„Nächstenliebe“ oder „Die Frau, die in 20 Minuten um 20 Jahre alterte“

von Lydia Wünsch

Der Zug rattert über die Schienen. Er bringt die Urlauber aus Italien zurück nach Deutschland. Auch die blonde Frau, die am Fenster sitzt. Sie ist um die fünfzig oder auch gut gealtert um die sechzig. So genau lässt sich das heute nicht mehr sagen. Ihr Ehemann gegenüber hört ihr andächtig zu. Sie schwärmt von ihrem Urlaub in der Toskana. Die herrliche Landschaft, das gute Essen, die Kunst und die Kultur!

Sie sieht gut aus. So braungebrannt, in ihrem weißen Sommerpullover. Frisch und erholt. Die blauen Augen leuchten bei ihren Erzählungen auf.

Der Zug hält. Weitere Personen steigen ein. Koffer rollen durch die schmalen Gänge. Menschen suchen nach ihren Plätzen. Auch eine vierköpfige Familie. Die Frau trägt ein Kopftuch und ein Kleinkind auf dem Arm. Sie findet ihre Plätze neben der Blonden, die jünger aussieht als sie ist.

„Das hier sind unsere Plätze“, sagt die Frau mit dem Kopftuch und zeigt auf den Platz neben der Blonden. Eine ihrer Reisetaschen liegt darauf.

Die Blonde ist irritiert.

„Wo sollen wir mit denn mit unseren Sachen hin?“ Sie fragt das so laut, dass auch andere Passagiere aufschauen.

„Ich weiß es nicht“, sagt die Frau mit dem Kopftuch, „aber das sind unsere Plätze.“ Mit ihrem freien Arm hält sie der Blonden das Ticket hin. Diese bewegt sich keinen Millimeter, als wäre sie zum Kampf bereit. Der Vater und die Tochter nehmen ihre Plätze auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges bereits ein. Die Sitznachbarn auf dieser Fensterseite haben sich bereits wieder ihren Büchern und Zeitschriften zugewendet.

Nur die blonde Frau kämpft noch mit sich. Auf ihrer Stirn haben sich plötzlich Falten gebildet. Ihre Arme hält sie verschränkt.

„Dann nehmen wir die Sachen eben runter“, beschließt nun der Mann der Blonden und hebt ihre Tasche endlich auf die Ablage über den Sitzen.

Die Frau mit dem Kopftuch nimmt nun auch endlich ihren Platz ein, ihren zweijährigen Jungen behält sie auf dem Schoß. Er quengelt und zupft der Mutter am Kopftuch herum. Die Frau lacht und zieht sich sich das Kopftuch wieder zurecht. Sie sagt etwas zu ihrem Mann, das die Blonde nicht verstehen kann, weil es eine andere Sprache ist.

Die Blonde drückt sich so gut sie kann an das Fenster. Den müden Zweijährigen würdigt sie keines Blickes. Genauso wenig wie seiner älteren Schwester. Sie hat langes braunes Haar und trägt ein pinkes Kleid. Was kleine Mädchen eben mögen.

(Eine Idee aus dem Off: Die Blonde könnte die Kinder anlächeln, vielleicht sogar mit ihnen spielen. Aber das geht ja nicht, denn sie sprechen eine andere Sprache ☹)

Der Schaffner kommt herein. Er kontrolliert die Fahrkarten der Familie. Ein Hoffnungsschimmer keimt in der blonden Frau auf. Hilfesuchend blickt sie ihn an. „Holen Sie mich aus dieser Hölle!“, ruft ihr Blick.

Und die Zeit drängt tatsächlich, denn sie wird mit jeder Minute älter und hässlicher, je länger sie neben dem Kopftuch sitzt.

Der Schaffner geht und die Familie bleibt. Sie müssen die Karten tatsächlich rechtmäßig erstanden haben. Die Blonde sieht zu ihrem Mann und rollt mit den Augen, die jetzt so gar nicht mehr strahlen wollen. Im Gegenteil, sie wirken fast kränklich, so glasig sind sie mittlerweile. Darunter haben sich Ringe gebildet.

Verzweifelte Versuche, sich mit Musik aus Kopfhörern und schöner Literatur Abhilfe zu verschaffen, scheitern kläglich. Wo bleibt die verdammte Kultur, wenn man sie mal braucht?

Die Blonde scheint zunehmend zu schwitzen. Vom Haaransatz zieht sich ein fettiger Film bis über ihre Stirn, die Furchen darin immer tiefer, sackt sie schließlich völlig in sich zusammen.

Da hilft auch all das Lesen nichts.

Nun sieht sie so alt aus, wie sie tatsächlich ist.

Und die ganze Urlaubserholung ist dahin.

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