Das Wissen des Teufels

von Ina Nádasdy

Was wir wissen, ist ein Tropfen;
was wir nicht wissen, ein Ozean.
(Isaac Newton)

Ich weiß, dass ich nichts weiß.1 Eine sokratische Weisheit, die Christopher nur unterschreiben konnte. Ein Grund mehr, das Angebot des fremden Mannes anzunehmen. Dieser saß in britischer Manier mit überkreuzten Beinen ihm gegenüber und trank schwarzen Tee mit Milch.

„Wir dürfen das Weltall nicht einengen, um es den Grenzen unseres Vorstellungsvermögens anzupassen. Wir müssen vielmehr unser Wissen ausdehnen, so dass es das Bild des Weltalls zu fassen vermag.2 Denkst du nicht auch?“, fragte der Mann zwischen zwei Schlücken und rückte seine Krawatte zurecht.

„Das ist doch Unsinn. Das kann nicht funktionieren, was Sie mir hier versprechen.“ Christopher war nervös und aus alter Gewohnheit spielte er mit dem Stückchen Holz, das den Tisch, an dem sie saßen, als Nummer 6 deklarierte.

Der Mann hob eine Augenbraue, dann lächelte er. „Was hast du zu verlieren?“

„Sie versprechen mir also, dass ich alles wissen werde?“, fragte Christopher.

„Ja, alles. Nicht komplett auf einmal, das wäre in der Tat zu viel. Aber nach zwei oder drei Wochen, dann wirst du alles wissen.“

„Und was wollen Sie dafür?“

Der Mann nahm einen Schluck Tee. Er ließ sich Zeit dafür. „Das wirst du dann zu gegebener Zeit wissen. Du wirst es dir leisten können und es wird angemessen sein.“

Ha, dachte Christopher. Klingt wie ein Pakt mit dem Teufel; der Einsatz: seine Seele.

Der Mann lachte. „Nun sieh mich doch nicht an als wäre ich das Böse in Person.“

„Vielleicht sind Sie es ja.“

„Und wenn“, sagte der Mann. „Es gibt kein Gut und Böse. Wir stehen doch darüber. Das wirst du dann wissen.“

Es war zu bizarr. Was redete denn der Mann? Alles Wissen dieser Welt, einfach so? Quatsch! Aber ja, er hatte nichts zu verlieren. Und wenn er wirklich alles wissen würde, dann würde er es auch zu bezahlen wissen. Der Mann schien seine Gedanken erraten zu haben, denn er hielt ihm schon die Hand hin. Und Christopher schlug ein.

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Am nächsten Morgen fühlte sich Christopher kaum anders und hielt den Pakt nur noch für einen Schwindel. So lächerlich. Und so dachte er nach ein paar Tagen gar nicht mehr daran. Aber nach einer Woche schon, wusste er, ob Legenden wie das Monster von Loch Ness, der Yeti und die Bestie von Gévaudan real waren oder nicht. Er wusste, wo sich verschollene Kunstgegenstände befanden, falls sie noch existierten. Er kannte den Zweck von Stonehenge und den Nazca-Linien. Später verstand er auch geologische Anomalien, wie Kompassabweichungen bei dem Tor in der Bergregion des Hayu Marca und Zeitverschiebungen bei Überfliegen des Bermuda-Dreiecks.

Er verstand: Alles Wissen besteht in einer sicheren und klaren Erkenntnis.3 Von diesen Erkenntnissen wurde er nun jeden Tag mehr überschwemmt. Doch mit dem Wissen, wuchs der Zweifel.4 Dazu kam die Migräne, dann die Schwerfälligkeit. Das Staunen ist eine Sehnsucht nach Wissen.5 Aber nach einem Monat staunte er nicht mehr. Es gab nichts Neues mehr für ihn. Die Wunder der Wissenschaft erstaunten ihn nicht, denn er wusste es bereits. Und er wusste bald, dass weder sein Gehirn noch seine Psyche dafür ausgelegt waren, so viel zu wissen, was sie nicht gelernt hatten. Sein Leben war ab dem zweiten Monat ein Albtraum. Nachts träumte er schlecht, tagsüber war er überfordert, all die Daten und Fakten, die verschiedenen Positionen und Motivationen der Menschen zu ordnen. Und es gab keinen Weg zurück. Alles auf dieser Welt kann man rückgängig machen, nur nicht das Wissen.6

Eine Erkenntnis stand Christopher nun endgültig vor Augen: Niemand ist weiter von der Wahrheit entfernt als derjenige, der alle Antworten weiß.7 Denn es gab nicht die eine Wahrheit. Es gab so viele, in so vielen Facetten. Und Vielwisserei lehrt nicht Vernunft zu haben.8 Christopher konnte gar nicht mehr all die Fakten und Motive der Menschen ordnen, nicht bewerten und später auch nicht mehr unterscheiden. Es war zu viel.

„Fantasie ist so viel wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt9“, hatte Einstein gesagt. Und mit dem Wissen, das er hatte, mochte er recht gehabt haben. Weiß man aber alles, dann nimmt man die Grenze nicht mehr war. Und Fantasie hatte Christopher nicht mehr, die ertrank in all dem Wissen. Alles war farblos geworden. Es gab nichts mehr neues für ihn. Es war absoluter Stillstand. Und er wünschte sich nichts sehnlicher als ein letztes Mal Bewegung. Er nahm die Pistole und schoss.

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Der Mann saß an Tisch Nummer 6 und trank schwarzen Tee mit Milch, während er aus dem Fenster hinaus auf die Straße sah und die vorbeiziehenden Menschen beobachtete. Wenn der Mensch zu viel weiß, wird das lebensgefährlich. Das haben nicht erst die Kernphysiker erkannt, das wusste schon die Mafia.10 Und er hätte es auch wissen müssen. Er wusste es ja. Es gab schon einen Grund, warum der Baum der Erkenntnis nur Gott allein vorbehalten war. Dieser hatte ja gewusst, dass der Mensch aus Lehm und Staub nicht für solches Wissen geschaffen war. Aber es gab ja noch die Nachkommen zwischen Menschen und den Engeln, geschaffen aus Feuer. Die könnten damit umgehen. Und er will sie finden. Die Hoffnung stirbt zuletzt, wie man so schön sagt.

Wissen kann eine einsame Bürde sein. Kaum ein Engel glich ihm, und er glich nicht Gott. Aber er wusste, es gab jemanden, der ihm glich. Er wusste nur nicht, wer. Seit Ewigkeiten suchte er nach dem einen, der ihm glich. Nach Gesellschaft. Aber niemand hatte es bisher lang genug ausgehalten. Sie alle hatte der Wahnsinn befallen. Der Mensch hielt dem Wissen einfach nicht Stand. Aber es muss jemanden geben.

Oft hatte er es versucht. Wissenschaftler, Künstler, Philosophen. Ihnen allen hatte er Einblick gewährt; nie viel, nur etwas, und doch kamen sie nicht damit zurecht. Die wichtigsten Erkenntnisse wurden durch sie in die Welt getragen, die eindrucksvollsten Kunstwerke geschaffen. Aber sie hatten einen hohen Preis dafür zu zahlen. Und einige mehr als andere. Eine Schande war’s doch um den guten Munch, ein Jammer um Tesla. Diesem hatte er immer gern zugesehen. Er liebte Teslas Tick mit der Zahl 3. Sogar seine Lebensjahre ließen sich durch 3 teilen.

Und nur sehr wenigen hatte er die Möglichkeit gegeben, alles zu wissen. Aber er gab nicht auf. Eines Tages würde sich ein Mensch finden, mit dem er sein Wissen teilen konnte.

„Entschuldigen Sie, ist hier noch frei?“

Er blickte auf und sah eine junge Frau mit einer Lederumhängetasche, einem Laptop unterm Arm und einer Tasse Tee in der Hand. Er nickte und wies hier den Platz ihm gegenüber zu.

Dann sah er sie eindringlich an. „Ich habe ein Angebot für dich.“

1Sokrates

2vgl. Francis Bacon

3René Descartes

4Johann Wolfgang von Goethe

5Thomas von Aquin

6Alberto Moravia

7Zhuangzi

8Heraklit

9Albert Einstein

10Norman Mailer

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. siegelbruch sagt:

    Ich habe da doch glatt etwas für dich, was dich packen wird, ich hoffe nur, du schließt damit keinen Pakt. Warum? Ich packe nämlich alles aus, und die Wahrheit, die die Welt erschüttert, für die bekommt man nun einmal keinen offiziellen Applaus.
    Ausgepackt und nackt: http://upvs.wordpress.com

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