Reißen

von Arina Molchan Ihre Gedanken waren wie ein Klumpen verknoteter Ketten aus angelaufenem Silber: ein unentwirrbares Durcheinander; ein schmutziges, stumpfes Schwarz, weggeschlossen in einer Schädelschatulle und dort vergessen. Sie waren schon vor langer Zeit oxidiert, weil die Wände des Büros schwefelgelb waren; weil die Lüfter der Rechner einen fauligen Atem herausröchelten, der dann durch die…

Liebesbotschaft

von Arina Molchan Carolin schloss das Fenster und hängte das rote Bettlaken über die Gardinenstange, um Nico und seinen Traktor nicht mehr sehen zu müssen. Ihr Zimmer roch schon genug nach Gülle – und Nico … er arbeitete bestimmt wieder im Hof, nur um ihr auf die Nerven zu gehen mit seinem Flaum unter der Nase und dem Caro, schau mal,…

Waldemar Popow hat eine Erleuchtung

von Arina Molchan Waldemar Popow schloss das siebte Lichtrentier an das Kabelnetz aus Timern und Verlängerungstrommeln an. Jetzt leuchtete sein kleiner Vorgarten wie eine Märchenlandschaft des Schreckens. Der Zaun hatte grüne Lichtpusteln an der Bambusblickschutzmatte, dazwischen wanden sich rote Neonseile um die Gitterstäbe und auf jeder Pike saß ein Schneemann, die schwarzen Knopfzähne zu einem…

Das Haus ohne Türen

von Arina Molchan Wir hatten schon von ihr geträumt, noch bevor sie den Weg zum Haus ohne Türen fand. Wir sahen sie kommen, in ihren staubigen Strohschuhen, mit ihren schwieligen Fußknöcheln – wie alle anderen herumziehenden Waisen vor ihr. Nur ein Weg führte zum Haus, vorbei an dem Feld, auf dem die Erde aufgeworfen war,…

Stumm[el]

von Arina Molchan Auf ihrem Nachttisch schwelte der volle Aschenbecher. Sie lag in der Mulde der Matratze, Sprungfedern in jedem Wirbel, und zerrauchte die karierten Papierröllchen zu Stummeln. Sie waren innen ganz leer, nur Grafit und Luft statt des Tabaks: Liedentwürfe von ihm, dem Mitbewohner mit der immer geschlossenen Zimmertür. Sie inhalierte ihren Sinn und…

Arrogant

von Arina Molchan Ihre Zähne. Von diesem Weiß, das einem unweigerlich die Frage in den Kopf treibt: „Sind meine Zähne zu gelb? Zu grau?“ Und die Frage: „Leuchten die ihren im Dunkeln?“ Sie lächelt und da bemerke ich es: das dunkelgrüne Etwas in der Rille zwischen dem Eck- und Schneidezahn. Ich starre es an und…

Butter & Sprühsahne

von Arina Molchan Sie liebte spitze Bleistifte. Vor allem aber das Geräusch, das kurze Zucken, wenn die frische Mine auf dem Papier brach. Sie schrieb Einkaufszettel damit und Hinweise an sich selbst. Wann, zum Beispiel, Gunther, der Nachbar, abends nach Hause kam. Er wohnte ihr gegenüber und hatte keine Frau. Oder die neuen Nachbarn rechts…