Sommerhimmel

von Lydia Wünsch

 

Wenn man nicht genau hinsieht, ist alles in Ordnung. Wie an diesem Sommertag. „Die Rosenbüsche blühen aber besonders schön in diesem Jahr“, sagte meine Frau, während sie unser Baby stillte. Sie saß im Gartenstuhl, unter dem Schatten eines Baumes und sah dabei verträumt in die zarten Wolken des blauen Himmels. Ich war gerade dabei, den Rasen zu mähen. Der Duft von frisch gemähtem Gras erinnerte mich schon seit meiner Kindheit an den Beginn des Sommers. Der Nachbar von nebenan grüßte mich, über das Knattern des Rasenmähers hinweg. Ich konnte ihn kaum verstehen, sah nur seine Handbewegung. Er wohnte in einem Haus mit weißem Gartenzaun. So, wie eigentlich alle in unserer Nachbarschaft. Er rief mir etwas zu, doch das Knattern war kaum zu übertönen. Es schien, als ob es immer lauter wurde. Ich stellte das Gerät ab um zu verstehen, was er mir mitteilen wollte, aber der Lärm blieb. Ein paar mal trat ich auf den Ausschalte-Knopf, bis ich realisierte, dass er nicht vom Rasenmäher herrührte. Zudem wurde er immer durchdringender. Die ganze Luft dröhnte und die Rosenbüsche vibrierten. Ich blickte umher, um die Quelle dieses ohrenbetäubenden Lärms zu finden. Der Gartenstuhl, auf dem meine Frau gesessen hatte, war mittlerweile verlassen. Sie war wohl mit dem Baby ins Haus verschwunden. Da sah ich meinen Nachbarn wieder. Diesmal zeigte er nach oben. Ich blickte also in den strahlend blauen Sommerhimmel; und das Flugzeug stürzte in meinen Garten.

 

Beim letzten Workshop der Prosathek entstanden Texte nach dem Verfahren “Tireur a la ligne” der französischen Gruppe Oulipo. Die Regeln: Alle Autorinnen beginnen mit demselben ersten Satz und enden mit einem anderen, der ihnen zugelost wurde. Die dazwischen entstehenden Geschichten werden von der Mitte her über Kreuz geschrieben. Dabei beginnt man mit einem Satz in der Mitte und setzt dann immer wieder einen weiteren Satz zwischen zwei Andere. Das Ergebnis sind diese erstaunlichen Geschichten. 

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