Das, was noch bleibt

von Victoria B.

„Soll ich mich zu dir setzen?“ Nora suchte den Blick des Kindes. Klara reagierte nicht, sondern starrte einfach weiter auf die Papiertüte in ihren Händen. Stumm fuhr sie die Kanten nach und faltete sie über den Rand der Stickerpackung. Das war ihr Geschenk. Zum Einkleben in das Sammelalbum. Jeden Tag schleppte sie den kleinen, blauen Tierchenfriedhof in die Schule mit, in diesem riesigen Rucksack. Nora sah sich Klaras dürre Ärmchen an, die zu schwach waren, um die Haupttür des Wohnhauses zu öffnen. Wie bekam sie den Rucksack eigentlich hoch? Sie hatte ihn auf dem Schoß und umklammerte das Plastik-Stoffding, als wäre es eine Boje, an der sie mit ihrem Leben hing. „Soll ich mich zu dir setzen?“ fragte Nora nochmal lauter. „Ist schon ok.“ Das war deutlich. „Na gut, dann bleib ich gegenüber!“, sagte sie bemüht fröhlich. „Wäre schön, wenn wir beide mal miteinander in den Urlaub fahren würden, oder?“, startete sie ihren zweiten Kontaktversuch. Am Anfang war es immer so schwer mit ihr. Klara legte den Kopf ganz leicht zur Seite, sah aber weiter auf ihre Finger. Ein Nein war es auf jeden Fall nicht. „Willst du später Pizza essen?“, versuchte sie es weiter. Das Kind nickte. Immerhin wollte sie Pizza. ‚Essen bedeutet sich-wohlfühlen’, jubelte Nora innerlich. „Und wir können auch einen Film sehen. Magst du?“ Klara nickte wieder. „Den mit den Bären?“, hauchte sie und sah von der Papiertüte auf. „Na klar! Den mit Bären!“, freute sich Nora etwas zu laut. „Entschuldigung“, sagte sie, „ich…“, begann sie, aber stockte dann. ‚Nur nichts überstürzen‘, sagte sie sich und lächelte das Kind tapfer an.

‚Es ist ein scheiß Gefühl, dass sie nicht mehr bei mir wohnt‘, dachte sie sich auf dem Weg zu ihrem Reihenhäuschen. Sie hatte Klara an der Hand. Ab und zu zischte ein Auto an ihnen vorbei, dann drückte Nora fester zu. Sie liefen die Nussbaumallee entlang, wie jedes Mal. Und Klara schwieg wie immer bis vor dem Gartentor. Dann taute sie etwas auf. „Die Vögel haben ja gar kein Wasser mehr in ihrem Badeteller“, bemerkte Klara dieses Mal. Nora schmunzelte und öffnete die Haustür. „Das werden wir gleich auffüllen, versprochen.“ Klara zog die Jacke aus und ihre Hausschuhe an, die Nora am Morgen noch aus dem Schuhschrank befreit hatte. Dort waren sie an allen anderen Tagen der Woche versteckt, damit sie die leeren Augen der Plüschelefanten nicht beim Fortgehen oder Heimkommen ertragen musste. Nora machte Pizza und nach dem Essen ging es auf den Spielplatz. Klara setzte sich auf die Schaukel und Nora stupste sie an. Klara kletterte auf die viel zu große Wippe und Nora setzte sich gegenüber, wo sie das andere Teil kontrolliert bewegen konnte. Nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig, das war die Kunst. Auf dem Klettergerüst hielt sie Klaras Hand und stützte sie ab, als sie in den feuchten Sand sprang. Und als sie am Abend schließlich den Film mit dem Bären sahen, lachte Klara zwei Mal. Wie immer. Und wenn sie dann im Bett lag, erzählte Klara von der Schule und den Haustieren der Nachbarn. „Flöckchen hat ein Baby bekommen.“ Nora machte große Augen. Nickte gespannt und verkniff sich die Tränen. Klara bekam eine Geschichte und einen Gutenachtkuss, dann heulte Nora noch ein bisschen vor ihrer geschlossenen Zimmertür.

Beim Frühstück erklärte Klara ihr den Unterschied zwischen Hunden und Füchsen und auf dem Weg zum Café in der Sonnenstraße erfuhr Nora, dass Pinguine Eier legten.     „Die sind irgendwie Vögel und Fische, aber trotzdem so lieb wie Eisbären.“ Nora lachte, stellte weitere Fragen und es tat weh, dass es so schön war. Vor dem Café drückte sie das Kind und flüsterte ihr ins Ohr, dass sie nächstes mal Pizza essen und einen Film sehen könnten. Klara strahlte und hievte den Rucksack unter großer Anstrengung auf ihre viel zu kleinen Schultern. Dann winkte sie und verschwand in das Café. Als der blaue Opel vorfuhr, wusste Nora, dass es an der Zeit war, zu gehen. Kurz vor der Ampel warf sie noch einen Blick zurück und sah, wie Klaras Mutter in durch die Cafétür ging. Klaras echte Mutter. Die Mutter, die sie auch geboren hatte.

Auf dem Weg zum Bus blieb ihr Blick an der Parkbank vor dem Spielplatz hängen. Sie sah nicht weg. Erinnerte sich daran, wie sie mit Klaras Vater und Klara dort zusammen Eis gegessen hatte, nach den Besuchen bei ihrer Mutter. Und wie sie zu dritt gelacht hatten, als könnte es immer so bleiben. Als Klaras Vater starb, war nichts mehr wie zuvor. „Es ist ein scheiß Gefühl, wenn ein Teil von dir einfach nicht mehr da ist, und das, was dir bleibt, nicht offiziell zu dir gehört“, sagte sie laut. Und dann versuchte sie, sich aufs nächste Wochenende zu freuen, bis ihr die Plüschelefanten-Hausschuhe beim Heimkommen einen traurigen Blick zuwarfen.

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