Vollnarkose

von Verena Ullmann

Es fühlt sich komisch an, auf einem Bett durch die Gegend geschoben zu werden, wenn man doch zwei gesunde Beine hat und sich auch sonst recht fit fühlt. Mein verunsicherter Chauffeur sagt nach jeder Kurve bestätigend „So“,  bugsiert mich durch unnötig mitleidige Blicke und parkt mein Bett dann, wie ein Auto vor der Waschanlage, vor einer mit „Umbettung“ beschrifteten Schiebetür. Die Tür geht auf, man nennt meinen Namen, rollt mich rein und ich muss umsteigen. Ich hieve meine halbnackte, klebrige Rückseite vom Bett auf die bereitgestellte Liege und spüre sie gleich mit dem Kunststoffbezug verschmelzen. Man schnallt mich trotzdem an der Hüfte fest, fixiert auch beide Handgelenke und lässt meine Armbanduhr in einem weißen Umschlag verschwinden, als wäre das alles selbstverständlich. Man lächelt mich an, deckt mich mit einer weißen, vorgewärmten Decke zu, setzt mir eine Haube auf und fährt mich durch die nächste Schiebetür auf der steht „Einleitung Anästhesie“. Man lächelt wieder, nennt meinen Namen, um nicht die Falsche aufzuschneiden, sticht mir eine Nadel in die Vene und klebt ein paar Elektroden auf meine Haut. Dann legt man mir eine Blutdruckmanschette an, klemmt etwas an meinen Zeigefinger und verkabelt mich mit einem Monitor. Man bittet mich um Geduld und lässt mich alleine. Über mir zwei helle Neonröhren, ein Feuermelder mit der Nummer 54238/1, dahinter kreisförmig angeordnete Lüftungsschlitze, wie eine schwarze Sonne auf weißem Grund. Eine langweilige Uhr an der Wand gegenüber, Viertel nach Zehn, kaum Farben. Die Manschette pumpt sich auf und schnürt mir meinen linken Arm ab. Der Monitor piept. Oben sehe ich mein Herz schlagen. Es zeichnet eine Reihe hellgrüner kleiner hs auf den Bildschirm: h_h_h_h_h wie Herz. Darunter in Braun mein Puls, schätze ich, gleichmäßiges Gekrakel, mit einer Zahl versehen, auf die ich nur wenig Einfluss habe. Die Manschette bläst sich wieder auf, zwickt mich, atmet wieder aus, schickt dem Monitor zwei Zahlen durch die Kabel: 100/58. Dann entdecke ich in der dritten Bildschirmzeile meinen Atem und beginne zu zeichnen. Ich atme steil ein und puste den weißen Strich tief nach unten, ich atme eckig und dann abgerundet, ich hechele eine zarte Schlangenlinie über die ganze Zeile. Ich atme noch einmal bis zum oberen Rand ein und halte dann die Luft an. Eine gerade Linie wandert von links nach rechts. Die Zahl am Zeilenrand fällt: 10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1, 0 Atemzüge pro Minute. Ich atme wieder ein, bevor der Monitor mich verpiepst. Elf Uhr. Der Arm wird gezwickt. Die Wellen werden schöner. Neonröhren, Feuermelder, schwarze Sonne, Uhr. Keine Farben, nichts zu sehen, außer Herz und Atem. Augen zu. Arm kämpft. Rücken klebt. Magen knurrt. Augen auf, fast Dreizehn Uhr. Die Tür geht auf. Man nennt meinen Namen, entschuldigt sich für die Wartezeit und sagt „Jetzt geht es los“. Man hält mir eine Sauerstoffmaske vors Gesicht, Plastikgeruch, Husten. Man spritzt etwas in meine Vene, noch einmal, mein Körper gibt jeden Widerstand auf: Die Nadel, die Manschette, die Fesseln vergessen. Das Piepen verschwimmt. Eine schwarze, vorgewärmte Decke wickelt sich um mein Gehirn. Fühlt sich so Sterben an?, frage ich mich. „Denken Sie an etwas Schönes“ höre ich noch, verdränge die Frage, ob Sterben etwas Schönes sein könnte und rudere zurück. Die schwarze Sonne geht unter, die Uhr sinkt mitsamt der Wand auf meine Augenlider. Es fühlt sich komisch an, auf einem Bett durch die Gegend geschoben zu werden. „Haben Sie schön geträumt?“, fragt man mich. „Ja“, antwortet mein Mund und lächelt. „Was denn?“ „Ich weiß es nicht mehr“, sagt mein Mund wieder. Mein Gehirn strampelt die schwarze Decke weg. Darunter finde ich nur einen Nachgeschmack des schönen Traums. Keinen Inhalt. Die Lider gehen auf. Neonröhren, Feuermelder, schwarze Sonnen ziehen vorüber. Die Manschette packt mich am Arm, ist ja gut, ich bin noch da. Der Monitor piepst, mein Herz zeichnet hs in Schönschrift, mein Atem einen Ozean, der Magen knurrt, der Zeigefinger ist eingeklemmt. Die Liege ist weg, stellt mein Rücken fest. Ich liege im Bett. Die Handgelenke befreit, ums linke meine Armbanduhr, als wäre nichts gewesen. Das Bett rollt weiter und es fühlt sich schön an, zu leben.

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