Herbstzeit

von Verena Ullmann

Um drei Uhr Nachmittag schiebt der Herbst seine Wolken vor. Es ist zu hell, das Licht anzuknipsen, denke ich. Gerade dunkel genug für eine Kerze. Aber ich habe keine hier. Mit dem Klacken des Wasserkochers bläht sich die Stille in meiner Wohnung wieder zu alter Größe auf. In der Tasse warten eingerollte, braune Blätter. Sie trinken von der flüssigen Wärme und ich sehe ihnen zu, während sie ihre Farbe verteilen. Ich schmecke das Gegenteil von Himbeereis, spüre, wie Geborgenheit vom Magen in das Herz steigt. Dann denke ich darüber nach, dass der Tee noch besser schmeckt, wenn du ihn zubereitest, deine Mutter oder meine. Jemand, der mehr Liebe rein gibt. Ich zuckere nach. Heimlich verblasst unsere Haut zusammen mit den Urlaubserinnerungen. Deine schneller als meine. Meinen Haaren hat die Sonne eine Farbe gegeben, die der Herbst bald den Blättern schenkt. Ich habe mir online längst einen Mantel bestellt, falls plötzlich der Frost vor der Türe stehen sollte. Aber der Paketbote lässt auf sich warten.

Ich trete auf den Balkon, der von Rinnsalen durchlaufen wird: Nieselregenansammlungen. Als würde jedes Wasser gerne Fluss sein.  Die gelben Stiefmütterchen im Blumenkasten saugen ihre Stängel voll und halten die Köpfe in den Regen. Ich tue es ihnen gleich und lasse den Sommersprossenrest benetzen. Sie brauchen die Sonne weniger, als du dachtest.

Der Tee dampft zwischen meinen klammernden Fingern: Auch er nimmt seine Farbe nicht mit. Die kalte, klare Luft treibt die Sommerschwüle aus den Lungenflügeln. Aufatmen. Eingehen – werden sie alle. Dass sie jetzt überhaupt noch blühen!, denke ich, trete an die Todgeweihten heran, rieche die feuchte Erde und widerstehe dem Drang, meinen Tee mit ihnen zu teilen. Ihr Gelb ist der letzte Rest Farbe in meinem Blickfeld. Dahinter verschwimmt das Betongrau der Einheitsfassaden mit dem Wolkenhimmel, als hätte man ins Unwetter gebaut. Ich trete zurück in die Wohnung. Es ist kein Abschied, sage ich zu den Blumen, nur eine Auszeit, zitiere ich dich. Denn der Frost ist noch weit weg. Und es sieht aus, als würden die Stiefmütterchen nicken im Wind. Kein Paketbote weit und breit.

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