Der Zeitenwandler

von Rico Schieweck

Der Moment des Aufwachens ist schon etwas Seltsames. Diese Sekunden bevor man sich fühlt, seine Umgebung wahrnimmt. Dieser schwerelose Zustand, nicht wach, aber auch nicht mehr im Traum. Dieser Punkt, an dem man sich entscheiden kann, in die Realität zurückzukehren, oder doch weiterzudämmern.

Jetzt liege ich hier in diesem Zimmer. Die Sonne scheint durch das offene Fenster. Ich höre Vögel zwitschern; und das Tropfen des Wasserhahns. Meine Haut fühlt sich warm an, es riecht nach Desinfektionsmittel. Ich kann mich nicht bewegen. Alles tut weh. Was ist passiert?

Plötzlich, die Tür öffnet sich. Ein Arzt betritt den Raum. Vielleicht kann er mir sagen, was geschehen ist? Ich versuche zu sprechen. Kein Wort. Ich schmecke die Trockenheit. Nochmal. Wieder kein Wort. Ich muss meine Augen bewegen, mich verständigen. Links, rechts, links, rechts. Dann ein lauter Schrei. Was war das? Es muss aus dem anderen Raum kommen. Da wieder. Ein lauter Schrei. Da ruft doch jemand um Hilfe. Warum tut der Arzt denn nichts? Er scheint das gar nicht zu bemerken. Was ist hier los?

Okay, noch einmal, links, rechts, links, rechts. Schon wieder! Ein lauter Schrei. Das muss eine Frau sein. Dann ein Schuss.

Ich bin auf dem Land. Die Sonne scheint. Es ist warm draußen. Ich stehe gerade mit meiner Schwester auf dem Feld. Wir helfen unserem Vater. Es tut gut, sich zu bewegen. „Sohnemann, hilf mir mal mit dem Stroh!“, sagt mein Vater. Meine kleine Schwester sitzt am Wegesrand und spielt. Und da kommt meine Mutter. „Noah, schau dir diese Blumen an.“ Ich blicke in ihre Hand, dunkelrote Blüten. „Ein Gewitter zieht auf. Wir sollten gehen“, sagt Vater.

Ein lautes Krachen schallt durch den Raum. Ein Wagen rollt herein. Die Schwester stellt ihn neben mein Bett. Ein Eimer mit einem Lappen ist zu sehen. Sie wirft die Decke zur Seite und beginnt mich zu waschen. Ihre Hände sind kalt. Sie nimmt meinen Arm hoch und fährt mit dem Lappen an ihm entlang. Das Wasser ist lauwarm. Dann den anderen Arm, dann das Gesicht. Sie trocknet mich ab. Dann deckt sie mich zu und öffnet das Fenster. Mein Bett wird gedreht, ich kann jetzt aus dem Fenster schauen. Es riecht nach Regen. Durch die grünen Blätter der Bäume sehe ich einen Regenbogen.

Auf einmal ist da wieder diese schreiende Frauenstimme. Sie wimmert. Ich höre dumpfes Schlagen, Seufzen. Und da, Schritte. Es sind gleichmäßige Schritte. Links, rechts, links, rechts. „Bleib stehen!“, ruft einer, dann ein Schuss.

Ich sehe meine Mutter. Sie backt. Durch das Fenster leuchten die Blätter rotbraun. Es ist Herbst. Sie knetet den Teig. Immer wieder faltet sie ihn. „Noah, magst du mal probieren?“ Sie gibt mir ein Stück. Er schmeckt köstlich. Mutter sieht traurig aus. Sie formt den Teig zu Speerspitzen und Pistolen. Sie streicht sie rot an. Meine kleine Schwester betritt den Raum. Sie salutiert.

Die Tür von meinem Zimmer geht auf. Ein Mann betritt den Raum. Er trägt eine Uniform und eine Mütze. Er stellt seine Tasche auf den Tisch, nimmt sich einen Stuhl und setzt sich vor mein Bett. Mir ist kalt. Der Schatten seiner Mütze fällt tief in sein Gesicht. Ich kann es nicht sehen. Der Gesichtslose beugt sich über mein Bett. Die Kälte durchdringt meine Eingeweide. Er packt meine Arme. Ich kann mich nicht bewegen. Dann zieht er ein Messer aus der Tasche und fährt damit auf meiner Brust entlang. Der Raum verdunkelt sich. Ich höre ein lautes Pfeiffen.

Licht! Ich spüre die Hände des Arztes auf meiner Brust. „Er ist wieder da!“, sagt er. Die Sonne scheint. „Schwester, bleiben sie beim ihm. Ich hole den Chefarzt.“ Ich spüre mein Herz. Es schlägt langsam. Meine Augen werden schwer.

Es ist Winter. Mir ist kalt. Ich stehe in einer Reihe. Links und rechts Sterbende, die auf ihren kalten, nackten Füßen stehen. Es stinkt. Ich trage nur ein langes Hemd. Es schneit. Wir stehen anscheinend schon sehr lange hier. Ein Mann in Uniform geht an uns vorbei. Tief sitzt seine Mütze. Er scheint jemanden zu suchen. Genau blickt er uns an. Dann …

„Noah! Hören Sie mich? Noah, wachen Sie auf.“ Ich öffne die Augen. Ein weiterer Arzt steht vor mir. Wahrscheinlich der Chefarzt. „Nicht einschlafen, Noah. Er scheint zu reagieren.“ Der zweite Arzt und die Schwester helfen mir auf. Ich sitze. „Noah, wenn Sie mich verstehen, dann schließen Sie die Augen.“ Ich schließe sie. „Gut! Das haben Sie gut gemacht. Noah, wissen Sie, wo Sie sind? Einmal schließen für ja, zweimal für nein.“ Ich schließe zweimal die Augen. „Sie befinden sich in Berlin, in einem Krankenhaus. Wissen Sie welches Jahr wir haben?“ Zweimal Augenschließen. „Es ist der 29.05.1956.“ 1956? Wie kann das sein? „Sie fragen sich sicherlich, was passiert ist.“ Einmal Augenschließen. „Ich kann Ihnen auch nur das sagen, was mir gesagt wurde. Sie wurden im KZ Auschwitz gefunden. Sie wurden misshandelt. Man hat Ihnen den Unterkiefer entfernt. Sie waren fast tot. Als Sie hierherkamen, mussten wir Sie mehrmals wiederbeleben. Wir wissen leider nicht, ob ihre Angehörigen noch leben. Sie müssen sich jetzt erst einmal erholen und dann sehen wir weiter. Wollen Sie noch mehr wissen?“ Ich schließe die Augen.

Ich schmecke Blut. Mein Gesicht schmerzt. Es fühlt sich an, als würde ich brennen. Ich versuche meine Arme zu bewegen. Sie sind angekettet. Ich sitze auf dem Boden einer Gefängniszelle. Zwei Ärzte gehen an mir vorbei. „Ich bin mal gespannt, ob die Transplantation gelingt. Unsere Soldaten könnten damit neue Gesichter bekommen.“ Ich schaue mich um. Überall Operationstische und Skalpelle. Dann höre ich einen Schrei. Meine Schwester. Ich stehe auf. Mein Gesicht tut weh, mein Kopf dröhnt. Ich halte mich an den Gitterstäben fest. Ich versuche zu rufen, aber mein Mund brennt. Sie schreit und weint. Dann sehe ich sie. Sie sitzt in der Zelle gegenüber. Ihre beiden halben Arme sind verbunden. Die Verbände sind rot. Wo ist unsere Mutter? Plötzlich öffnet sich die Tür des Raumes und ein Arzt und ein Soldat treten ein. „Öffnen Sie die Zelle und stellen Sie das Kind hier in den Raum.“ Der Soldat folgt. Meine Schwester weint und schreit. Dann höre ich eine Frauenstimme. Sie muss aus einer anderen Zelle kommen. Das ist unsere Mutter! Sie schreit und brüllt. Der Soldat stellt das Kind in die Mitte des Raumes. „Öffnen Sie nun die Zelle der Frau!“, sagt der Arzt. Er stellt sich an mein Gitter und holt einen Notizblock heraus. Der Soldat öffnet die Zelle unserer Mutter. Sie stürmt zu meiner Schwester, umarmt sie, legt ihre Hände um ihren Hals und drückt fest zu. Solange, bis kein Seufzer mehr zu hören ist. Der Arzt macht sich eifrig Notizen. Nach einiger Zeit ist es vorbei. Mutter sitzt mit meiner Schwester im Arm auf dem Boden. Sie wippt sie hin und her. Als würde sie sie in den Schlaf wiegen. Dann gibt der Arzt das Zeichen, sie zu erschießen. Ich schließe die Augen.

Der Moment des Einschlafens ist schon etwas Seltsames. Dieser Moment, indem der Schleier des Grauens verschwindet und sich eine neue Welt offenbart. Dieser Augenblick, indem man vergisst, um weiter zu leben.

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. somi1407 sagt:

    Oh Gott, was grausam…

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    1. lydiawuensch sagt:

      Ja, schrecklich! Und leider nicht erfunden …

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  2. annikakemmeter sagt:

    Woher die Inspiration? Was war die Grundlage für diesen Text?

    Gefällt mir

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