Bestimmung

von Sophia Thomsen

Die Wände zwischen den Welten sind dünn geworden. Wenn man sein Ohr an den heißen Asphalt legt, hört man die Seelen in der Vorhölle miteinander sprechen. Sie flüstern, sie raunen und manchmal jammern sie.

„Ich würde so gerne Tee trinken. Wo bekomme ich Tee her?“

„Schau, hier ist noch ein letzter Beutel Earl Grey. Ich habe ihn in meinem Mund hergebracht, zwischen Zunge und Gaumen hielt ich ihn versteckt. Eine halbe Ewigkeit habe ich ihn aufgehoben und jetzt schenke ich ihn dir.“

„Wie soll ich Tee machen, wenn es kein Wasser gibt?“

„Da vorne ist ein Riss. Durch den Riss tropft es, jeden Tag ein einziger Tropfen. Wenn du ihn auffängst, hast du in einem Jahr genug.“

„Ein Jahr, zehn Jahre, hundert Jahre – was bedeutet das hier schon. Stell dir vor, wie er duften wird. Wie er schmecken wird.“

„Wie soll ich das Wasser kochen?“

„Meine Hände sind heiß. Du wirst den Tee aus meinen heißen Händen trinken und ich werde es so genießen, als würde ich ihn selber trinken. Vielleicht noch mehr als das.“

„Denk nur, der Tee in deinem Mund. An deinem Gaumen. Wie warm er deine Speiseröhre hinunterrinnt und sich im Magen sammelt.“

„Ich erinnere mich noch daran, wie der Dampf kreiselt und tanzt.“

„Die Spiegelung in der rötlichen Oberfläche, wenn der Tee glatt und ruhig da liegt. Wie Bernstein.“

„Eine Tasse aus Porzellan, so fein, dass die Lippen kaum die Berührung spüren. Ein kühler glatter Hauch.“

„Kandis, ich muss immerzu an Kandis denken…“

Kandis.

Jemand seufzt.

„Wo kriege ich bloß Kandis her?“,

sagt die Stimme bekümmert, und bevor ich weiter lauschen kann beben die Schienen, die Straßenbahn wälzt sich an die Haltestelle heran, kreischend bremsen Räder und schlagen Funken und die Fahrgäste steigen ein.

Als wir weggefahren sind, ist es still, nur die Oberleitungen klingen noch eine Weile nach.

Dann sagt eine sorgenvolle Stimme aus dem Asphalt:

„Ich hatte immer so schöne Haare. Ich möchte doch einmal wieder meine Haare kämmen. Hat hier vielleicht jemand einen Kamm?“

Und  vielleicht antwortet ihr jemand, der einen Zahnstocher mit hinuntergebracht hat, und ihn hundert Jahre in seiner rechten Achselhöhle aufbewahrt hat, für genau diesen Augenblick in dem jemand sagt, dass er so gerne seine Haare kämmen würde.

Foto: Ivandrei Pretorius, Pexels

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