die ermittelnden Polizisten führten ihn in den Verhörraum; dort horchten sie gespannt.

Der Mann schlug eines seiner Notizbücher auf, fuhr mit seinem Finger die Einträge entlang und sprach: „Magda unterhielt seit dem 17. September ein sexuelles Verhältnis mit Günther.“

„Günther? Der Günther, dem die Gärtnerei gehört?“

„Genau der.“ Er fuhr fort: „Sie trafen sich alle zwei Wochen, meistens montags, außer wenn Günther Magda eine weiße Rose mitgab, dann dienstags. Die Abende passten, da Günthers Frau Alice an diesen Abenden die Buchhaltung der Gärtnerei regelte.“

Die Polizisten wirkten verblüfft. Einer fragte: „Woher wissen Sie das? Hat Günther es Ihnen erzählt?“

„Nein“, sagte unser Spanner. „Magda schließt ihre Vorhänge sehr selten. Meistens nur Freitagnacht, wenn sie samstags ausschlafen möchte. Doch montags und dienstags klingelte Günther bei Magdas Wohnhaus und Magda schloss daraufhin jedes Mal ihre Vorhänge. Oft löschte sie das Licht ihrer Wohnung für circa 20 bis 30 Minuten. Erst nachdem es wieder eingeschaltet wurde, trat Günther kurze Zeit später zurück auf die Straße und lief nach Hause. Dort duschte er jedes Mal sofort.“

Er reichte den Polizisten sein Notizbuch. Darin befand sich eine minutiöse Dokumentation der Häuserseite gegenüber. Die Polizisten lasen, dass Frau Klug um 21:07 vor dem Fernseher eingeschlafen war und dass Paula, die Teenagertochter von Karl und Elfriede, anstatt zu lernen, in ihrem Zimmer am Handy hing und alle paar Minuten breit grinste.

Die Polizisten waren sprachlos, eine Polizistin wirkte angeekelt. „Wieso zeigen Sie uns das?“, fragte sie ihn. „Wollen Sie damit andeuten, dass Günther für Magdas Verschwinden verantwortlich ist? Oder haben Sie ihr etwas angetan?“

„Nein“, sagte unser Spanner. „Weder noch, aber Günthers Frau.“ Er blättert zu einer bestimmten Seite in einem seiner weiteren Notizbücher. „Alice und Magda waren ziemlich gut befreundet. Sie telefonierten mehrmals in der Woche. Sonntags brunchten sie in Karls Bäckerei.“ Er zeigte den Polizisten die entsprechenden Einträge. „Ich vermute, Magda litt unter ihrem schlechten Gewissen und entschied, reinen Tisch zu machen. Alice war nicht begeistert, als Magda ihr von der Affäre erzählte.“ Er blätterte zu dem Eintrag im Notizbuch.

Dort stand: „17:34: Alice ist wütend und schreit Magda an. Magda wirkt unterwürfig. Sie geht.“

Und: „17:36: Alice weint.“

Und: „18:43: Alice weint noch immer.“

Eine Polizistin schüttelte den Kopf. „Haben Sie denn irgendeinen Beweis? Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, aber es kann jeder irgendwelche Behauptungen in ein Buch schreiben. Deswegen entspricht es noch lange nicht der Wahrheit.“

„Gehen Sie in Gewächshaus B der Gärtnerei. Dort werden Sie Magdas Leiche finden. Sie liegt unter den Rosen begraben.“

„Sie haben den Mord gesehen?“, fragte ein aufgebrachter Polizist. „Warum haben Sie sich nicht eher gemel–„

„Nein, hab ich nicht.“

„Dann haben Sie gesehen, wie die Leiche verscharrt wurde?“

„Nein, das auch nicht. Was ich allerdings weiß: Alice und ihr Mann pflanzen die Rosen der Gärtnerei jeden März im Gewächshaus B an. Günther war über das Wochenende bei seinen Eltern, also machte sie es alleine. Dazu bestellte Alice Säcke frischer Rosen-Blumenerde. In den letzten Jahren blieb manchmal ein Sack, oder ein halber übrig. Dieses Mal blieben vier übrig.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich habe Magda nicht in die Gärtnerei gehen sehen, aber ich sitze auch nicht immer am Fenster, also wer weiß …? Allerdings habe ich Magda seit diesem Abend nicht mehr gesehen.“ Er ließ ihnen die Notizbücher auf dem Tisch liegen und stand auf. „Durchsuchen Sie das Blumenbett, oder tun Sie es nicht. Doch ich bin mir ziemlich sicher, dass, falls die Leiche dort unten liegt, dieser Fund zusammen mit meiner Zeugenaussage und den Notizbüchern als Beweis vor Gericht standhalten wird.“

Und so war es auch. Alice wurde verurteilt und Günther wirtschaftete die Gärtnerei nach kurzer Zeit zu Grunde. Heute wird die Gärtnerei mit demselben Namen, aber unter anderer Leitung geführt.

Unser Spanner jedoch blieb, wo er war – und gab auf uns Acht. Wir belästigten ihn nicht, winkten seinem Fenster nicht zu, damit er sich nicht für die Aufmerksamkeit schämen musste. Und einmal im Jahr brachten wir ihm einen Kuchen und eine Karte vorbei, als Dank für sein selbstloses Handeln.

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