Frische Tomaten

von Maria Kramer

Die Sonne steht bereits hoch am weiten Himmel, als Frau P. das Haus erreicht und innehält. Sie schließt ihre Augen, hebt den Kopf und atmet einen vorbeiziehenden Luftzug langsam ein.

Heute war Markt. Frau P. war früh am Morgen aufgebrochen, die vorübergehende Ruhe nutzend. Drei Tage zuvor hatte sich die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitet: Markttag. Der erste seit über einem Vierteljahr. Ein Hoffnungsblitz.

Mit dem Ausstoßen der Luft öffnet Frau P. ihre Augen wieder. Die Fassade hat Risse bekommen. Sechs Jahre sind eine lange Zeit. Für den Bruchteil einer Sekunde bleibt ihr Blick an einem der Risse hängen. Dann wandert er weiter zu ihren Händen. Sie betrachtet den Korb, den sie fest in ihrer rechten Hand hält und lächelt. Drei Tomaten vom Morgen hat sie noch bei sich. Für Herrn B., der früher Gemüsebauer war. Früher. Bis vor sechs Jahren.

Beim Übertreten der Türschwelle wirbelt die Bewegung ihrer Füße Staub auf. Ihre nackten Fußsohlen sind schwarz und lassen die kaputten Steine unter ihnen leise knirschen, als sie darüber gehen. Fünf Schritte, dann nach links, die Treppe hinauf. Die fünfte Stufe überspringt Frau P. Dort klafft mittlerweile nur noch ein Spalt, durch den man bis in den Keller hinabsehen kann. Die Dunkelheit dort unten behagt Frau P. nicht. Und wie das ewige Tropfen und Bröseln durch das ganze Gemäuer geht.

Oben angekommen blickt sie nach links, dort wo das Loch ist. Durch das Loch sieht sie die Zitadelle, wie sie erhaben vor dem blauen Himmel thront. Wie aufgemalt und eingerahmt, denkt sie. Scheinbar unverwüstlich und aus einer anderen Zeit. Sie schüttelt den Kopf, um sich dann nach rechts zu wenden und den kleinen Raum zu betreten, der dahinter liegt. Es ist düster hier. Die Luft riecht schwer und metallisch. Eine dunkle Spur zieht sich unförmig in Richtung des gegenüberliegenden Durchgangs. Mit langsamen Schritten durchschreitet Frau P. den Raum und betritt, rote Spuren hinterlassend, das Nebenzimmer. Das Zittern ihrer Füße bleibt unbemerkt.

Es knallt. Der Einkauf geht vor einem gefallenen Außenwandstück zu Boden. Die drei Tomaten –

Eine schafft es nicht mehr.

Sie verlässt das dunkle Zimmer. Zweieinhalb Meter bis zum Erdboden, auf den immer noch die Sonne scheint. Dort wird sie aufkommen. Wie durch ein Wunder unversehrt. Nur eine kleine Druckstelle wird sie davontragen, die sie zeitlebens an diesen Vorfall erinnern könnte. Noch während sie ihr Gleichgewicht wiederfindet, wird die Erde anfangen zu zittern. Erst leicht, dann immer stärker, bis der Panzer sich um die Ecke zwängt. Weitere zweieinhalb Meter, dann werden die gefurchten Rillen des Kettenbandes auf die glatte Haut treffen. Sie wird sich spannen und einen kurzen Moment innehalten, bis auch sie unter der Last, die auf sie eindrückt, nachgibt und das, was sie noch kärglich zusammengehalten hat, als breiige Masse auf der Straße verteilt.

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