Der Schlüsselmacher

von Victoria B.

Jeden Tag gehe ich nach der Arbeit an einem kleinen Laden vorbei. Er befindet sich an der Ecke einer Straße, die in eine Sackgasse führt. Die Schaufenster sind überladen, aber über der Tür hängt ein wirklich schönes Messingschild. Dass ich an diesem Tag den Laden betrat, konnte nur daran liegen, dass mir ein kleineres Schild mit Schnörkelschrift im Schaufenster aufgefallen war: Schlüsselmacher. Mehr stand nicht darauf.

„Sie können eintreten!“, sagte der Mann, dem der Laden gehörte.

Schon stand ich im Raum, der war wie die Schaufenster wirkten: völlig zugestopft. An der einen Wand tickten vielleicht hundert Uhren, an Form und Größe verschieden. Die anderen Wände waren voller Regale, auf denen sich Figuren und Spielzeuge aus Blech oder Messing türmten. Auf dem Boden standen Kisten voller Bücher, der ganze Laden duftete nach Antiquariat. Als der Besitzer um die Ecke bog, fiel mir als erstes die ölverschmutzte Schürze auf und dass er etwas polierte, das aussah wie ein Aufziehvogel. Dann erst bemerkte ich sein wirres Haar und die Lachfalten um seine Augen, die freundlich wirkten.

„Sind Sie der Schlüsselmacher?“, fragte ich und rückte mir meine Krawatte zurecht. Er nickte und legte das Ding aus der Hand.

Ich sah etwas genauer hin, da fiel mir auf, dass es ein Schlüssel war. Der Griff oval abgerundet und von außergewöhnlicher Schönheit.

„Einen Schlüssel, den bräuchte ich nämlich“, setzte ich an. „Mir fehlt da ein ganz wichtiger Schlüssel.“

Der Schlüsselmacher kratzte sich am Kopf und sah mich durchdringend an.

„Für was ist er denn?“

„Für eine Schranktür.“

„Und was ist mit dem ersten Schlüssel passiert?“
„Es gab nie einen.“ Ich zuckte die Schultern. „Das Küchenbüffet ist ein Erbstück. Ich habe es ohne Schlüssel bekommen.“
Er nickte wieder.
„Dann müsste ich mir ihre Schranktür mal ansehen.“
Also vereinbarten wir einen Termin und ich leistete eine Vorauszahlung für die Anfahrt. Bevor ich ging, musste ich noch anmerken:
„Aber ich hätte ihn gern mit so einer ovalen Abrundung, wie bei diesem da.“ Ich deutete auf den Schlüssel, den er vorher noch poliert hatte.

„Das ist möglich“, sagte er und dann verabschiedete ich mich.

Zwei Tage später empfing ich den Schlüsselmacher und führte ihn direkt in die Küche. Ich bot ihm Tee und Gebäck an, weil ich vorher noch ein dringendes Anliegen besprechen wollte. Als er in seiner Tasse rührte, sagte ich:

„Ich habe mir nochmal Gedanken über den Griff gemacht. Ich hätte ihn gern länglich anstatt oval. Trotzdem abgerundet. Aber nur in der Mitte des Griffs, so dass eine Mulde entsteht und man den Zeigefinger gut hineinlegen kann.“ Er machte Notizen. Zeichnete irgendetwas. Dann wollte er das Scharnier sehen. Leicht nervös stand ich hinter ihm, als er sich vor die Schranktür kniete und mit den Fingern darüber strich.

„Dürfte ich noch etwas fragen?“

Er nickte.

„Ich wüsste gerne, was für Materialien in Frage kommen.“

„Ich denke Metall“, antwortete er und sah mich entgeistert an. „Nur Metall.“

„Gut, ja“, sagte ich.

„Aber achten Sie darauf, dass es etwas im Kupferton ist, damit er mit dem Scharnier harmoniert.“

Dann versicherte er mir, dass der Schlüssel am Ende wie aus einem Guss sein würde, nahm seine Zeichnungen und ging.

Ich rief ihn daraufhin jeden Tag an und fragte, wie weit mein Schlüssel sei. Leider fielen mir jedes Mal noch ein paar kleine Änderungen ein, wie ein paar Rillen am Halm, eine Gravierung am Gesenk und ein Loch am Griff, für den dazu passenden Schlüsselring, den er mir aus demselben Material entwerfen sollte. So dauerte es ein paar Wochen, bis ich den Schlüssel endlich abholen konnte.

Als es soweit war, klopfte mein Herz bis zum Hals. Ich stand in der Mitte des Ladens und die Uhren schienen immer näher zu kommen. Die Figuren bewegten sich und die Bücher flüsterten. So aufgeregt war ich. Aus dem Hinterzimmer brachte der Schlüsselmacher eine Schachtel, die klein wie ein Schmuckkästchen war. Und aufgeklappt lag der Schlüssel meiner Träume auf blauem Samt: Rotbraun glänzend. Mit einem perfekten Griff, der gleichzeitig geschwungen, länglich und abgerundet war. Die Rillen am Halm zogen ihre Furchen hin bis zum Bart, die Gravierung am Gesenk war nicht zu klein, der Schlüsselring aus Kupfer strahlte mich an. Ich war kurz davor dem Mann die Hände zu küssen.

Zuhause ging ich zitternd zur Schranktür, klappte feierlich die Schachtel auf und schob den Schlüssel in das Schloss. Er passte. Doch als ich versuchte, ihn zu drehen, blieb er stecken. Ich schaffte es weder ihn zu wenden, noch bekam ich ihn aus dem Schlüsselloch. Ich rannte zum Telefon und versuchte mehrmals den Schlüsselmacher anzurufen. Weil meine Anrufe keinen Erfolg hatten, machte ich mich auf den Weg in den kleinen Laden, fast überzeugt, dass dieser mittlerweile verschwunden wäre. Doch das Geschäft war noch da, wie auch der Schlüsselmacher.

„Er funktioniert nicht!“, schrie ich vorwurfsvoll, sobald ich eingetreten war.

Da kam der Schludrian aus dem Hinterzimmer, grinste und zuckte mit den Schultern.

„Dass der Schlüssel das Schloss auch aufsperren soll, hatten Sie nie erwähnt.“

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